| Tödliche Mechanik politischer Leidenschaft |
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Verdis "Sizilianische Vesper" in Darmstadt |
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Zu Recht wird so mancher großen Oper ihr unlogisches bis dümmliches Libretto vorgeworfen, man denke dabei nur an die "Zauberflöte". Es gibt jedoch auch Opernhandlungen, die trotz großer Gefühle von Anbeginn logisch angelegt sind und konsequent durchgehalten werden. Da kann sich dann die Musik mit dem nahezu zwangsläufigen Fortgang der Handlung entwickeln.Dies ist in Verdis "Sizilianischer Vesper" in hohem Maße der Fall, und dieser Umstand macht diese Oper so dicht und packend.
Peter Klaveness als Procida Das Sizilien des ausgehenden 13. Jahrhunderts ist von den Franzosen besetzt, Gouverneur Montfort hat den geliebten Fürsten Friedrich hinrichten lassen. Dessen Schwester Elena hat Rache geschworen und findet in dem jungen Arrigo dabei einen nicht nur politisch ambitionierten jungen Revolutionär. Sie sagt ihm ihre Hand zu, wenn er hilft, den Tyrannen zu beseitigen. Als der Arzt Procida heimlich aus der Verbannung zurückkehrt und den Aufstand vorbereitet, wagt sich Arrigo verbal hervor und protestiert öffentlich gegen die Besatzer, was ihm die Verhaftung einbringt. Als Montfort jedoch durch einen Brief einer ehemaligen Geliebten erfährt, dass Arrigo sein Sohn ist, läßt er ihn aus plötzlich erwachten väterlichen Gefühlen frei und versucht vergeblich, Arrigo auf die Seite der Besatzer zu ziehen. Als dieser erfährt, dass Montfort anlässlich eines Balles umgebracht werden soll, fällt er den Mördern in letzter Sekunde in den Arm, nachdem seine versteckten Warungen dem Vater gegenüber nichts genutzt haben. Entsetzt sieht er, dass seine Freunde dem Tod geweiht sind und bittet vergeblich um Gnade. Die Verhafteten schneiden den vermeintlichen Verräter und Montfort bietet die Begnadigung aller Verhafteten an, wenn sich Arrigo zu ihm als Vater bekennt. Als Arrigo nach langem inneren Kampf dieser Bitte nachkommt und damit die Freunde rettet, verspricht ihm Montfort Elena als Frau. Als diese jedoch von Procida erfährt, dass die Hochzeitsglocken das Zeichen zum Aufstand geben sollen, versucht sie, sich von Arrigo loszusagen. Montfort jedoch verkündet öffentlich die Eheschließung, die Glocken läuten, und die Bühnenrückwand öffnet sich für die Aufständischen, die die gesamte Hochzeitsgesellschaft niedermetzeln. Vorhang - Schluss. Verdi setzt diese sich stetig steigernde und unaufhaltsam dem tödlichen Ende entgegen strebende Handlung in eine nahtlos passende Musik um. Bereits die Ouvertüre verbreitet eine düstere und drohende Atmosphäre, die sich im weiteren Verlauf zu einer dramatischen Verzweiflung steigert. Langsame, marschartige Sequenzen wie zu einer Exekution dominieren übeweite Strecken, und dazu wird auch tatsächlich eine Hinrichtung szenisch vorbereitet und hinter den Kulissen akustisch abgeschlossen. Auch die lyrischen Passagen, so wenn Elena sich ihre Liebe zu Arrigo eingesteht oder wenn die Hochzeit vorbereitet wird, wirken immer nur wie die Ruhe vor dem Sturm und verbreiten nie heitere Gelassenheit. Es ist eine verzweifelte Poesie, die sich hier kurzfristig Bahn bricht, sind sich doch alle Beteiligten mehr oder minder sicher, dass es kein gutes Ende im menschlichen Sinne geben kann. Die Lösung der Situation kann nur im Aufstand liegen, und dieser bedeutet Mord und Totschlag. Als Kontrast zu den düsteren Partien des Orchesters hat Verdi in die Handlung einige "a capella"-Szenen eingeflochten, bei denen die Sänger/innen ohne jegliche orchestrale Unterstützung zu dritt und zu viert eine in ihrer Schlichtheit höchst komplexe und rhytmisch vertrackte Sequenz singen müssen, die geradezu gespenstisch anmutet. Später wird dieses "freie Singen" noch einmal aufgenommen, und jedesmal nahm diese hochkonzentrierte Darbietung das gesamte Publikum so gefangen, dass nicht einmal ein Huster mehr zu hören war. Die Sänger müssen in dieser Aufführung Höchstleistungen bringen, allen voran in der Rolle des Arrigo. In der Premiere hatte Gustavo Porta diese Partie gesungen, war jedoch am Tage danach bei der zweiten Aufführung zu einer Wiederholung stimmlich nicht in der Lage. Daher hatte man kurzfristig den Tenor Sergej Naida engagieren können, der den Gesangspart vom Bühnenrand her präsentierte, während Gustavo Porta mit stimmlosen Mundbewegungen die szenische Aufführung begleitete. Eine gewiss nicht ideale Lösung, aber unter den obwaltenden zeitlichen Umständen akzeptabel. Sergej Naida überzeugte auch vom Blatt und konnte über Strecken die räumliche Zweiteilung der Figur des Arrigo vergessen machen. Besonders eindrucksvoll präsentierten sich in der "B-Premiere" auch die beiden Bass-Partien, Anton Keremidtchiev als Montfort und Peter Klaveness als Procida. Beide waren nicht nur stimmlich in allen Phasen präsent, sondern brachten auch die Charaktere der dahinter stehenden Rollen des erst despotischen, dann im Vaterherz getroffenen Montfort und des fanatischen, den Tod von Unschuldigen nicht scheuenden Procida zur Geltung. Die Gastsängerin lena Nordin überzeugte als Elena vor allem in den lyrischen Passagen. Regisseur Friedrich Meyer-Oertel hat als Bühnenbild ein düsteres, eher zeitgenössisches Ambiente gewählt. Große, an Betonmauern erinnernde Wandelemente mit Einschusslöchern lassen nicht nur die Folgen heutiger Kriege deutlich werden, sondern dienen gleichzeitig als Unterteilung des Bühnenraumes für die unterschiedlichen Auftritte. Diese beschränken sich mal auf den schmalen
Anton Keremidtchiev (l.,Montfort) und Gustavo Porta (r., Arrigo) vorderen Bühenrand, dann öffnen sie sich wieder bis weit in den Bühnenraum hin, wo sich vornehmlich die schrecklichen Szenen wie Hinrichtungen oder das finale Massaker abspielen. Auch die Kostüme lehnen sich an die heutige Zeit an. Die Soldatenuniformen erinneen schwach an die Bundeswehr, obwohl dies wohl nicht symbolisch zu verstehen ist, und Arrigo kommt im Smoking zur Hochzeit. Angesichts der politischen Ereignisse der letzten Jahre - Balkankrieg ! - wirkte diese Transponierung in die heutige Zeit auch in keiner Weise aufgesetzt sondern jederzeit realistisch. Ein besonderes Lob ist dem hervorragend geführten Chor zu zollen, der hier nicht nur singt, sondern sich als Bevölkerung und Soldaten auch in hohem Maße in die Handlung einfügen muss, was zwar teilweise das Singen schwieriger macht, die Inszenierung jedoch außerordentlich bereichert und ihr Dynamik verleiht. Das Publikum belohnte die Akteure einschließlich dem von Hans Drewanz sehr exakt und nie dominant geführten Orchesters mit begeistertem Beifall, in den sich viele Bravo-Rufe und - unverständlicherweise - auch einige Buh-Rufe mischten. |