Revolte ohne Gegner

Turgenjews "Väter und Söhne" in Darmstadt
Der Generationen-Konflikt findet seine deutlichste Ausprägung in der Auseinandersetzung der Söhne mit den Vätern, allein schon, weil dabei meistens die Machtfrage im Mittelpunkt steht. Die Söhne revoltie- ren gegen die Machtpositionen und aus ihrer Sicht überkommenen Vorstellungen der Väter, und zu einer richtigen Rebellion gehört natürlich auch die Unnach- giebigkeit und Durchsetzungskraft der Väter. Die letzte Revolte dieser Art kennen wir von den "68ern", die gegen den "Muff von tausend Jahren" der restau- rativen Nachkriegsära auf die Straße gingen. Heute sitzt diese Generation an den Schaltstellen und prä- sentiert ihren Söhnen ein windschnittiges Profil, das wenig zum Aufstand reizt, was sich auch in der der- zeitigen politischen Verfassung der Jugend zeigt. Der russische Autor Iwan Turgenjew zeigt in seinem Roman "Väter und Söhne" ein ähnliches Bild der russischen Gesellschaft Mitte des letzten Jahrhun- derts. Der irische Schriftsteller Brian Friel hat diesen Roman Ende der 80er Jahre für die Bühne bearbeitet


Till Sterzenbach, Matthias Rott und Franziska Sörensen

Die herrschende bürgerliche Schicht Russlands hat sich aufs Land zurückgezogen, betreibt ein wenig Landwirtschaft und gibt sich ansonsten leutselig- liberal. In Turgenjews Roman steht der Gutsbesitzer Nikolaj Kirsanow für diese Generation, deren einziger Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, sich die eigene Jugend durch die Verbindung mit einer jungen Frau zurück zu träumen. Ihm zur Seite verbringt sein früh vom Militärdienst pernsionierter Bruder Pawel mit mittelmäßiger Lektüre und schöngeistiger Selbststili- sierung seine müßigen Tage. Das Personal auf dem Gut nutzt die lockere Gangart Nikolajs zur freien Gestaltung des Dienstes.

In dieses alles andere als strenge Dasein stoßen zu Beginn der Semesterferien zwei Studenten: Nikolajs Sohn Arkadij und sein Freund Jewgenij Basarow, beide nach eigenen Aussagen "Nihilisten". Schon die ersten Diskussionen zeigen Arkadij jedoch eher als Jewgenijs eifrigen Mitläufer denn ideologisch gefestigten Revolutionär.

Jewgenij empfindet der Landgesellschaft gegenüber nur arrogantes Desinteresse, er gibt vor, an nichts zu glauben denn was "nützlich" ist. Kunst, Moral und vor allem Liebe sind für ihn abgestandene Begriffe, und vor allem mit der letzteren zieht er den gutmütigen Arkadij auf.


Olaf Weißenberg und Nadja Petri bei der Probe

Während Arkadijs nihilistische Sprüche wegen seiner unverkennbaren Naivität ins Leere laufen, rührt Jewgenij mit seiner konsequenten Ablehnung aller bürgerlichen Werte schon eher ans "Eingemachte" der gemütlichen Frühpensionäre. Auch die emphatischen Sympathiebezeugungen vor allem Nikolajs, der sich beinahe bis zur Selbstverleugnung anbiedert, weichen seine Haltung nicht auf. Als er jedoch die junge Witwe Anna Odinzowa und ihre Schwester Katerina kennen- lernt, ist es um seine abstrakt-revolutionäre Haltung geschehen. Noch während er sich über das offensicht- liche Interesse von Katerina an Arkadij lustig macht, ergreift ihn die nicht eingeplante und immer verhöhnte Liebe zu Anna Odinzowa in existenziellem Umfang. Währenddessen lässt sich Arkadij naiv und nichts ahnend Stück um Stück von Katerina einfangen. Der revolutionäre Schwung bricht wie ein Kartenhaus bei dem ersten massiven Kontakt mit der Realität zusammen. Jewgenij gesteht Anna in Überwindung seiner gesam- ten ideologischen Vorbehalte seine vorbehaltlose Liebe, wird jedoch zurückgewiesen. Daraufhin ent- schließt er sich, seinem Vater als angehender Arzt bei der Bekämpfung einer Typhus-Epedemie zur Seite zu stehen. Arkadij jedoch bleibt - nicht zuletzt wegen Katerina - auf dem Gut.

Wie zu erwarten, stirbt Jewgenij am Typhus, während sein Vater überlebt. Anna zeigt zu spät ihre Liebe am Sterbebett und darf sich jetzt als doppelte Witwe fühlen.


Markus Frank und Susanne Burkhard bei der Probe

Am Hof von Nikolaj geht jedoch alles seinen alten Gang weiter. Nikolaj hat sich - ausgerechnet auf Vorhalten seines angeblich nhilistischen Sohnes hin - entschlossen, seine Geliebte Fenitschka zu heiraten, und praktischerweise feiert man gleich eine Doppelhochzeit, da auch Katerina ans Ziel gekommen ist. Statt des revolutionären Aufbruchs hat sich bei Arkadij das bürgerliche Ambiente durch- gesetzt. Noch ehe er dem Elternhaus entwachsen konnte, hat ihn die Bürger- lichkeit eingeholt, und er darf - ironischer Höhepunkt - ausgerechnet zusammen mit seinem eigenen Vater Hochzeit feiern.

Ausgehend von der Erkenntnis, dass die heutigen Generationenverhältnisse sehr ähnlich liegen, hat Regisseur Heinz Kreidl das Stück in ein zeitgenössi- sches Ambiente versetzt. Statt im Eingangsbild auf dem Cello selbst Beethovens Romanze zu spielen, hört Nikolaj auf einem Plattenspieler der 60er Jahre Bach, und auch die Sprache - vor allem der jungen Leute - ist durchaus der heutigen Sprache entlehnt, ohne dadurch jedoch das Original zu sehr zu verletzen. Aufgrund der gesellschaftlich doch anderen Verhältnisse im Russland des 19. Jahrhunderts - so die Stellung einer noch jungen Witwe - muss er immer wieder eine Gradwanderung zwischen dem Zeithintergrund der Vorlage und der Umprägung auf unsere Zeit wagen. Dabei gelingt ihm das Kunststück, weder in russische Folklore noch in übertriebene Moderne zu verfallen. Der Tenor der Insze- nierung wirkt vor beiden Hintergrundbildern glaubwürdig. Dies spiegelt sich übrigens auch in den Kostümen wider, die eine gelungene Mischung aus bürgerlicher Elegenz des 19. Jahrhunderts - so die Roben der Anna Odinzowa - und der lockeren Freizeitkleidung unserer Zeit darstellen. Überzeugend präsentiert Kreidl auch die nahezu krie- cherische Ergebenheit der Elterngeneration gegenüber den Nachgeborenen, so wenn die Eltern Basarow erst den fremden Freund nach den Studienbedingungen und -erfolgen ihres Sohnes ausfragen müssen, um dann in Freudentränen auszubrechen, als Arkadij ihn als den brillantesten Kopf der Petersburger Universität darstellt. Die Eltern haben jede eigene Individualität aufgegeben und leben nur noch in Bewunderung ihres einzigen Kindes. Wie will man sich gegen solche Eltern vernünftig profilieren ohne ins Nihilistische zu verfallen?

Die Darsteller leben die Rollen durchweg überzeugend nach. Markus Frank als Jewgenij und Matthias Rott als Arkadij drücken die ganze Bandbreite jugendlicher Absolutheit, Unsicherheit und Anfälligkeit für große Gefühle aus.

Rolf Idler als zeitweise etwas desorien- tierter Nikolay, Olaf Weßenberg als stilisierter Philosoph mit plötzlichen Aufwallungen und Till Sterzenbach als präseniler, sich ständig wiederholender Wasilij Basarow stellen dagegen das Lebensgefühl einer abgedankten oder abdankenden Generation dar, die sich nicht mehr - oder nur einmal noch - mit der Jugend duellieren will.

In den Frau- enrollen überzeugen Gabriela Drechsel als äußerlich perfekte, innerlich jedoch verunsicherte Anna Odinzowa, Franziska Sörensen als verhärmte und hektisch- sentimentale Arina Basarow, Nadja Petri als mädchenhaft-raffinierte Katerina und Susanne Burkhard als bezaubernde, frische Fenitschka. Cristina Ghetto als senile Fürstin Olga und die kurzfristig eingesprungene Ursula Bergenhof als freche Dunjascha vervollständigten das Damen-Sextett. Jo Kärn als Diener Prokofjitsch und Sebastian Hufschmidt als aufsässiger, versoffener Diener Pjotr verliehen dem Landgut-Ambiente den nötigen Unterton.

Das Publikum dankte Darstellern und Regie für diese so ausgewogene wie engagierte Inszenierung mit lang anhaltendem Beifall.