Das Aufbegehren der Eingeschlossenen

Doppelter Tanz/Theater-Abend in Darmstadt
Nach dem erfolgreichen Doppelabend des letzten Programms hatten die Verantwortlichen des Darmstädter Tanz/Theaters offensichtlich beschlossen, die Philosophie einer zweiteiligen Choreografie forzuführen. Am 24. März stellten die beiden Choreografen Birgitta Trommler und Thomas Langkau ihr Doppelprogramm unter dem Namen "Bizarre Tode - unter Land" vor.

Birgitta Trommlers "Bizarre Tode" beginnt mit einer häuslichen Idylle in einer Art "Guckkasten"-Container. Assoziationen an "Big Brother" mögen nicht beabsichtigt gewesen sein, sind jedoch statthaft. Während der Hausherr (Rolf Kast) im grauen Anzug das gesamte Heim mit Topfpflanzen verunziert, beschäftigt sich seine Frau (Amy Coleman) ausgiebig mit ihrem Körper, indem sie die Zusammenhänge der einzelnen Gliedmaßen im monothonen Gleichmaß herbetet und gestisch-tänzerisch untermalt. Dazu langweilen sich die vier Töchter in ihren Zimmern, angedeutet durch einige Sitzgelegenheiten auf dem Dach des Containers. Nach und nach trifft sich die Familie im Wohnraum, und der Vater versucht, den Zusammenhalt der Familie verbal wie körperlich herbeizuzwingen. Dazu dreht er die Köpfe und Körper der Mädchen zu einer fiktiven Familienmitte, ihnen keinen eigenen Freiraum gestattend. Die Mutter greift derweil zum Akkordeon, dass sie jedoch mehr als akustisches Erziehungsmittel denn als Musikinstrument einsetzt - auch hier ist der Verweis zwar nicht vordergründig doch deutlich.

Langsam jedoch beginnen die Mädchen unruhig zu werden, und das nicht zuletzt deswegen, weil sich um den Container herum junge Männer anschleichen, von den jungen Mädchen angelockt wie die Bienen vom Honig. Scheinbar gelangweilt ziehen sie ihre Kreise um das Haus immer enger, bis die Mädchen ausschwärmen und ersten verschämten Kontakt zu den Jungs suchen. An dieser Stelle gelingen Birgitta Trommler und den Darstellern einige sehr schöne Szenen der ersten schüchternen Anbandelungsversuche. Da weiß der junge Mann nicht wohin mit den Händen, und das Mädchen erstarrt in gefallsüchtigem Lächeln und der Furcht, etwas falsch zu machen.

Andere Jungs wieder spielen den Macho oder den routinierten Draufgänger, und auch die Mädchen entwickeln unterschiedliche Reaktionen auf die männlichen Avancen. Alles das wird mit tänzerischen Mitteln dargestellt, mal verhalten und zögernd, mal temperamentvoll.

Mitten in das gegenseitige Beschnuppern ertönt herrisch das mütterliche Akkordeon, und flugs eilen die Mädchen zurück in den heimatlichen Container und fügen sich wieder den Vorstellungen der Eltern. Doch die Ausbruchsszenen wiederholen sich in kürzeren Abständen, jedesmal eingeleitet von harten Disco-Rhythmen der Darmstädter Band "Tommy and the Moondogs", die auch selbst als Sänger oder Gitarristen in die ausgelassene Handlung auf der Bühne eingreifen. Als Zwischenspiel legen Tänzer und Band eine temperamentvolle und Heiterkeit erweckende Show-Einlage über die "erogenen Zonen des Mannes" hin.

So wie sich die Tanzpartien bei den jugendlichen Treffen von Mal zu Mal musikalisch und tänzerisch steigern, so hilflos und zunehmend aggressiv wirkt die Reaktion der Eltern. Als sie schließlich versuchen, sich an dem ausgelassenen Tanz der Jungen zu beteiligen, zeigen sie nicht nur durch ihre Haltung - Rücken an Rücken - , dass sie nichts mehr miteinander zu tun haben, sondern auch ihre Tanzversuche enden in steifen Verrenkungen und missverstandenen und daher ziellosen Armbewegungen. Schließlich endet der Konflikt in einer offenen Revolte der Mädchen im Wohncontainer, bei dem das verhasste Klavier mit verschiedenen Gegenständen malträtiert wird und Vater und Mutter zu willenlosen Puppen eines grotesken Tanzes umfunktioniert werden.

Dazu lässt Birgitta Trommler Video-Clips auf die Container-Wand projizieren, die die Mädchen als Selbstmordopfer zeigen. Mal sieht man nur Mädchenbeine von oben ins Bild baumeln, mal ein Mädchen in der Badewanne im eigenen Blut schwimmen. Mit diesen Bildern setzt Birgitta Trommler den makabren Schlusspunkt in der Geschichte der elterlichen Unterdrückung, die längst zum Selbstzweck geworden ist und jeglicher erzieherischer Sinngebung entbehrt. Die ausgelassenen Tanzpartien gleichen eher Wunschvorstellungen und werden von einer bitterbösen Realität ad absurdum geführt.

Birgitta Trommler hat - wie bei ihr üblich - ein ernstes Thema in den Mittelpunkt ihrer Choreografie gestellt und dieses Thema konsequent und mit straff durchgeführt. Dabei überwiegen die strengen und pessimistischen Töne, und es bleibt wenig Platz für leichten Humor. Auch der scheinbare Witz einiger Szenen oder die Disco-Szenen zeigen selten reine Lebensfreude sondern nur die dünne Tünche einer Konsumwelt über den sich kumulierenden Problemen, die letztlich in der Katastrophe enden müssen. Die Umsetzung der Aussagen wirkt bei Birgitta Trommler etwas sperrig und kompromisslos, ist aber in sich schlüssig und aussagestark

Der zweite Programmteil, "unter Land" betitelt, bildet hierzu einen deutlichen Kontrast. Thomas Langkau lässt zu Beginn eine Truppe von Tänzern und Tänzerinnen eine schmissige Choreografie tanzen, die plötzlich damit endet, dass eine Tänzerin (Amy Coleman) in die Erde einbricht - ein Loch hat sich aufgetan. Der scheinbare Aufführungsunfall erweist sich natürlich schnell als Teil der Inszenierung und dient als Symbol für einen Zusammenbruch oder die Unfähigkeit, mit der Truppe mitzuhalten. Im Folgenden quält ein Tanzmeister eine Truppe in ermüdenden Übungen über die Bühne und lässt dabei vor allem die kurz vorher verunglückte Tänzerin schlecht aussehen. Das Urteil steht fest: sie kann nicht mehr mithalten, ist zu alt für das harte Geschäft. Nun folgen heuchlerische weil unehrliche Lobreden auf die "vorbildhafte große Frau", die für ihr Alter immer noch so gut sei, und ähnliche Abgesänge. Damit wird sie aufs vorzeitige Altenteil abgeschoben, was sie durch ihren Abstieg durch das besagte Loch im Bühnenboden verdeutlicht.

Die nächste Szene spielt eine Etage tiefer, wo eine Gruppe alter Menschen schweigend auf Holzgestellen wie auf Kirchenstühlen sitzt. Über eine lange Leiter steigt Amy Coleman in die Welt der abgeschobenen und unnützen Alten hinab. Diese vertreiben sich die Zeit mit einem streng reglementierten Spiel frei nach "Die Reise nach Jerusalem". Jedesmal, wenn sich die Tür in der Bühnenrückwand öffnet und neben einem Schwall weiß durchleuchteten Nebels lautstarke Disco-Musik herausdringt, umkreisen die Alten an ihren Krückstücken im Laufschritt die Holzmöbel. Wenn die Musik abbricht, sucht sich jeder ein Möbel, und wer in der Eile keines findet, muss mit einem dieser Gestelle an den Bühnenrand gehen und sich in das Möbel wie in einen Sarg legen. Auch diese Symbolik ist mehr als deutlich. In der Folge wird dieses Spiel mit kleinen Abwandlungen und Auflockerungen wiederholt, bis nur noch die Neue und ein Mann übrig bleiben. Beim letzten Wettlauf dieser beiden gewinnt oder verliert der Mann und darf oder muss durch die Tür in den Hintergrund verschwinden.

Offensichtlich bewusst verschleiert Langkau den Hintergrund dieses Abgangs, so dass man ihn als Strafe des Fegefeuers oder als Aufstieg in elysische Gefilde deuten kann. Eindeutigkeit wäre hier leicht zu platt gewesen.

Die stete Wiederholung des Wettlaufens versucht Langkau durch kleine Nebenhandlungen aufzulockern, so wenn der später "Erlöste" zwischenzeitlich die Führung des ganzen "Ladens" übernimmt und für Ordung unter den verlotterten Alten zu sorgen versucht. Doch auch er steht dann als vereinsamter Führer am Bühnenrand, ohne Gefolge und ohne Zukunft, und fügt sich der fürsorglichen Betreuung durch die Neue, die noch nicht durch die Rituale abgestumpft ist.

Ein anderes Mal fallen die Alten nacheinander in vermeintlich finalen Zuckungen in sich zusammen, bis alle reglos auf dem Bühnenboden liegen, um sich dann mühsam wieer aufrichten zu lassen. All diese Rituale versinnbildlichen die Sinnlosigkeit des Daseins auf Abruf im Alter. Von der Gesellschaft an einer aktiven Teilnahme am harten Tanz des Lebens gehindert, vegetieren diese Alten unter Scheintätigkeiten und schematisch wiederkehrenden Beschäftigungstherapien dahin, bis wieder einer gehen darf oder muss. Dieser eine scheint dann auch recht glücklich, dem tödlichen Einerlei entronnen zu sein. Der Tod ist hier Erlösung und nicht gefürchtetes Ende.

Thomas Langkau hat diese eigentlich bitterböse Satire über den Umgang mit dem Alter in einen tiefgründigen Humor verpackt. Die Alten wirken in ihrer Steifheit und Bemühtheit nicht lächerlich sondern menschlich, vor allem im Gegensatz zu der knallharten Tanzcompagnie der Oberwelt. Sie scheinen selber die Ironie ihres Daseins zu spüren und gewinnen ihm bei aller Eintönigkeit und Sinnlosigkeit einen höheren Sinn ab. Obwohl abgeschoben gelingt gerade diesen Alten so etwas wie richtiges Leben im Falschen, und den Tod am Ende begrüßen sie wie einen guten Freund.

Das Permierenpublikum dankte Darstellern und Choreografen zum Schluss mit begeistertem Beifall und Bravo-Rufen, wobei die melancholische Geschichte um die heldenhaften Alten die Besucher mehr berührt zu haben schien.