| Gewagter Spagat |
![]() |
Tanz/Theater-Premiere im Doppelpack |
Birgitta Trommler hat sich in Darmstadt im Laufe der letzten Jahre den Ruf einer mutigen Vertreterin des modernen Tanz/Theaters erworben, unter anderem mit der viel beachteten Inszenierung von "Gegenwart - ich brauche Gegenwart" über Ingeborg Bachmann. Die laufende Saison hat sie jetzt mit einer "Doppel-Inszenierung" eröffnet, die aus zwei weder inhaltlich noch formal verwandten Choreographien besteht: In dem ersten Stück - "Stronger than Fiction: M.M." - beschreibt sie mit den speziellen Ausdrucksmitteln des Tanz/Theaters das Leben der Maria Malibran, einem Opernstar des frühen 19. Jahrhunderts. Das zweite Werk setzt die bekannte Erzählung "Der Untergang des Hauses Usher" von Edgar Allen Poe mit den Mitteln der modernen Oper auf die Bühne.
"Stronger than Fiction" beginnt mit Handschriften - offenbar der Protagonistin - die auf einem großen Gaze-Vorhang durchlaufen. Wenn sich der Vorhang hebt, erscheinen auf einer fast leeren Bühne - nur im Hintergrund steigt eine Treppe zur Rückwand empor - vier schwarz gekleidete Männer, die frenetisch einem fiktiven Bühnenstar zujubeln. Auf der Treppe erscheinen vier Frauen. Sie stehen für Lebenssituationen der Maria Malibran. Ihnen gesellen sich bald die Männer in schwarzen Anzügen und Melone zu. Das anfänglich kindlich vertrauliche Spiel zwischen Mädchen und Vater - denn um diesen handelt es sich bei den Männern offensichtlich - schlägt jedoch bald in eine strenge Dressur des/der Mädchen zum kommenden Star um. Sei es Tanz, Gesang oder das äußere Aussehen: in allem fordert der Vater unbedingte Leistung und Gehorsam, bricht so schon früh die Eigenständigkeit des jungen Mädchens, das nur noch die Vorgabe "ich bin schön" des Vaters und Lehrers mechanisch nachplappert.
Die Verletzungen der jungen Seele werden durch Verdrehungen von Körper, Armen und Beinen symbolisiert, und am Schluss der vierfachen Dressur liegen die Mädchen wie tot auf der Bühne - seelisch zugrunde gerichtet. Den Bruch mit den Vätern und deren Verwandlung in männliche Partner verdeutlicht Birgitta Trommler in einem Solo der Männer, bei dem diese ein Chaos an typisch männlichen Verhaltensweisen veranstalten. Aggression, Macho-Gehabe, aufgesetztes Lachen lassen diese Männer zu einem Alptraum ihrer Gattung werden. Im Folgenden werden diese Männer zu Verehrern, Anhängern und Anhängseln des aufsteigenden Stars. Maria jedoch empfindet zunehmend Einsamkeit, verstrickt sich in wechselnden Beziehungen und steht am Schluss im schönsten Ornat einer gefeierten Künstlerin allein auf der Bühne, buchstäblich gefesselt wie an einem überlebensgroßen Kreuz, während hinter ihr auf der Bühnenrückwand eine Videoinstallation über Staatsbegräbnisse abläuft. Am Ende steht der Tod in Einsamkeit.
Zusätzlich zum Tanz müssen die Darstellerinnen in dieser Choreographie auch noch musikalische Fähigkeiten besitzen. So zeigt eine der Tänzerinnen beachtliche pianistische Fähigkeiten, die andere intoniert die Opernsängerin Maria Malibran mit überzeugender Stimme. Dazu ertönt die Musik der Brasilianerin Jocy de Oliveira vom Band. In tänzerisch anspruchsvollen Passagen liefert das Band auch die Gesangsstimme, ohne dass ein akustischer Bruch zu vernehmen ist. Nur die makellose Intonation lässt angesichts des verschränkten und halb verschwundenen Körpers der Protagonistin auf den synthetischen Ursprung der Stimme schließen.
Das Publikum zeigte sich beeindruckt und dankte den Darstellern zu Pause mit lang anhaltendem Beifall. Nach einer zwecks Umbesinnung bewusst länger gehaltenen Pause begann die Oper "Untergang des Hauses Usher" von Philip Glass mit einer quälend langen Video-Installation auf dem großen Gaze-Vorhang vor der Bühne. Über zehn Minuten lang erscheint auf diesem transparenten Vorhang ein für das Fernsehen typisches Störungsbild in Schwarz-Weiß, während sich hinter diesem Vorhang schemenhaft Personen bewegen und im Orchestergraben das reduzierte Orchester die minimalistische Musik von Philip Glass wie eine Ouvertüre präsentiert. Trotz der monoton wiederkehrenden und selten wechselnden kurzen Motive wirkt diese Musik sehr melodisch und geradezu harmonisch. Der Tanz spielt in dieser Inszenierung keine Rolle, sieht man einmal von einigen pantomimischen Einlagen ab. Die Hauptpersonen - der erzählende Besucher Roderick (Peter Grønlund) und die Bewohner Madeline (Rosamund Cole) und William (Christoph Johannes Kögel) des "Hauses Usher" - artikulieren sich vor allem durch sparsame Gestik und einen Sprechgesang, der sich eng an die Musik anlehnt. Im Gegensatz zur klassischen Oper brillieren hier nicht die Solisten auf Kosten der Musik, sondern diese gibt ihnen ihren Part vor und erlaubt ihnen nur die Rolle eines Instruments. Die Personen treten als Individuen hinter das Geschehen zurück, das sich im Wesentlichen um die Wiedergabe der typisch Poe´schen Atmosphäre dreht.
Das Unheimliche, nicht Benennbare dieses Hauses, das sich nicht simpel auf die "Verrücktheit" seiner Bewohner reduzieren lässt, beherrscht das Bühnengeschehen. Die Geschwister William und Madeline scheinen Gefangene eines unentrinnbaren Schicksals zu sein, das den Besucher auslässt und diesem auch unverständlich bleiben muss, dem Geschwisterpaar jedoch vertraut und akzeptierter Teil ihres fast schon jenseitigen Lebens scheint.
Die Musik beschwört mit ihrem eindringlich-monotonen Klang eine unwirkliche und zunehmend bedrohliche Stimmung herauf. Alles schwebt, nichts ist sicher, und auf der Empore drehen sich die Tänzer in kleinen Verschlägen wie Spieluhren-Figuren umeinander und fügen sich gegenseitig in lustvoller Zeitlupe subtile Folterqualen zu. Diese der Fantasie Rodericks sich aufdrängenden Figuren runden das psychische Umfeld des so geheimnisvollen wie morbiden Hauses ab. Priester und Nonne in verboten- verdrängter Erotik, zwei Brüder im Matrosenanzug, die Jugend symbolisierend, ein bürgerliches Ehepaar: sie alle spiegeln die Obsessionen einer versinkenden Gesellschaft wider. Madeline stirbt erst geistig-seelisch und dann physisch, nachdem sie einsam vor sich her singend auf der Galerie entlang gewandelt ist. William folgt ihr am Schluss in einer inzestuösen Apotheose. Die Musik intoniert den bei Poe im Gewitter stattfindenden Untergang des Hauses mitsamt seinen Bewohnern mit bedrohlich aufwallender Instrumentation, am Schluss erstirbt das Bild in Dunkelheit.
Auch wenn man die englisch gesungenen Texte nur selten verstand, tat dies der Wirkung keinen Abbruch, wenn auch eine rudimentäre Kenntnis des Stoffes von Vorteil ist. Die unheimlich-bedrohliche Atmosphäre der Poe´schen Erzählung kommt überzeugend zum Ausdruck, und nur langsam erholt man sich am Ende von diesem Eindruck.
Das Publikum nahm diese Aufführung mit zwiespältigen Gefühlen auf. Neben Bravo-Rufen waren beim Defilé der Choreographen - vorneweg Birgitta Trommler - auch kräftige "Buuhs" zu vernehmen. Diese waren nicht zuletzt auf den breiten Spagat zwischen zwei so unterschiedlichen Stücken und die mangelnde Verständlichkeit der Usher-"Texte" zurück zu führen. |