Die Quadratur des Dreiecks

Goethes "Stella" als Gastspiel in Darmstadt
Im Zuge des turnusmäßigen Austausches von Inszenierungen zwischen den Landestheatern Darmstadt und Wiesbaden gastieren in dieser Saison die Wiesbadener mit Goethes Schauspiel "Stella" in Darmstadt. Bei der Neu-Inszenierung gerade von Stücken solch herausragender Autoren stellt sich die Frage der Interpretation mit besonderer Schärfe. Einen unbekannteren Autoren aus der Zeit der Weimarer Klassik könnte man nahezu unbefangen spielen, gilt es doch meist, Unbekanntes oder Verschüttetes hervorzuholen. Schon allein dafür ist dem Regisseur der Dank der Gemeinde gewiss. Bei Goethe jedoch ist jedes Stück unzählige Malöe inszeniert und die jeweilige Aufführung kommentiert und kritisiert worden. Vergleiche liegen nahe und der Schiffbruch droht immer.


Das Bühnenbild mit dem Brunnen am Luisenplatz

Regisseur Daniel Karasek hat das Stück sacht modernisiert. Neben heutigen Kostümen und eher zeitlosen Räumlichkeiten - die Wand eines Fachwerk-Gasthofes und eine Art Wintergarten - hat er vor allem der Sprache alles Deklamatorische genommen, ohne den Text zu ändern. Goethes Sprache wirkt dadurch trotz der teilweise historischen Ausdrücke erstaunlich zeitlos.

Das Sujet ist uralt und so recht nach Goetes Geschmack: Die alleinstehende Cäcilie will ihre jugendliche Tochter Lucie bei einer ebenfalls alleine lebenden jungen Frau in "Stellung" geben. Von der Postmeisterfrau am Orte erfährt sie, dass diese, Stella mit Namen, vor Jahren von ihrem Mann - oder Liebhaber - verlassen wurde und ihm seitdem nachtrauert.

Gleichzeitig mit den beiden Frauen steigt ein Offizier in dem Gasthaus ab und kommt mit Lucie ins Gespräch. Der aufmerksame Zuschauer ahnt bereits hier die Zusammenhänge.

Die Frauen finden bei dem ersten Zusammentreffen sofort zueinander und Stella lädt auch die Mutter ein, bei ihr zu bleiben. Übervoll der Erinnerung an den verlorenen Geliebten enthüllt sieschließlich eine Büste von ihm, in der Cäcilie das Abbild ihres Mannes wieder erkennt. Lucie ihrerseits entdeckt Stella, dass dieser Mann im Gasthaus weile. Cäcilie beschließt abzureisen, ohne ihre Entdeckung Stella zu offenbaren. Diese jedoch bittet nichtsahnend ausgerechnet ihren wieder gefundenen Geliebten Fernando, die fremde Frau zum Bleiben aufzufordern. In einer langen Aussprache mit seiner zu menschlicher Größe auflaufenden Frau beschließt Fernando, Stella ein zweites Mal zu verlassen und zu seiner Familie zurück zu kehren.

Die ein zweites Mal verlassene Stella verzweifelt an ihrem Unglück und vergiftet sich. Fernando kann seine Schuld nicht mehr ertragen und erschießt sich. Zurück bleiben - wie zu Beginn - Mutter und Tochter.

In diesem Schauspiel hat Goethe seine eigene Rolle Frauen gegenüber verarbeitet. Nie zu sehr sich vereinnahmen lassen, immer eine innere Distanz wahren, notfalls auf Kosten der Frau(en) - siehe Charlotte von Stein oder Christiane Vulpius. Dem gemäß kommt es ihm auch nicht in den Sinn, Fernando als gewissenloser Schürzenjäger darzustellen. Seine Lage ist eher dem unentwirrbaren Lauf des Schicksals als einer eigenen, handfesten Schuld zuzuschreiben. Mehrfache Liebe ist ihm durchaus nicht fremd und das Schicksal der verlassenen Frauen zwar beklagenswert aber Teil des Lebens. In der "Stella" offenbart Goethe auch, das er durchaus nicht der begnadete Dramatiker ist. Das gedankenschwere Stück leidet unter langen Dialogen über die Liebe und ihre moralischen Fallstricke. Auch die Höhenflüge persönlicher menschlicher Größe bei Cäcilie und Stella - pikanterweise nicht bei Fernando - tragen nicht gerade zur dramatischen Steigerung bei. Jeder großmütige Verzicht entspannt nämlich die Situation, verdünnt so das dramatische Gebräu und ist obendrein nicht unbedingt realistisch.

Karasek versucht die fast statischen Dialoge der wichtigsten Zweier-Konstellationen - Fernando/Stella und Fernando/Cäcilie - durch Einlagen aufzulockern, so wenn er Fernando und Stella zum Wiedersehen einen erotisch gemeinten Tango tanzen lässt oder Fernando und Cäcilie bei ihrem Zusammentreffen eine angedeutete Kopulation unterschiebt. Doch diese Szenen zeigen ihren Charakter als "Lückenbüßer" zu deutlich, um glaubwürdig zu sein. Der Text aus hehren und wohl gesetzten Worten über das Wesen der Liebe und der an ihr Beteiligten lässt diese Ausbrüche von handfester Realität etwas aufgesetzt wirken. Lobenswert ist zu vermerken, dass Goethes Sprache in der Intonation der Darsteller lebendig wie nie wirkt und trotz der eher langatmigen Gedanken über die Liebe frisch und zeitgemäß wirkt. Auch sind die Figuren durchaus glaubwürdig in das Verhalten heutiger Personen transformiert worden. Cäcilie (Iris Atzwanger) kommt als zwar etwas verbitterte aber dennoch klar denkende und zielorientierte heutige Frau daher, und Pirkko Cremer spielt ihre Tochter Lucie mit viel Witz und der für ein junges Mädchen typischen Sperrigkeit und nur schwach kaschierten Sensibilität. Ragna Pitoll gibt eine vor Heiterkeit und Temperament überströmende Stella und markiert überzeugend den plötzlichen Umschlag von höchstem Glück in tiefste Verzweiflung.

Dagegen hatte Pirkko Cremer als Fernando eine schwierigere Rolle. Gegenüber den Frauen befindet er sich durchweg in der Defensive, und das schlägt auch auf den Darsteller zurück. Seine Verzweiflung klingt eher aufgesetzt, wie bei Einem, der vermeintlich zu Unrecht in seiner Sonntagsruhe gestört wird, nicht wie ein innerlich Getroffener. Das mag jedoch auch daran liegen, dass man Fernando nach heutigen Maßstäben seine Leidensmiene nicht abnimmnt, hat er sie doch selbst zu verantworten.

Das Publikum dankte den Darstellern - vor allem Ragna Pitoll - mit viel freundlichem Beifall für die engagierte Aufführung.