Lauer Auftakt der neuen Saison

Premiere von Leo Falls "Madame Pompadour" in Darmstadt
Man kann eine neue Theatersaison schwer oder leicht beginnen, beides hat seine Berechtigung und seine Reize. Doch die Gefahr des Scheiterns ist bei der leichten Muse bekanntlich wesentlich höher als bei der schweren. Eine misslungene Tragödie überlebt immer noch durch ihren inneren Gehalt, die Komödie oder gar die Operette jedoch gehen an einer daneben geratenen Inszenierung zugrunde.

So geschah es dem Staatstheater Darmstadt zu Beginn der Saison 2000/2001 mit der Premiere von Leo Falls Operette "Madame Pompadour". Erst 1922 entstanden, stellt diese Operette schon aus dieser Sicht einen Anachronismus dar, muss sie sich doch mit Zeitgenossen wie der "Dreigroschen-Oper" messen.... Schon das Libretto ist denkbar schwach, obwohl man aus dem Stoff mehr hätte machen können: Madame Pompadour, die gefürchtete Mätresse Ludwig des XV., beschließt, den Karneval außerhalb des Schlosses inkognito unter dem gemeinen Volk zu feiern. Dabei gerät sie ausgerechnet an den Poeten Calicot, der gerade ein neues Spottlied auf sie ver- fasst hat, und an den Grafen d´Estrade, der inkognito auf Liebesabenteuer aus ist und in den sie sich prompt verliebt. Mitten in die amouröse Entwicklung platzt der dümmlich-eitle Polizeiminister, der sie beim König anzuschwärzen gedenkt. Sie jedoch, scheinbar von ihm ertappt, verweist reaktions- schnell auf den aufmüpfigen Poeten und nimmt bei der Bestrafung der Rebellen selber das Heft in die Hand. Der Dichter muss als Strafe für sie ein Festepos verfassen und der attraktive Graf wird in ihr Leibregiment eingereiht. Von da an geht die Operette ihren üblichen Gang bis zum Schluss, bei dem alle Händel aufgelöst und die richtigen Paare wieder einander zuge- führt werden. Nun bietet eine solche Ausgangslage durchaus Gelegenheiten für scharfzüngige Satire - Bürger contra Hofstaat, Dichter contra Bürokratie, Frau contra Männerwelt - und aus ähnlichen Sujets haben andere Komponisten durchaus anspre- chende Werke der leichteren Kategorie geschaf- fen. Leo Fall und seine Librettisten jedoch haben diese Möglichkeiten bei "Madame Pompadour" nicht genutzt. Überlange Sprachpassagen lassen nur allzu deutlich werden, das auf der Bühne weniger ausgebildete Schauspieler als Sänger und Sängerinnen stehen. Der eher hölzerne und zeitweise altbackene Dialog, gegen den der 140 Jahre ältere und unter schwierigeren Bedingun- gen entstandene "Figaro" geradezu revolutionäre Akzente setzt, trägt nicht gerade zur Belebung der Szene bei. Jede Pointe kündigt sich schon meilenweit vorher an, und der Gang der Ereig- nisse folgt dem ewigen Schema der erotischen Verwechslungskomödie.

Im Gegensatz zu anderen Komponisten kann die Musik von Leo Fall den Karren nicht aus dem Dreck ziehen. Zu simpel sind die Themen, und wenig Schmissiges verlockt den Besucher zum Mitsummen, das, wenn überhaupt, dann in der Operette erlaubt ist. Bereits kurz nach dem Schlussvorhang sind alle Melodien dem Gedächt- nis entschwunden, so wenig haben sie musikalisch überzeugt.

Einen so dürftigen Stoff kann eine Inszenierung nur retten, indem sie ihn gründlich umkrempelt: Verkürzung der Sprechszenen, mehr Satire und - wenn nötig - auch Frivolität, vielleicht auch Slapstick und Verstärkung des vorhandenen musikalischen Materials. Regisseur Christian Pade ist jedoch bei dieser Gast-Inszenierung kein Risiko eingegangen und hat das Stück weitgehend konventionell auf die Bühne gebracht. Da werden all die Dialog-Banalitäten wortgetreu wiedergegeben, und Sottisen sind so vorsichtig eingebettet, das man meinen könnte, man befinde sich im Hoftheater Ludwig des XV. Fortgesetzte Langeweile ist die natürliche Folge, und die dünnen und selten dargebrachten Gesangseinlagen können daran auch kaum etwas ändern. Die Stierkampf- Parodie zwischen dem Dichter Calicot und der Zofe Belotte wirkt dabei eher verkrampft bemüht als originell, hat das Libretto doch überhaupt keinen Bezug zum spanischen Ambiente. Und dass der Botschafter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia einen eher Schweizer Dialekt spricht, wirkt wie das i-Tüpfelchen.

Die Darsteller bemühten sich, das beste aus der Situation zu machen, und dabei muss man Melanie Kreuter als Madame Pompadour noch die größte Leistung zugestehen. Stimmlich sicher und schauspielerisch durchaus überzeugend, ließ jedoch auch sie bisweilen eine ratlose Verzweif- lung über diese ärmliche Handlung durchscheinen. Matthias Wohlbrecht holte zumindest bis zur Pause Einiges an revolutionärem Temperament aus dem Dichter Calicot heraus, um später auch vor dem dümmlichen Finale zu kapitulieren. Andreas Wagner stellte zumindest optisch glaub- würdig den liebeshungrigen und umschwärmten Grafen dar, seine Stimme fand jedoch nur in wenigen Momenten zu einem raumfüllenden Volu- men. In mittleren Lagen verschwand er zeitweise völlig hinter dem Orchester, das beileibe nicht auftrumpfte. Während sich Andrea Bogner durchaus mit Erfolg um eine frech-frivole Belotte bemühte, wirkten Horst Schäfer als Polizeiminister und Hubert Bischof als König eher ratlos. Sie sangen und spielten ihren Part, offensichtlich jedoch ohne einen anderenj Interpretationsansatz als den des Schwankes zu sehen. Das Orchester passte sich der allgemeinen Lust- losigkeit an, was wohl auch an der wenig mitrei- ßenden Musik lag. Bisweilen gerieten Graben und Bühne etwas auseinander, besonders beim Chor, dem diesmal auch der rechte Schwung fehlte. Dirigent Brochhagen hatte es angesichts der überlangen Sprechpassagen allerdings auch schwer, sein Orchester unter Spannung zu halten.

Am Ende nahmen Darsteller und Regisseur mit strahlendem Lächeln einen eher höflichen Beifall entgegen, der in der Intensität exakt der Auffüh- rung entsprach.