Wehmut, Weinen, Wodka

Tschechovs "Möwe" in Darmstadt
Die Premiere von Anton Tschechovs melancholischer Schau der russischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert fand bereits unmittelbar vor der Sommerpause statt. Jetzt wurde das Stück in das Programm der laufenden Saison aufgenommen. Vor dem Vorhang ragt ein Steg einige Reihen in den Zuschauerraum hinein, als ob sich vor der Bühne ein See erstreckte. Auf diesen Steg rollen Marja, die Tochter des Gutsverwalters (Katharina Hoffmann), und der Lehrer Mewedenko (Christian Wirmer) heraus und treiben ein halb kindisches, halb erotisches Spiel. Schnell wird klar, dass Semjon Marja liebt, sie jedoch nicht ihn.

Leonore Endreß und Hubert Schlemmer

Damit ist bereits das Grundthema dieser Komödie ausgebreitet: unglückliche Beziehungen, verschmähte Liebe, die letztlich in Unglück und Resignation endet.

Die alternde Bühnendiva Arkadina (Leonore Endreß) verbringt den Sommer auf ihrem Landgut in der russischen Provinz zusammen mit ihrem Geliebten, dem bekannten Schriftsteller Trigorin (Hubert Schlemmer), und ihrem Sohn Kostja (Jens Ochlast), der sich ebenso engagiert wie untalentiert um die Schriftstellerei bemüht. Marja liebt heimlich ihn, er jedoch verehrt die junge Nina (Iris Melamed), die wiederum nur vom Ruhm auf der Bühne träumt und für Trigorin schwärmt. Arkadina selbst kann es nicht vertragen, einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen, und betrachtet daher ihren erwachsenen Sohn als unliebsamen Hinweis auf ihr wahres Alter.

Das Personal wird ergänzt durch den älteren Arzt Dorn (Jo Kärn), der kühl bis zynisch seine Umwelt betrachtet und sich der Avancen der frustrierten Verwaltersfrau (Sigrid Schütrumpf) erwehrt, Arkadinas lungenkranken Bruder sorin (Klaus Ziemann) sowie den Verwalter (Lutz Zeidler).

Iris Melamed und Hubert Schlemmer

Diese Menschen verbringen ihre Tage mehr gelangweilt als zielorientiert und reiben sich dabei zwangsläufig aneinander. Während Kostja an seiner literarischen Unfähigkeit, der unerwiderten Liebe zu Nina und der Gleichgültigkeit seiner egozentrischen Mutter leidet, beginnt Trigorin, Ninas naiv- schwärmerischen Avancen zu erliegen. Als Kostja mit einer toten Möwe daherkommt, die er nur zum Spaß mit dem Gewehr aus ihrem freien Flug geholt hat, ist die Metapher perfekt: Nina sieht sich selbst als freie Möwe, ohne zu diesem Zeitpunkt zu ahnen, dass der Schütze Trigorin sie aus Langeweile abschießen wird.

Trigorin genießt sowohl Ninas schwärmerische Bewunderung als auch Kostjas hasserfüllten Neid und pflegt bewusst sein Image des immer einem schriftstellerischen Sujet nachjagenden Künstlers. Gleichzeitig kokettiert er lauthals mit dem Wunsch, sich nur noch dem Angeln zu widmen. Und den erotischen Versprechungen von Ninas Bewunderung erliegt er nur zu gern. Arkadina betrachtet das Landgut als ihre Bühne, und niemand hat ihren Auftritt zu verderben oder ihre Wünsche zu missachten. Wenn sie beim Kartenspiel merkt, dass die anderen den Karten mehr Aufmerksamkeit widmen als ihr, verliert sie ihrerseits die Lust und fängt an, von ihren rauschenden Theatererfolgen zu reden.

Der Lehrer Mewedenko schleicht kriecherisch um die Gesellschaft herum, spricht nur von seinem schmalen Einkommen und hofft auf Marjas Liebe, während Arkadinas polternder Bruder anfangs noch Kostja unterstützt und so etwas wie einen Gemeinsinn zu erhalten versucht. Seine Gesundheit macht ihm jedoch bald einen Strich durch die Rechnung, und im letzten Akt dämmert er nur noch im Rollstuhl dahin.

Der letzte Akt spielt zwei Jahre nach dem Sommerurlaub auf demselben Landgut. Nina ist Trigorin nach Moskau - ins Zentrum des künstlerischen Lebens - gefolgt und dort gescheitert. Trigorin hat sie verlassen und sie hat ihr Kind verloren.

Mühsam schlägt sie sich in zweitklassigen Provinztheatern durch und kehrt schließlich halb krank an ihren Heimatort zurück. Kostja hat die ganze Zeit nur auf sie gewartet. Als er jedoch feststellen muss, dass Nina ihn nur als Strohhalm in der letzten Not betrachtet, erschießt er sich.

Marja hat sich aus Enttäuschung mit Mewedenko verheiratet, zeigt ihre Gleichgültigkeit ihm gegenüber jedoch unverblümt. Arkadina und Trigorin leben ihr Leben unverändert fort. Niemand kann sie in ihrer selbstbewussten Egozentrik stören. Trigorin denkt nur gelangweilt an die vernichtete Nina, und Arkadina hofft auf einen baldigen Tod ihres kranken Bruders.

Regisseurin Bernarda Horres hat das Stück auf einer weitgehend leeren Bühne inzeniert. Der Steg zieht sich über die gesamte Bühne und windet sich an der Rückwand nach oben. Hier probt Kostja einmal zwischen den Akten den symbolischen, vergeblichen Aufstieg in den künstlerischen Olymp, indem er die Rampe hinaufzulaufen versucht. Der Steg trennt die Menschen, und über ihn hin versuchen sie immer wieder, Kontakt aufzunehmen. Doch letztlich geht jeder auf seiner Seite ab - der Steg symbolisiert die Schranken, die echte Beziehungen zwischen den Menschen verhindern. Dabei macht Tschechov diese Schranken weniger im Geyellschaftlichen als im Persönlichen aus. Jeder baut sich sein Unglück selbst zusammen, unfähig, die Verhältnisse zu akzeptieren oder positiv für sich umzudeuten. Und wenn die Wehmut zu groß und das Weinen zu nahe ist, greift man gerne zur Wodkaflasche und verliert anschließend das Gleichgewicht. Kostjas finaler Freitod erregt kein Entsetzen sondern eher Unbehagen.

Die Schauspieler folgen dieser melancholischen, fast resignativen Interpretation und stellen eine fatalistische Atmosphäre her, die nur durch die angenehmen Äußerlichkeiten - Landgut, Sommer, Müßiggang - gemildert ist. Die exaltierte Rolle der Arkadina und Marjas impulsiver Charakter machen es Leonore Endreß und Katharina Hoffmann leicht, ihr Können auszuspielen. Auch Iris Melamed kann sich mit der gefühlsseligen Nina gut positionieren. Die Männerrollen sind etwas weniger forciert, hier ist vor allem die gute Ensemble-Leistung zu betonen.

Insgesamt eine durchaus sensible und nachdenkliche Inszenierung, die einen Besuch auf jeden Fall lohnt. Das Publikum belohnte die Darsteller durch lang anhaltenden Beifall.