Kinderreim-Groteske mit Shakespeare

Junk Opera "Shockheaded Peter/Struwwelpeter" in Darmstadt
Termingerecht zu den "tollen Tagen" hatte das Staatstheater Darmstadt die Premiere der "Junk Opera" der beiden Briten Julian Crouch und Phelim McDermott über die Kinderreime des deutschen Arztes Dr. Heinrich Hoffmann angesetzt. Wer jedoch - wie offensichtlich manche Besucher - gedacht hatte, dies sei eine Kinderveranstaltung, hatte sich geirrt.

Janina Sachau und Markus Frank

Wer kennt nicht die etwas holprigen Verse über den Struwwelpeter ("Seht Ihr wohl da steht er....."), den Suppenkaspar ("Nein, meine Suppe ess ich nicht!"), den Zappelphilip("Und die Mutter schauet stummm..."), den "Hans-guck-in die Luft", den bösen Friederich, den "Fliegenden Robert" und andere Geschichten aus Hoffmanns unsterblichem Bändchen! Und wer hätte gedacht, dass man daraus ein so groteskes und mitreißendes Musical machen kann.

Die beiden Autoren haben Hoffmanns Erzählungen in die Arena eines kleinen Zirkusses verlegt. Der Zirkusdirektor führt die Besucher durch die Geschichten und tritt selbst in den gestellten Geschichten auf, so als Struwwelpeter mit beinlanger weißer Greisenmähne, als einer der Katzen "Mienz und Maunz" oder an der Mittagstafel bei dem Zappelphilip zu Hause. Nebenbei träumt er davon, ein großer Shakespeare-Mime zu sein, und trägt nach einer mörderisch-grotesken Szene die englische Fassung von "To be or not to be" vor, und das ohne jede ironische oder parodistische Brechung.

Die einzelnen Episoden des Struwwelpeters werden als Mischung aus Zirkus und Musical präsentiert, wobei die Bühnenhandlung die jeweilige Kerngeschichte umschreibt, mit lebenden Bildern erweitert und mit Gesang untermal. Die Verse werden mal in Deutsch, mal in Englisch gesungen und mit Pantomime, Tanz und teilweise eruptiven Szenen ausstaffiert.

Kommt der anfängliche Suppenkasper noch einigermaßen manierlich daher, wobei sich die die Figur des Kaspars (Markus Frank) zum Gesang des Struwwelpeters/Direktors (Hubert Schlemmer) hinter immer kleineren Papp-Kindergesichtern versteckt, so geht es bei den folgenden Kindergeschichten bereits weniger kindlich zu. So verbrennt Paulinchen (Janina Sachau) - wiederum zur Stimme Hubert Schlemmers - durch den Missbrauch von Zündhölzchen in einem makabren Tanz, bei dem "Mienz und Maunz" sie an Seilen über die Bühne zerren und schließlich in der Unterwelt verschwinden lassen. Die Geschichte des bösen Friederich präsentiert gesanglich die Peitsche schwingende Franziska Sörensen, hinter ihr stellt Markus Franz in naturgetreuem Kostüm den Fliegen fangenden Bösewicht dar, um schließlich das Mädchen mit der Peitsche erst zu umgarnen und dann brutal zu vergewaltigen. Schwarzer britischer Humor, der das plötzliche Umschlagen von kindlicher Bösartigkeit in tödliche Brutalität ausleuchtet.

Janina Sachau und Markus Frank

Herrlich die Geschichte vom Daumen lutschenden Konrad ("Konrad, sprach die Frau Mama, ..."), hier in Englisch vorgetragen von Janina Sachau im Stile Marylin Monroes, wobei ein Stück des amerikanischen "Showbiz" aufblitzt.

Wahrhaft chaotisch kommt der "Zappelphilip daher. Da schwingt sich Janina Sachau auf einem Trapez über den gedeckten Tisch, an dem eine gar wunderliche Gesellschaft tafelt und Zirkusdirektor Hubert Schlemmer den Korken der offensichtlich echten Sektflasche bis in die achte Reihe des Parketts schießt, und räumt fröhlich schwingend den gesamten Tisch leer. Dazu stehen die Schauspieler bei jedem ihrer Juchzer vor dem Publikum stramm. Am Ende sind die - künstlichen - Lebensmittel auf der Bühne verstreut und Philip alias Janina Sachau liegt von Messern und Gabeln durchbohrt auf der Bühne.

Rhytmisch mitreißend zeigt sich der "Hans-guck-in die Luft", gesungen von Markus Frank auf einem schmalen Grat über der Zirkusarena zur synkopischen Klavierbegleitung von Janina Sachau. Den "Fliegenden Robert", der mit dem Regenschirm bei Sturm in den Wolken entschwindet, gibt Franzska Sörensen als elegischen Musicalsong mit aller einschlägigen Sentimentalität.

Besonders grotesk spielt sich die Geschichte vom Jäger ab, der in der Sonne einschläft und vom Hasen mit dem eigenen Gewehr verjagt wird. Klaus Ziemann als gejagter Jäger und Franziska Sörensen als jagender Hase ziehen das gesamte Ensemble in einer wahren Jagd über die gesamte Bühne.

Die Brille wechselt genau nach Hoffmanns Drehbuch vom Jäger zum Hasen, und am Schluss kippt der Jäger (Klaus Ziemann) in den imaginären Brunnen und die Jägersfrau verbrüht mit dem heißen Kaffe den kleinen Papphasen, der extra zu diesem Zweck auf die Bühne gezogen wird. Franziska Sörensen lispelt dazu als falscher Hase mit "Hasen-Zähnen" den Text.

Die musikalische Begleitung liefert eine sechsköpfige Kapelle in Clownskostümen, stilgerecht hinten über dem Manegenrund platziert. Die Musik durchläuft die ganze Bandbreite der modernen Unterhaltungsmusik, wirkt mal laut und aggressiv, mal eher sentimental, je nach dem auf der Bühne gerade dargestellten Geschehen, doch immer temporeich und mit viel rhythmischem und musikalischem Witz. Der Gesang passt sich dem Stil an bietet so manches Zitat aus der gängigen U-Musik, vor allem dem Musical.

Getreu der britischen Mentalität wird hier nicht mit schwarzem Humor gegeizt, und so manche Szene schlägt plötzlich in gar nicht mehr kindliche Brutalität um, nur scheinbar naiv und grob im Sinne eines Vorstadt-Zirkusses dargebracht, doch zielsicher die hinter dem burlesken Spiel lauernde Realität entlarvend.

Die Kostüme sind eng an die handgemalten Figuren des Struwwelpeters angelehnt, und vor allem Markus Frank bewegt sich auch wie die ungeschickt gezeichneten Gestalten, mit gespreizten Armen und Beinen, in der kindlichen Schminke erstarrtem Gesicht und marionettenhaften Bewegungen. Eine Gruppe von Jugendlichen gibt dazu - wie im Zirkus üblich - einige sportlich-tänzerische Einlagen zum Besten, und Hubert Schlemmer rast als leitender und schauspielernder, leicht überforderter Zirkusdirektor zwischen den verschiedenen Ebenen dieser "Bühne auf der Bühne" hin und her.

Alles in Allem ein grotesker und sehr unterhaltsamer Abend, der das Premierenpublikum zu nicht enden wollendem Beifall hinriss und sicher noch viele erfolgreiche Wiederholungen sehen wird.