Störendes Sterben im Hotel Abgrund

Puccinis Oper "La Bohème" auf der Bregenzer Seebühne

Die Opernaufführungen auf der Bregenzer Seebühne bilden die Höhepunkte der Festspielsaison am östlichen Ufer des Bodensees, und wenn das Wetter mitspielt, ergeben sich unvergessliche musikalische Erlebnisse, die den reizvollen landschaftlichen Kontext des Sees und des Abendhimmels in die Aufführung einbeziehen.
Die Seebühne am Abend
Die Seebühne am Abend

Nach den erfolgreichen Inszenierungen "großer" Opern wie "Porgy and Bess" oder "Ein Maskenball" mit weiträumigen, konfliktgeladenen Aktionen hatte man mit Puccinis "La Bohème" in diesem Jahr ein eher als "Kammeroper" zu bezeichnendes Werk ausgewählt, das sich durch seine Intimität und psychologische Linienführung auszeichnet. Allerdings ist diese Auswahl in engem Zusammenhang mit der Hausoper "Of Mice and Men" zu sehen, die sehr ähnliche Motive - so den Traum als Flucht vor dem Leben und das Symbol der Kälte für soziale Isolierung - aufweisen.

Puccinis Oper basiert auf dem Fortsetzungsroman "La vie de la Bohème" des Franzosen Henri Murger, in dem dieser Mitte des 19. Jahrhunderts das selbstverliebte, realitätsferne und narzisstische Leben junger Künstler in Paris beschreibt. Puccini und seine Librettisten haben diese lose Sammlung einzelner Episoden in eine straffe und auf das Wesentliche begrenzte Form gebracht, die in einer nur zweistündigen Aufführung ohne Pausen mündet.

Der Schriftsteller Rodolfo, der Maler Marcello, der Philosoph Colline und der Musiker Schaunard teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie haben kein Geld, übeschätzen ihr Talent und fühlen sich als die kommende Generation großer Künstler, die an keine bürgerlichen Konventionen gebunden sind. Allerdings quälen sie auch die Frustrationen ausbleibender Inspiration und fehlender Anerkennung. Bereits im ersten Bild verbrennt Rodolfo daher sein Roman-Manuskript und Colline ist es nicht gelungen, auch nur ein Buch zu verkaufen. Nur Schaunard hat offensichtlich irgendeinen Erfolg zu verbuchen und überrascht die anderen mit Brot und Wein,die man außerhalb der kalten Wohnung zu genießen denkt. Bevor jedoch Rodolfo als letzter den Raum verlassen kann, tritt seine kranke Nachbarin Mimi mit der Bitte um eine Kerze ein. Der nachbarliche Kontakt erzeugt erst Nähe und bald Verliebtheit, und für die schüchterne und verarmte Mimi zeichnet sich so etwas wie ein Lichtblick am grauen Himmel des Pariser Alltags ab.

Das zweite Bild zeigt als Kontrast die konfliktreiche Beziehung zwischen Marcello und der selbstbewussten Musetta, die weder mit noch ohne Marcello leben kann und derzeit mit einem ihr hörigen Greis umherzieht. Diese beiden brechen in die Feier der vier Künstler ein, zu der Rodolfo auch Mimi mitgenommen hat. Musetta weiß um ihren erotischen Wert und setzt ihn gegenüber den Männern geschickt in Szene. Es gelingt ihr, ihren Verehrer nicht nur hinauszukomplimentieren, sondern ihn nauch noch die Zeche für die ganze Gesellschaft zahlen zu lassen. Dies wird szenisch recht originell umgesetzt, indem der alte Dandy auf einen überdimensionierten Füllfederhalter wie auf eine Rakete gesetzt und in die Senkrechte gehievt wird. Dabei entblättert sich die in das Schreibutensil eingravierte Stripperin, wie man es von diesen frivol-kitschigen Scherzartikeln der fünfziger Jahre kennt...
Probenfotos
Probenfotos

Während des Winters leidet Mimi unter Rodolfos unbegründeter Eifersucht, und man trennt sich, nur um wieder zusammen zu finden. Im Frühjahr dann treffen sich die vier Freunde wieder zu frivolen Scherzen - sie schmieren sexuelle Grafittis an die Wand - in dem Atelier, als plötzlich Musetta mit der sterbenden Mimi hereinplatzt. Die jungen Männer, Rodolfo, sehen Mimis Krankheit mehr als lästige Störung und verfallen in vordergründigen Aktionismus, ohne jedoch wirklich an den nahenden Tod zu glauben. Dieser treibt sie dann unbarmherzig aus ihrem leichtlebigen Bohème-Paradies, als Mimi ihren Geist in den hastig zusammengesuchten Decken aushaucht. Rodolfo will es bis zuletzt nicht glauben und muss erst von seinen Freunden darauf hingestoßen werden, das sie nicht schläft....

Puccinis Musik, zeitlich zwischen Verdi und Richard Strauss angesiedelt, bildet die Zerrissenheit der unglücklich-seligen Künstler-Gemeinde detailliert nach. Die Zeit der großen Gefühle und dramatischen Konflikte einzigartiger Individuen ist vorbei und damit auch die zugehörigen Arien und geschlossene Musik, die Verdi, ganz dem romantischen Duktus des frühen 19. Jahrhunderts folgend, noch glaubwürdig auf die Bühne bringen konnte. Puccinis Musik "zerfällt" dagegen in einzelne musikalische Psychogramme und wird deshalb auch oftmals zu Unrecht als "veristisch" abgewertet. Sein "Verismus" ist keine Programm-Musik im Stile der dahinfließenden "Moldau", sondern bringt die unterschiedlichsten, von Worten nur vordergründig verdeckten Emotionen der Protagonisten zum Vorschein.

Dadurch wird Puccini natürlich weniger "konsumierbar", das mitsummende Wiedererkennen bleibt beschränkt auf die wenigen, durch Wunschkonzerte leider stark in Mitleidenschaft gezogenen Arien. Doch selbst diese werden nie in großem Bogen gesungen, sondern brechen immer nach kurzem Aufschwung ab, ein Zeichen für die kurzlebigen und schwachen Gefühle der Bohemiens.

Da die Aufführung im italienischen Original stattfindet und auf der Seebühne kein elektronisches Laufband existiert, sollte man Libretto und Text recht gut kennen, um der Oper im Detail folgen zu können. Die Handlung selbst bietet nicht viele Hilfen für das Verständnis der Abläufe, besteht sie doch aus nur wenigen Aktionen. Das Wesentliche spielt sich in den - gesungenen - Dialogen und Monologen der Personen ab. Das Verständnis der hinter diesen Unterhaltungen herrschenden Metalität und Lebensauffassung lässt sich nur durch die Art und Weise der musikalischen Entlarvung der Worte verstehen, so wenn Marcello nach Mimis Tode in emphatisches Selbstinzenierungslamento ausbricht.

Orchester und Sänger zeigten sich an diesem Abend nicht zuletzt dank bester Wetterverhältnisse auf der Höhe ihrer Kunst. Beein- druckend vor allem Mary Plazas als sehr zarte aber dennoch die Bühne füllende Mimi und Stefanie Krahnenfeld als resolute, ihre erotischen Reize voll ausspielende und den Bühnenraum nutzende Musetta. Die Spannung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen und dennoch voneinander abhängigen Frauentypen hatte etwas Faszinierendes, gegen das die Männerrollen wenig zu setzen hatten. Daniel Broad gab einen stimmstarken und wankelmütigen Marcello, während Alfred Portillo den impulsiven und zornigen Rodolfo mit viel Verve spielte. Beide sind als Rollen jedoch eindimensional angelegt - eben "Bohemiens" - und erreichen nie die menschliche Tiefe oder Stärke einer Mimi oder Musetta. Colline und Schaunard bleiben bewusst blass und sollen das Künstlerquartett nur ergänzen, hatten jedoch in Markus Marquardt und Toby Stafford-Allan überzeugende Interpreten.

Die Regisseure Richard Jones und Antony MacDonald hatten das dramaturgische Problem einer für die weite Seebühne relativ kleinen Besetzung und einer sparsamen Handlung durch einen umfangreichen "Chor" gemildert, der hier allerdings weniger singt, sondern die Handlung nahezu durchgängig durch ausgelassenes Feiern begleitet. Die letzte Szene markiert dann noch einmal überdeutlich die Botschaft: selbst der Tod wird durch eine "Party" verdrängt und "weggefeiert". The show goes on! Das ist die Bohème des 21. Jahrhunderts. Der Philosoph Georg Lukacz hat das Syndrom des Feierns angesichts des Todes einmal mit dem treffenden Ausdruck "Hotel Abgrund" belegt.

Das Bühnenbild besteht aus einem überdimensionalen Pariser Bistro. Die Tische mit dem unvermeidlichen dreieckig-gelben Ricard- Aschenbecher messen gut zwanzig Meter im Durchmesser, und auf den als Scheinwerfergerüste dienenden Stühlen könnten Dinosaurier sitzen. Im Hintergrund zeigt ein riesengroßer Postkartenständer mal triste Einblicke in die Pariser Armenviertel, mal eine leicht bekleidete Tänzerin aus dem Vergnügungsviertel. Nichts ist so wie es aussieht, der Schein trügt, die Realität ist gnadenlos.

Bei aller Konsequenz und Folgerichtigkeit dieser Inszenierung ist jedoch kritisch festzuhalten, dass man mit der "Bohème" nicht gerade die ideale Oper für eine Freibühne dieses Ausmaßes - 7000 Zuschauer - ausgewählt hatte. Die Aktionen auf der Bühne packen das Publikum nicht, das großenteils zu weit weg sitzt, die Texte nicht versteht und sich das Verständnis der Abläufe mühsam erarbeiten muss. Vielleicht sollte man zukünftig für die Seebühne doch wieder mehr an Opern wie "Porgy and Bess" denken, warum nicht mal die "West Side Story"?

Der Beifall war denn auch nicht so begeistert wie es den Leistungen der Darsteller angemessen gewesen wäre. Viele Zuschauer hatten schon bald denVersuch aufgegeben, der Handlung "en detail" folgen zu wollen, und "genossen" einfach die Musik, wie es viele Abonnementsbesucher auch tun.

Frank Raudszus