Absurdität des Daseins im Doppelpack

Büchners "Leonce und Lena" und Ionescos "Stühle" an einem Abend
Der "Zangenangriff" bezeichnet beim Militär und manchmal auch im Sport die Taktik, einen Gegner mehr oder weniger gleichzeitig von zwei gegenüber liegenden Seiten anzugreifen. Regisseur Heinz Kreidl hat eine ähnliche Vorgehensweise angewandt, um den Widersprüchen und der absurden Seite des menschlichen Daseins auf die Spur zu kommen. An einem einzigen Abend verbindet er zwei zeitlich so weit auseinander liegende Theaterstücke wie Georg Büchners "Leonce und Lena" und Eugene Ionescos "Die Stühle" zu einem abendfüllenden Theaterprogramm über Fragwürdigkeit und anrührende Lächerlichkeit menschlicher Existenz. Den Zeitsprung von über hundert Jahren ersetzt Kreidl dabei durch eine eher einem Gedankenstrich ähnelnde Pause von einer knappen Stunde, die den Besuchern gerade die Möglichkeit lässt, das erste Stück sinken zu lassen und sich auf das zweite vorzubereiten.


Das Bühnenbild mit dem Brunnen am Luisenplatz

Büchners "Leonce und Lena" folgt dem Modell eines Märchens: Prinz Leonce aus dem Reich Popo und Prinzessin Lena aus Pipi sollen sich nach dem Willen der Eltern vermählen, haben dazu jedoch beide keine Lust und fliehen ins Land, wo die Zitronen blühn. Natürlich treffen sie sich dort und verlieben sich "inkognito" ineinander. Erst bei der Rückkehr und bei einer maskierten Hochzeit erkennen sie einander wieder und sehen sich beide getäuscht.

Schon das Ende in seiner Knappheit zeigt deutlich, dass dieses Märchen von dem üblichen Schema insofern abweicht, als die jungen Leute das Happy-End nicht als solches begreifen, da ihr Ausstieg hinterrücks - durch den Zufall? - zur Bestätigung des Establishments gerinnt und somit ihr Protest entwertet wird. Hilflos stehen die beiden am Ende vor dem Publikum und versprechen - wie im Theater üblich, das die Geschichte morgen und noch an vielen Tagen von vorne beginnen und den selben Verlauf nehmen werde. Betrachtet man die Büchnersche Darbietung dieses Märchens, dann kann man diesen Hinweis nur noch als Resignation oder Zynismus verstehen.

Trotz des märchenhaften Sujets ist das Stück alles andere als Kindertheater zur Weihnachtszeit. Büchner hat nicht zuletzt wegen der drohenden Zensur zu diesem Verfremdungstrick gegriffen und das Ganze in den Mantel eines naiven Märchens gehüllt.

Der Text spricht denn auch Klartext. Von Anfang bis Ende steht das reaktionär-autoritäre System im Mittelpunkt einer nur schwach kaschierten Kritik. Jeder Satz sitzt und trifft einen Missstand der herrschenden Gesellschaft. Dabei stehen der aufsässig-gelangweilte Leonce und sein etwas heruntergekommener Begleiter Valerio im Mittelpunkt. Letzterer darf die Zustände aus der bitteren Perspektive des sozialen Verlierers kommentieren, sozusagen mit der Freiheit des Narren. Leonce dagegen soll mit Hilfe der Hofschranzen zum nützlichen Mitglied der Gesellschaft gewandelt werden, und diese heuchlerisch-gebückten Gestalten haben die undankbare Aufgabe, dem jungen Mann die Wünsche des Vaters nahe zu bringen.

Regisseur Heinz Kreidl hat die Geschichte - was liegt näher bei Büchner? - ins heutige Darmstadt verlegt. Auf der Bühne prangt eine lebensgroße Kopie des Brunnens vom Luisenplatz, und um diesen herum hängen seltsame Gestalten, eben wie man sie an diesem Platz heute sieht. Während Leonce (Markus Frank) mit nacktem Oberkörper und langem Pelzmantel "cool" am Brunnen lagert, geistert Valerio (Jo Kärn), bei Kreidl offensichtlich nur Zufallsbekannter von Leonce, als Penner mit langem, fasrigen Haar von Mülltonne zu Mülltonne und verbreitet dabei die Weltschau der Unterdrückten. Lenas Gouvernante (Leonore Endreß) ist in dieser Inszenierung ebenfalls Dauergast am Darmstädter Brunnen und nimmt sich der verzweifelnden Lena (Janina Sachau) eher zufällig an, die auf der Flucht vor der Zwangsheirat mit dem fremden Prinzen Leonce auf diese Gesellschaft stößt.

Satirisch-grotesk überzeichnet Kreidl die Hofgesellschaft. Um den König von Popo (Klaus Ziemann) - man beachte die verächtliche Pose der kindlich-fäkalen Ländernamen - schwirren steif und verängstigt die Karrieristen wie der hinkende Hofmeister (Rolf Idler), der salbadernde Präsident (Till Sterzenbach), der servile Hofprediger (Aart Veder), der sich am Brunnen aus Versehen eine Dose Kokain "reinzieht" und für den Rest der Szene mit verdrehten Augen herumwankt, der eilfertige Schulmeister (Hubert Schlemmer) und der schleimige Landrat (Olaf Weißenberg). Franziska Sörensen spielt die Rosetta, die Leonce anfangs am Brunnen Gesellschaft leistet. In Heinz Kreidls Inszenierung kommt Büchners Anliegen gestochen scharf zur Geltung. Seine Sprache korrespondiert mit der Szene der heutigen Aussteiger und deren Ablehnung bürgerlicher oder autoritärer Strukturen und wirkt dadurch höchst aktuell. Bühnenbild und moderne Kostüme unterstützen diese Wirkung mehr als dass sie sie kreiieren.

Wenn am Ende das freiwillig-unfreiwillig vermählte Paar an den Bühnenrand tritt und ankündigt, dass diese Geschichte fortan bis in alle Ewigkeit so weitergehen werde, dann wird darin die Resignation Büchners über die hoffnungslos verkrustete Gesellschaft seiner Zeit auf den Punkt gebracht. Nach der Pause versammelten sich die - übrig gebliebenen - Zuschauer auf der Bühne des Kleinen Hauses. Nur ein Teil des Publikums des ersten Teils hatte sich dieser Mühe unterzogen. Vor dem heruntergelassenen "eisernen" Vorhang stehen zwei Stühle, weitere sind am Bühnenrand aufgereiht. In Eugene Ionescos "Die Stühle" bereitet ein uraltes Paar eine Feier mit hohen Gästen vor. Der "Alte" - Namen tragen beide nicht - war Hausmeister und hat über Jahre eine Philosophie entwickelt, die er an diesem Tage der Öffentlichkeit als sein Vermächtnis präsentieren will. Natürlich ahnt der Zuschauer schnell, dass diese Botschaft nur in seiner Imagination existiert und jeglicher Substanz entbehrt. Ihr einziger Zweck ist, seinem armseligen Leben zum Ende noch eine Bedeutung zu verleihen, und er bewegt sich in gesteigertem Bewusstsein seiner selbst in dieser imaginären Welt großer Bedeutung. Seine Partnerin ignoriert seine imaginären Höhenflüge, ohne ihn jedoch von seinem tönernen Sockel herab zu holen. Für sie gehört diese Attitiüde zu seinem Wesen und damit zu ihrem Leben, obwohl sie offensichtlich innerlich ahnt, das hinter seiner großen Geste nichts als Leere gähnt. Ihre Aufgabe ist es seit jeher gewesen, das Leben der beiden in Ordnung und im Gange zu halten. Diese pragmatische Sicht macht sie letzten Endes auch zur stärkeren Persönlichkeit der beiden.

Heinz Kreidl hatte sich für diese Inzenierung etwas Besonderes einfallen lassen. Anstatt zwei Mitglieder seines Ensembles auf "alt" zu trimmen, reaktivierte er zwei alte Kämpen des Staatstheaters Darmstadt.