Horror im Sprechzimmer

Petter Rosenlunds "Ein Schreckliches Kind" im Werkstatt-Theater
Wenn die Besucher endlich den kargen Zuschauerraum des Darmstädter Werkstatt-Theaters betreten können. erwartet sie ein sprödes Bühnenbild aus drei weiträumig und u-förmig angeordneten Wänden, die eine Klinikstation symbolisieren. Einige Stühle und ein typischer Instrumententisch bilden das spärliche Inventar, in dem sich vier Personen aufhalten: der Azt (Lutz Zeidler) mit einer Krankenschwester (Iris Melamed) und die junge Mutter (Katharina Hoffmann) mit ihrem achtjährigen Sohn (Christian Wirmer als nicht mehr Achtjähriger..). Unter gleichgültig bis irritierter Beobachtung von Mutter und Sohn streiten sich die beiden Mediziner erst einmal ausgiebig über das so übliche Problem einer außerehelichen Beziehung, bei der die ledige Krankenschwester wieder einmal die Leidtragende und der Mann der anderweitig Verheiratete ist. Ihr Insistieren auf eine Aussprache trifft auf seine Ausrede des unpassenden Moments, und man lebt die Situation ungeachtet der "Kundschaft" aus.

Bei der schließlich doch vorgenommenen Untersuchung des angeblich gehörlosen Jungen erfährt der Arzt von der Mutter, dass dieser angeblich nicht auf seinen vor vier Jahren verstorbenen Großvater sowie auf dessen bereits vorher verstorbene Frau hört. Postwendend weist er die junge Mutter in die Psychiatrie ein, worauf sie verschwindet. Nachdem ein den Jungen ignorierender Kopulationsversuch am Anruf der einsam daheim darbenden Arztfrau scheitert und der Arzt auf die Suche nach der entflohenen Mutter geht, nutzt die Krankenschwester die Gelegenheit, um den Achtjährigen mit ihren Beziehungsproblemen zu überschütten und von ihm Bestätigung zu verlangen.

Die Situation steigert sich mit dem Auftreten des angeblich lange verstorbenen Großvaters des Jungen, der diesen in infantiler Weise mit Clownsnase und Babypossen für sich zu gewinnen sucht. Als die zurückkehrende Mutter der Krankenschwester mitteilt, dass ausgerechnet der Arzt der Vater ihres Kindes sei, ist der Höhepunkt erreicht. Von da an kann es in der Handlung nur noch abwärts gehen. Der Arzt sieht sich zunehmend in die Defensive gedrängt, immer in der Furcht vor einer Aufdeckung seiner Verhältnisse gegenüber seiner Frau, die erotisch vollständig frustrierte Krankenschwester sieht sich mittlerweile als heimliche Lesbe und bändelt mit der ebenfalls gestörten Mutter an, und der Großvater jagt den Arzt und Vater seines Enkels durch die Praxis und schlägt ihn zusammen. Nur um den Jungen, scheinbar Mittelpunkt des gesamten Dramas, kümmert sich niemand....

Während sich alle erwachsenen Beteiligten ihren egomanischen Problemen widmen und dabei immer das Wohl des Jungen im Munde führen, geistert dieser - in einem Anfall von vermeintlicher Eltern- und Großelternliebe halb entkleidet - mit einem irgendwo aufgegabelten Messer durch die Praxis, nachdem er diese mit Graffitis kräftig verunstaltet hat. Während sich die Erwachsenen noch gegenseitig jagen und quälen, beginnt der Junge sein versteckt meuchlerisches Werk. Wenn er am Ende alleine mit dem Messer in der Hand dasteht und die Philosophie eines missbrauchten und vernachlässigten Kindes herausschreit, schlägt das Kindliche seiner Rolle plötzlich um in die Diktion eines gefährlichen Halbwüchsigen, der vor nichts mehr zurückschreckt. Die Zukunft eines solchen Kindes ist mit dem letzten Bild vorgezeichnet. Regisseur Kerim Doosry hat dieses Stück unter Begleitung der Dramaturgin Juliane Kuhn auf dem schmalen Grat zwichen Tragödie und Groteske angesiedelt. Wer eine solche Handlung ernsthaft, mit "richtigem" Bühnenblut und sinntriefenden Dialogen inszeniert, riskiert die Lächerlichkeit eines missratenen Melodrams. Gewollter Ernst besteht nur vor schlackenloser Kunst und ist schwer mit Satire zu vereinbaren. Doch aus dem falschen Lachen über groteske Situationen kann sich durchaus ein abgeleiteter Ernst entwickeln.

Tatsächlich gelingt es dem Ensemble, den schmalen Pfad zwischen blutrünstiger Klamotte und schriller Komödie ohne Fehltritt zu beschreiten, und das nicht zuletzt wegen der treffsicheren Charakterstudien. Iris Melamed verkörpert die in wachsender Torschlusspanik verkümmernde Krankenschwester genauso überzeugend wie Katharina Hoffmann eine gestörte weil verstörte junge Frau, die durch Missbrauch und Unterdrückung mit dem Leben nicht mehr zurechtkommt und sich ihre eigene Traumwelt bastelt. Lutz Zeidler gibt einen oberflächlich- charmanten und doch feigen Chauvinisten und Klaus Ziemann einen verklemmt-geilen Großvater, der seine halbe Familie auf dem Gewissen hat. Am meisten ist jedoch Christian Wirmer hervorzuheben, der den schwierigen Part zu bewältigen hat, als Erwachsener glaubwürdig einen achtjährigen Jungen zu spielen und dies mit Bravour absoviert. Wie er sich verlegen an Hemd und Hose zupft, diese lang zieht und sich in sich selbst verkriecht, wie er die kindlich-aufsässige und schwach protestierende Kinderstimme intoniert, ist schon bewundernswert, muss er doch als Einziger aus seiner eingeübten Erwachsenenrolle zurück in ein lange abgelegtes Kostüm schlüpfen. Trotz der optischen Unglaubwürdigkeit nimmt man ihm diese Rolle ab und sieht ihn über Strecken tatsächlich wie einen kleinen, missbrauchten und vergewaltigten Jungen, der sich verzweifelt mit seinen letzten Mittel gegen eine egoistische Erwachsenenwelt wehrt.

Nach eineinhalb Stunden nahm das Ensemble dankbar den verdienten Beifall eines Publikums entgegen, das angesichts dieser Leistung durchaus hätte zahlreicher ausfallen können. Verdient hätten es die Akteure allemal, und man kann nur hoffen, das dieses Stück in Zukunft mehr Zuspruch findet.