| Mörder-Duett im Kaufhaus |
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Mark Polschers Kammeroper "Die mechanische Braut" in Darmstadt |
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Das Darmstädter Werkstatt-Theater legt einen Schwerpunkt auf die Aufführung experimenteller Werke zeitgenössischer Autoren und Komponisten. Mit "Die mechanische Braut" hat sie die erste Opernkomposition des jungen Mark Polscher, Jahrgang 1961), auf die Bühne gebracht.
Susanne Reinhard und Matthias Wohlbrecht Wendy und Carl, ein Ehepaar in den Dreißigern, haben ihre beiden Kinder vor Wochen umgebracht und fahren die Leichen jetzt auf einer Konsumtour im Kofferraum ihres Autos durch den Kontinent. Die Handlung besteht einzig aus ihren gestanzten Kommentaren über ihr Leben und ihre Umwelt. Die tief liegende Bühne ist durch einen Gaze-Vorhang von der Zuschauer-Tribüne getrennt. Im Hintergrund öffnen sich links und rechts zwei karge Räume, nur mit einem Fernseher bzw. mit einem Wandbildschirm "möbliert". Dazwischen ist das kleine Orchester hinter einem zweiten Gaze-Vorhang angesiedelt. Zu Beginn schwenken zwei Neonröhren wie Scheinwerfer über den Gaze-Vorhang, damit die Autofahrt andeutend. Der Vorhang wird damit zur Windschutzscheibe, gleichzeitig aber auch zu einem Bildschirm auf das Leben der beiden Protagonisten. Damit wird von Anfang an die Fremdbestimmung der beiden durch die Medienwelt charakterisiert. Und so, wie die Zuschauer auf die beiden wie auf zwei - aktuell, aktuell - Container-Bewohner blicken, sehen auch diese die Welt nur durch den Gaze-Vorhang der Medien. In diesem Sinn ist auch der Vorhang vor dem Orchester zu verstehen. Die Darsteller Susanne Reinhard (Wendy) und Matthias Wohlbrecht (Carl) posieren in sportlich bis nachlässiger Kleidung und in nahezu exhibitionistischer Manier nebeneinander vor dem Vorhang. Vor allem Wendy scheint diese Schaustellung geradezu zu genießen. Permanent wiederholt sie vorgestanzte Sätze aus der auf Frauen ausgerichteten Werbung - "ich bin von mir nicht enttäuscht", "ich sehe immer noch gut aus" - und posiert dazu in typischen Model-Haltungen mal im Raum, mal an der Wand. In vollständiger Verdrängung des gräßlichen Kofferraum-Inhalts redet sie in schönstem Werbe-Deutsch den Wert der "Family" herbei. Carl, der hin und wieder an die Realität erinnern will und offensichtlich - in begrenztem Maße - darunter leidet, erfährt von ihr nur unwirsche Abwehr und deutliche Hinweise auf erotische Erwartungen. Enttäuscht ob der geringen Reaktion Carls beginnt Wendy sogar ungeniert mit dem imaginären Publikum hinter dem Vorhang zu flirten und zu kokettieren. Die Gedanken der beiden kreisen nur um das Einkaufen, um eine neue Küche und andere Erzeugnisse der ach so schönen Konsumwelt. Dieses sinnentleerte Duett spielt sich zu einer hoch artifiziellen Musik von Blasinstrumenten (Flöte, Klarinette, Oboe und Fagott), Klavier, Xylophon und Glockenspiel ab. Die Instrumente werfen nur einzelne Phrasen oder Klänge in den Raum, das konzertante Zusammenspiel ist auf ein Minimum reduziert. Die Partien der beiden Solisten sind eher als langgezogene Aufschreie denn als motivgetragener Gesang zu verstehen, meist in gleich bleibender Tonlage, unter deutlicher Akzentuierung des Textes. Die Handlung wird durch Seitenblicke aufeinander oder sparsames Umherwandern im Raum mehr angedeutet als umgesetzt. Die fehlende harmonische Führung durch das Orchester - wie sonst in der Oper üblich - wird ersetzt durch Stimmgabeln, die die beiden sich wie spielerisch - als seien es die allgegenwärtigen Handys - ans Ohr halten, um den richtigen Ton für den nächsten Einsatz zu finden. Die Musik des Orchesters wird ergänzt und - teilweise ununterscheidbar - vermischt mt synthetischen Alltagsklängen, sei es ein startendes Auto, ein prasselnder Regen oder Kaufhausgeräusche. Oftmals sind es auch nur abstrakte, nicht eindeutig identifizierbare Geräusche, die einen permanenten Klangteppich unter die gesungenen Dialoge legen. Wenn am Ende die parallelen Monologe der kommunkationslosen Eheleute versickern und sie sich in dumpfer Sprachlosigkeit auf zwei Kinderstühle setzen, die gleichzeitig das Auto und das verlorene Kinderzimmer symbolisieren, wenn das Orchester geendet hat und im Dunkel verschwunden ist, beherrschen für eine quälend lange Zeit nur noch die Zufallsgeräusche den Raum, bis schließlich die Lichter langsam nacheinander verlöschen. Zum Schluss streichen noch einmal die Neon-Scheibenwischer über den Gaze-Vorhang, und dann verkündet das totale Dunkel das Ende. Die Zuordnung der Musik zu dem "Geschehen" - oder besser "Nicht-Geschehen" auf der Bühne fällt dem Betrachter schwer, vermittelt die Musik doch keinerlei emotionelle Botschaften sondern bewegt sich im scheinbar zufälligen Klangraum. Dennoch oder gerade deshalb entwickelt sich eine beklemmende, hoffnungslose Atmosphäre, die keine Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse zulässt. Mit einer Verkürzung der abschließenden Geräuschkulisse hätte man diese Wirkung jedoch auch erreicht, weckte die überlange Sequenz zum Schluss doch eher Ungeduld und Unruhe unter den Zuschauern, ohne neue Erkenntnisse zu bewirken. Der freundliche Beifall am Schluss galt deshalb wohl vor allem den Darstellern und den Musikern, die sich bemühten, diesem sich sehr um die eigene Achse drehenden Stück eine Aussage abzugewinnen, die über die deklamatorische Klage über unsere dekadente Konsumwelt hnausgeht. |