Träume, Tod und Ausweglosigkeit

Carlisle Floyds Oper "Of Mice and Men" nach John Steinbeck in Bregenz

Die Bregenzer Festspiele verfolgen seit Jahren das Konzept, neben dem großen Musikereignis auf der Seebühne noch eine eher unbekannte Oper des 20. Jahrhunderts im Festspielhaus anzubieten. Dieses Jahr hatte man für diesen Programmpunkt die Oper "Of Mice and Men" des Amerikaners Carlisle Floyd ausgewählt. Die Komposition beruht auf John Steinbecks (1902-1968) gleichnamiger Novelle (und Theaterstück) und stellt das Schicksal verarmter kalifornischer Wanderarbeiter in den 30er Jahren in den Mittelpunkt. Für die Inszenierung zeichnet Francesca Zambello verantwortlich, das Bühnenbild lieferte Richard Hudson, und die musikalische Leitung am Pult der Wiener Symphoniker übernahm Patrick Summers.
Carlisle Floyd
Carlisle Floyd

Der Wanderarbeiter George und und sein körperlich starker aber geistig zurückgebliebener Freund Lennie ziehen durch das Land und müssen immer wieder vor der Polizei oder aufgebrachten Bürgern fliehen, da Lennie in seiner tumben Naivetät anderen Menschen zu nahe tritt. Er liebt alles Weiche und Warme, und das Streicheln dieser Gegenstände oder Tiere wirkt wie ein Reflex gegenüber der sozialen Kälte um ihn herum. Als George ihm seine zu Tode gestreichelte Maus wegnimmt, tröstet er den weinenden Lennie mit der Erzählung von der eigenen kleinen Farm mit Kaninchenstall. Dieser Traum wird künftig zum Fluchtpunkt der beiden heimatlosen Landarbeiter.

Auf der Ranch des brutalen Besitzers Curley treffen sie in der trostlosen Schlafbaracke auf den alternden Candy, der wie sie dem Traum nach einem besseren Leben nachhängt und auf Druck der anderen Landarbeiter seinen alten und stinkenden Hund töten lassen muss. George hat in einer Zeitung ein günstiges Angebot über eine kleine Farm entdeckt und möchte jetzt unbedingt seinen Traum in die Realität umsetzen. Der alte Candy bietet ihm seine Ersparnisse für eine Partnerschaft an, und gemeinsam träumen alle drei von ihrer eigenen Farm.

Mitten in die Männergruppe stößt Curleys Frau, ein etwas leichtfertiges Wesen, das sich auf der einsamen Ranch langgweilt und nach erotischer Bestätigung sucht. Als Curley trotz striktem Verbot seine Frau erneut in der Baracke antrifft, geht er mit der Peitsche auf Lennie los, der zufällig gerade das Objekt der weiblichen Flirtversuche war. Als er sich endlich auf Georges Geheiß wehrt, bricht er dem Ranchbesitzer die Hand. Dieser entlässt die beiden Neuen jedoch nicht, da man ihm Stillschweigen über die "entehrenden" Begleitumstände seiner Handverletzung verspricht. Lennie darf sich zum Trost einen Welpen aus einem frischen Wurf aussuchen.

Im dritten Akt hat Lennie auch diesen kleinen Hund "zu Tode" gestreichelt und beklagt sein Missgeschick, als die Frau des Ranchers mit gepacktem Koffer erscheint, drauf und dran, die Ranch zu verlassen und sich nach Hollywood aufzumachen. Beide sinnen jetzt ihrem bisher verfehlten und künftig glücklichen Leben nach. Als Lennie von seiner Liebe zu allem Weichen erzählt, zeigt die Frau auf ihr langes blondes Haar und fordert Lennie auf, darüber zu streichen. Lennie, der noch nie in seinem Leben weiches Frauenhaar berührt hat, ist davon derart fasziniert, dass er nicht mehr loslassen kann, auch als die Frau sich wehrt. In Panik drückt er die schreiende und um sich schlagende Frau an sich und bricht ihr das Genick. Entsetzt und in Furcht vor Georges´ Vorwürfen flieht er.

Candy findet die Leiche und führt George zu ihr. Der weiß sofort, dass er Lennie vor der Lynchjustiz des Ranchers bewahren muss, indem er ihn vorher aufspürt und möglichst schmerzlos tötet. Als er ihn auf dem alten Schrottplattz der ersten Szene findet, lässt er er ihn noch einmal enthusiastisch von der eigenen Farm träumen, eher er ihn angesichts des anrückenden Suchkommandos erschießt.

Floyd, der seine Opern-Libretto selber verfasst, hat für seine Oper ein außerordentlich dichtes Drehbuch geschrieben. Da ist kein Schnörkel zuviel, keine überflüssige Nebenhandlung eingebaut. Jede Person und jede Szene sind notwendig und gerade so lang, um die Entwicklung des Dramas zwingend darzustellen und gleichzeitig die Spannung stetig zu erhöhen. Die einzelnen Szenen sind kompakt und temporeich, ohne jedoch in ein Melodram oder einen bloßen Thriller umzuschlagen.

Auch wenn George und Lennie von ihrer Farm träumen, wirkt dies nie sentimental sondern als die verständliche und legitime Sehnsucht der Habenichtse nach einem Fixpunkt und etwas Bleibendem in ihrem Leben.
Antony Griffey (Lenny)
Antony Griffey (Lennie)

Auch die trostlose Lebensweise der Landarbeiter kommt ohne jegliche falsche (Marlboro-) Romantik zum Ausdruck, und die Langeweile und verzweifelte Suche der jungen Frau nach etwas Bestätigung ist in jedem Moment nachvollziehbar, auch wenn diese sich etwas leichtfertig gibt.

Die Musik nimmt diese Atmosphäre nahtlos auf. Durchaus noch im Rahmen einer späten Tonalität erinnert sie oft an Filmmusik, jedoch ohne abwertenden Beigeschmack. Die sparsame Besetzung ermöglicht die Konzentration der musikalischen Interpretation auf die dramatische Zuspitzung in dem eher als Kammerspiel konzipierten Stück. In jeder Szene, ja Sekunde ist die Musik präsent, indem sie die Atmosphäre des Augenblicks musikalisch nicht begleitet sondern ausformt. In einigen Momenten scheint sie der Entwicklung des Bühnengeschehens um die berühmten wenigen Sekunden voraus zu sein, die erst die eigentliche Spannung erzeugen. Natürlich gehört dazu ein Orchester, das diese Spannungswerte im richtigen Moment abrufen kann, und dies ist bei den Wiener Symphonikern unter Patrick Summers durchweg der Fall. Präzise werden Klänge geformt, Motive aufgebaut und in hoch verdichteter Form dargeboten. Diese Musik wirkt nie langweilig und treibt das Geschehen bis zum Klimax voran.

Bei den Darstellern ist in erster Linie Anthony Dean Griffey zu nennen, der in einzigartiger Weise den etwas tumben doch liebebedürftigen und liebevollen Lennie spielt. Das beginnt mit dem ängstlich-verstörten Spiel der Hände und Finger, setzt sich fort im Aner kennung heischenden und Ablehnung befürchtenden Mienenspiel und findet seinen Abschluss in der bewusst schwerfälligen Körpersprache. Und all diese schauspielerischen Attribute legt er auch bei den gesanglichen Solopartien nicht ab, die er mit einem erstaunlich weichen Timbre präsentiert.
Gordon Hawkins (George)
Gordon Hawkins (George)

Gordon Hawkins, in Bregenz als Porgy bekannt und gefeiert, steht ihm als George gesanglich und schauspielerisch in nichts nach, spielt jedoch eher etwas verhalten, um die Rolle des Lennie umso mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Höhepunkte der Aufführung sind immer wieder die Duette über den Traum von der eigenen Farm. Bliebe von den Protagonisten noch die "Frau" - hier ohne Namen - zu nennen, der Nancy Allen Lundy das glaubwürdige Gesicht einer lebenslustigen, etwas leichtfertigen jungen Frau verleiht, die sich unter der Ehe mit einem Ranchbesitzer etwas anderes vorgestellt hat und vom Starruhm in Hollywood träumt. Auch dieses Portrait wirkt rundherum glaubwürdig, nie klischiert oder aufgesetzt. Gesanglich hat auch sie einige anspruchsvolle Passagen zu bewältigen, und sie tut dies mit hoher Sicherheit und Gestaltungskraft.

Über diese drei Protagonisten hinaus waren auch alle weiteren Rollen durchweg überzeugend und mit viel Gespür für den einzelnen Charakter besetzt, so Julian Patrick als alternder Träumer Candy, Joseph Evans als Rancher-Macho oder Peter Coleman-Wright als Vorarbeiter Slim.

Das Publikum dankte allen Akteuren mit begeistertem Beifall und vielen Bravo-Rufen vor allem für Griffey und Hawkins.

Frank Raudszus