| Witz, Leidenschaft und Bordeaux.... |
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Gaetano Donizettis Oper "Der Liebestrank" in Darmstadt |
Hätte man doch diese Inszenierung anstelle der "Madame Pompadour" zum Saison-Auftakt gegeben! Das wäre der richtige Einstieg gewesen: leicht, locker und luftig! Das Libretto zu Donizettis "Opera comica" strotzt zwar nicht gerade vor Tiefsinn und Originalität, aber wenn es so interpretiert wird wie vom Darmstädter Ensemble, lässt es sich nicht nur gut ertragen sondern garantiert auch einen unterhaltsamen Abend.
Der einfältige Nemorimo (Andreas Wagner) liebt die launische Adina (Melanie Kreuter), die ihn jedoch nur verspottet und im übrigen ein Auge auf den selbstgefälligen Sergeanten Belcore (Hans-Christoph Begemann) geworfen hat, der mit der plumpen Eitelkeit des damaligen Uniformträgers um sie wirbt. Zur gleichen Zeit zieht der Wunderdoktor - sprich Scharlatan - Dulcimara (Michael Glücksmann) in das Dorf ein, um dem törichten Volk seine wirkungslosen Wundermittel anzudrehen. Durch Adinas Lektüre von "Tristan und Isolde" beflügelt, fragt ihn der unglückliche Nemorimo nach einem Liebestrank und erhält von ihm prompt eine Flasche Bordeaux als angeblichen Liebestrank geliefert. Mit gestärktem Selbstbewusstsein aufgrund dieses vermeintlich todsicheren Mittels - wahrscheinlich eher bedingt durch den Genuss des Weines - begegnet Nemorimo der Angebeteten mit lockerer Gleichgültigkeit und verwirrt sie dadurch. Als jedoch die Hochzeit mit dem Sergeanten wegen eines plötzlichen Marschbefehls auf den selben Abend vorverlegt wird, verdingt er sich aus Verzweiflung als Soldat bei seinem Rivalen Belcore, um noch eine Flasche von dem Wundermittel für Adina zu kaufen. Adina erfährt davon durch den Doktor, wendet ihr Herz gerührt dem wahrhaft Liebenden zu, kauft seinen Kontrakt zurück, und die beiden fallen sich in die Arme, während sich der düpierte Belcore mit dem Mädchen Jeanette tröstet. Zu allem Überfluss erbt Nemorimo noch ein Vermögen von seinem reichen Onke , so dass auch die gesellschaftlichen Unterschiede beseitigtsind. Man sieht, Einfalt regiert mit stiller Größe dieses Libretto, und dennoch kann man etwas daraus machen. Regisseur Daniel Herzog hat die ganze Geschichte ins Komisch-Parodistische gewendet, ohne jedoch in scharfe Satire oder gar Zynismus zu verfallen. Er inszeniert die Geschichte als einen burlesken Spaß, der sich bis zu den deutschen Übersetzungen auf der Anzeige hinzieht: Für das italienisch "Attenti" (Achtung) setzt er in augenzwinkernder lokalpolitischer Anspielung das hessische "Uffbasse". Nemorimo erscheint als hochwasser- behoster Naivling mit schulterlangem Haar und begrünter Umhängetasche, während der Doktor Dulcimara in dem Gewand eines mittelalterlichen Zauberers auftritt. Für den Sergeanten und seine Truppe hat man sich einen ganz besonderen Gag ausgedacht. Nicht nur, dass Hans-Christoph Begeman permanent mit stolzgeschwellter Brust und Zwirbelbart einherstolziert und dabei fast über seine eigenen Füße stolpert, nein, als Symbol des Militärs hat man eine lebensechte Kanone auf die Bühne gerollt, deren überdimensioniertes Rohr mit seiner vorderen Verdickung keinen Zweifel über die Anspielung zulässt, zumal dem Sergeanten aus diesem Rohr noch ein Rosenstrauß für die angebetete Adina entgegenfliegt. Die schwülstige Reklame-Rede des Doktor Dulcimara wird in der recht freien Übersetzung reichlich mit kalauernden Einschüben und Seitenhieben auf den Zeitgeist gewürzt, und die Szene des vespernden Nemorimo nach Einnahme des Liebestrankes liefert einige gute Lachvorlagen, wenn er Gurke und Karotte im Takt der Musik klein hackt oder die ob seines Selbstbewusstseine erbitterte Adina ihm ein ganzes Ei in den Mund stopft.
Um das etwas einfältige Geschehen auf der Bühne weiter aufzulockern, hat Regisseur Herzog dem Chor eine wichtige Rolle zugedacht. Gewandet In Harlekin-Kostüme, sekundieren und kommentieren die Sänger das Geschehen, angeln zu Beginn große Herzen aus einem imaginären Teich oder bandeln miteinander an. Besonders gelungen ist das Zwischenspiel der Frauen, wenn sich das Gerücht verbreitet, dass der arme Nemorimo seinen reichen Onkel beerbt hat. Noch während die Frauen dies Gerücht in vielen gesanglichen und mimischen Varianten austauschen, beginnen sie, sich zu putzen und gegenseitig auszustechen, um sich dem Erben möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Diese Szene zeichnet sich besonders durch den musikalischen und szenischen Witz der Darstellung aus.
Die Hauptdarsteller holen aus diesem Libretto heraus, was herauszuholen ist. Dabei hilft ihnen die eingängige Musik Donizettis mit ihren ausdrucksreichen Arien, Duetten und Terzetten. Man hört einfach gern zu und genießt die Musik. Melanie Kreuter besticht durch ihre klare und kraftvolle Stimme sowie durch ihre schauspielerische Leistung. Andreas Wagner kann sich weitgehend in den für ihn problemlosen höheren Tenorlagen auszeichnen, Christoph Begeman scheint an dem eitlen Sergeanten einen Heidenspaß zu finden, was er auch mit einem satten Stimmvolumen kundtut, und Michael Glücksmann besticht vor allem durch seinen schauspielerischen Fähigkeit als windiger Wunderdoktor, ohne dass damit seine gesangliche Leistung in den Hintergrund gedrängt werden soll. Das Orchester unter der Leitung von Jendrik Springer verleith der Aufführung die nötige musikalische Spritzigkeit, wenn auch die Synchronität zwischen Graben und Bühne einige Male leicht ins Schwimmen geriet. Das Bühnenbild wurde bereits anfangs erwähnt. Die große weiße Kanone ist sicherlich der optische Höhepunkt, dazu kommt noch der Heißluftballon aus Pappmaché, in dem der Doktor Dulcimara aus dem Himmel einschwebt - fast wie die drei Knaben in der "Zauberflöte". Den Orchestergraben hat man mit einem Kunstrasen eingefasst, und die vordere Brüstung wird des öfteren in die Handlung mit einbezogen, was die Nähe zum Publikum fördert. Alles in allem eine empfehlenswerte Aufführung mit hohem Unterhaltungswert. Tiefe Erkenntnisse oder Erschütterungen sollte man sich von dieser Aufführung jedoch nicht erwarten. |