Korruption, Angst und Machtwahn

Nikolaj Gogols "Revisor" im Kleinen Haus
 
Nikolaj Gogol (1809-1852) war Zeitgenosse Puschkins und verehrte diesen als Lehrmeister und Idol. Von ihm erhielt er auch die Vorlage für die Komödie "Der Revisor". In einem kleinen Ort fern von St. Petersburg und Moskau haben es sich die örtlichen Honoratioren in Ihren Ämtern bequem gemacht und sind bei der Annahme von Gefälligkeiten alles andere als kleinlich. Mitten in diese korrupte Idylle platzt die Nachricht über den bevorstehenden Besuch eines inkognito reisenden Revisors aus St. Petersburg. Da zur gleichen Zeit der völlig abgebrannte Spieler Chlestakov (Christian Wirmer) - als städtischer Beamter aus St. Petersburg relativ elegant gekleidet und redegewandt - im Gasthof des Ortes weilt, ist der Boden für eine klassische Verwechslungssatire bereitet. Schnell beschließen die durchweg korrupten Größen der Stadt unter der (An)Leitung ihres Stadthauptmanns Dmuchanowsky (Till Sterzenbach), dem "Revisor" Gefälligkeiten - sprich Bargeld - anzubieten. Dieser, überrascht über die unerwartete Hilfe aus hungernder Not, nimmt sie geistesgegenwärtig an, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Doch seine anfangs noch naiven Hinweise auf seine wahre Lage dringen nicht zu den willigen Spendern durch, zu sehr sind sie in ihrer angsterfüllten Vorstellung vom Revisor befangen.


Sigrid Schütrumpf, Christian Wirmer und Susanne Burkhard (v.l.)

Auch die Frau des Stadthauptmanns (Gabriele Drechsel) reiht sich in die Garde der Speichellecker ein und findet erotisches Gefallen an dem so bedeutenden und weltgewandten jungen Mann. Ihre Tochter Marja (Janina Sachau), bewusst auf dem Stand eines kleinen Mädchens gehalten, findet jedoch zum Ärger der Mutter wesentlich mehr Beachtung bei dem Fremden. Der Ärger vergeht jedoch schnell, als Chlestakov sich erklärt und um Marjas Hand anhält. Dmuchanowski sieht dank der Protektion des so bedeutenden Schwiegersohns eine blitzartige Karriere in St. Petersburg bis zum General vor sich, und seine Frau fühlt sich bereits als "First Lady". Die Tatsache, dass Chlestakov plötzlich mit seinem Diener abreisen muss, um angeblich noch die Zustimmung seines Vaters - natürlich Gutsbesitzer - einzuholen, stimmt die zukünftigen Großbürger von St. Petersburg nicht misstrauisch. Erst als plötzlich die Mitteilung eintrifft, der angekündigte Revisor aus Petersburg sei jetzt da und bitte die Würdenträger umgehend zur Berichterstattung in das Gasthaus, bricht das ganze Kartenhaus zusammen, und es bleiben nur Heulen und Zähneklappern.

Regisseur Matthias Brenner hat die Komödie im Sinne Gogols als groteske Farce inszeniert. Die eigentliche Handlung und die Lösung etwaiger Konflikte spielen keine Rolle, sondern vielmehr stehen die Lächerlichkeit und Absurdität der gesamten russischen - oder menschlichen? - Gesellschaft, wie Gogol sie sieht, im Mittelpunkt.

Die kleinkarierten, raffgierigen, dreist-naiven Kleinstädter, die korrupten Beamten, versoffenen Gutsbesitzern und vertrottelten Würdenträgern charakterisieren das Russland des 19. Jahrhunderts, können jedoch beliebig für andere Völker und Zeiten stehen. Und so führen Schlamperei, schlechtes Gewissen und nackte Angst schon bei einem an sich unbedeutenden Irrtum zur grotesken Katastrophe. Sinn und Verstand sind diesen Menschen abhanden gekommen, wenn sie denn je darüber verfügt haben.


                                         Dmuchanovski träumt von seiner künftigen Karriere

Chlestakov selbst ist eigentlich kein erfahrener Hochstapler, er findet sich jedoch schnell in die Rolle des "allmächtigen" Revisors hinein und macht sich dessen vermeintliche Macht mit einer solchen Intensität zu eigen, dass er mit seinen erfundenen Angebereien nicht nur die einfachen Bürger beeindruckt, sondern schließlich selbst daran glaubt. Nur sein Diener Osip (Markus Frank) durchschaut den Schwindel, zieht aber die Wodka-Flasche einer Aufklärung des Sachverhalts vor.

Brenner hat die bei Gogol schon angelegte und bisweilen an Kafka erinnernde Absurdität der Verhältnisse durch die Ausstattung der Rollen verstärkt. Schon die weiß-grauen Rauschebärte der Männer sind als Parodien zu verstehen, nicht nur der Personen des Stücks, sondern auch der üblichen Rezeption der "Russischen Seele". Obendrein ist keiner dieser Rauschebärte normal. Die benachbarten Gutsbesitzer Dobtschinski (Olaf Weißenberg) und Bobtschinski (Jo Kärn) - man beachte den Gleichklang - treten immer gemeinsam auf und fallen sich gegenseitig ins Wort, der erzdumme Leiter des Armenhauses (Hubert Schlemmer) redet unverständlich und verschreckt daher, der Lehrer (Rolf Idler) schläft schon im Sitzen ein, und so geht es weiter. Nur der deutsche Arzt (Aart Veder) steht immer stumm dabei, da er kein Wort Russisch versteht.

Die Szenen werden bis zur Grenze des Grotesken ausgekostet, sei es der aus Hunger geborene Wutanfall des Dieners Osip in dem Gastzimmer oder die große Besäufnisszene, wenn die gesamte Gemeinde mit Chlestakov um die Wette Wodka trinkt und anschließend buchstäblich umfällt. Allerdings hätte man gerade diese beiden Szenen durchaus kürzen können, ohne dass sie an Wirkung verloren hätten. Für viele Szenen gilt grundsätzlich: etwas weniger wäre mehr gewesen. Damit hätte das Stück an Länge verloren und an Tempo gewonnen. Verstärkt wird die Absurdität noch dadurch, dass Brenner Gogols Erzählung "Die Nase" von Marja und anderen Frauen bruchstückhaft erzählen lässt. Diese Erzählung selbst ist schon äußerst absurd - ein Offizier verliert seine Nase und sieht diese in Uniform herumstolzieren - und bildet sozusagen eine groteske Selbstreferenz auf den Autor. Darüber hinaus intensiviert sie aufgrund des fehlenden Zusammenhang mit der Handlung den absurden Effekt der Inszenierung. Man sollte sich bei diesen Einschüben nicht viel denken, sie stellen nur ein weiteres "verrücktes" Element in einer an sich schon verrückten Geschichte dar.

Die Handlung kulminiert schließlich in der "Rampenszene", wenn der Stadthauptmann, seine Frau und seine - vermeintlich - frisch verlobte Tochter in das Publikum hinein von ihrer künftigen Rolle in Petersburg träumen. Hier bricht sich der Machtwahn des Kleinbürgers unaufhaltsam Bahn. Träumt er anfangs nur von seiner künftigen Bedeutung, so steigert er sich zügig in Rachephantasien gegenüber seinen "korrupten" Freunden hinein. Man sieht förmlich schon den Henker seines Amtes walten. Und mitten in seine Tiraden gegen die Korruption - Saulus, Paulus - schleichen sich plötzlich Worte wie "Spendensumpf", "Untersuchungsausschuss" und andere Unworte der jüngsten Zeitgeschichte ein. Das alles schleudert er dem Publikum ins Gesicht, das - alles andere als imaginär - in voller Absicht in die Handlung einbezogen wird.

Der "Showdown" am Schluss weicht insofern von der Vorlage ab, als Dmuchanovski nach der Anmeldung des richtigen Revisors aus Verzweiflung alle Anwesenden einschließlich Frau und Tochter erschießt und beim anschließenden Selbstmordversuch nur an der leeren Pistole scheitert. Dieser Schluss kann jedoch auch als Wahnvorstellung begriffen werden, stehen doch die Erschossenen wie wandelnde Geister wieder auf. Angesichts der auf Absurdität angelegten Inszenierung spielt diese Abweichung jedoch keine Rolle, sie stellt nur eine weitere Variante des Grotesken dar.

Die Darsteller - vor allem Christian Wirmer als Chlestakov und Till Sterzenbach als Dmuchanovski - füllen ihre Rollen durchweg überzeugend aus. Offensichtlich bereitet ihnen die absurde Geschichte viel Spaß, und ein notorischer Spaßvogel wie Olaf Weißenberg ist hier in seinem Element. Gabriele Drechsel liefert als Frau des Stadthauptmanns das Portrait einer Landfrau mit der Sehnsucht nach Bedeutung. Herrlich, wenn sie bei den Machtphantasien ihres Mannes wie eine Statue daneben sitzt, mit dem Gesichtsausdruck einer Herrscherin während einer fotografischen Aufnahme. Janina Sachau spielt die Marja mit viel naiver Kindlichkeit und einem Schuss Verrücktheit, und Aart Veder als deutscher Arzt schweigt zu alle dem, bis er schließlich ganz zum Schluss auch seinen Satz sagen darf....

Alles in allem eine gelungene Interpretation des russischen Klassikers, die jedoch gerne etwas kürzer hätte ausfallen dürfen.
 
Frank Raudszus