Was ist "E" und was ist "U"?

Ausnahme-Pianist Chick Corea im 3. Kammerkonzert
Die Vertreter der älteren Generation haben oft- mals noch eine klare Vorstellung vom Unter- schied zwischen "E"- und "U"-Musik. Ihnen galten und gelten Mozart, Beethoven und Schubert als unantastbare Vertreter der wahren Musik, während der Jazz auch heute noch oft abfällig als "schräge" amerikanische Musik abgelehnt wird. Doch auch den toleranteren Zeitgenossen hat sich der Unterschied zwi- schen der ernsten, sprich klassischen, und der leichteren, das heißt unterhaltenden Variante der Jazz-Musik eingeprägt. Und die übliche Darbietung beider Stilarten untersützt die Vorur- teile zu Genüge, kommen doch die klassischen Musiker immer im Frack und gestärkten Hemd daher, während die Jazzer sich oftmals mit alten Jeans und verwaschenen T-Shirts ein Außenseiter-Image verpassen. Und auch musi- kalisch haben es die einen eher gerne ernst, die anderen lustig.


Chick Corea

Und dann kommt plötzlich jemand daher, der einen Song von Cole Porter wie eine Beethoven- oder Bartok-Sonate spielt und im nächsten Moment ein Stück der anerkannten "E"-Gattung mit uneingeschränktem musikalischem Ernst und trotzdem viel Spaß präsentiert. Dieser eine ist der Amerikaner Chick Corea, Jahrgang 1941, der am 1. November in Darmstadt ein Gastspiel gab. Sieht man ihn am Flügel improvisieren, dann drängt sich unmittelbat die Quiz-Frage auf: "Ein Mann, eher klein und rundlich, mit fleischi- ger Nase und vollen Lippen, dichtem Haar, das in den Nacken wächst, und begnadeter Klavier- spieler - wer ist es?". Jeder Fan klassischer Musik hätte hier seine Antwort parat. Aber - es ist Chick Corea.

Schon wie er auf die Bühne kommt, unterschei- det ihn vom üblichen "E"-Musiker. Er schnappt sich das Mikrophon und spricht das Publikum an, beiläufig, wie bei einer Stehparty, macht Scherze, spielt seinen Auftritt und sein Klavier- spiel herunter, erzählt kleinere Anekdoten von Musiker-Freunden und kündigt dann nebenher sein erstes Stück an. Dann setzt er sich ans Klavier, schüttelt Arme und Hände einmal durch und präsentiert "Armando´s Rhumba", danach Gershwins Evergreen "Somebody to watch over me" und den alten Rogers-Song "But beautiful". Doch im Gegensatz zu den meisten Jazz- Musikern lässt er die Lied-Motive nur erahnen und von Zeit zu Zeit harmonisch oder melodisch aufblitzen.

Ansonsten bewegt er sich in weiten Impro- visationsräumen um das Grundmotiv, nutzt die Klangmöglichkeit des Instruments, spielt mit Tempo-Änderungen, harmoni- schen Abwandlungen und Übergängen, lyrisch hingehauchten Momenten oder massiven Akkordgruppen und schnellen Läufen.

Musik heißt bei Chick Corea nicht die Prä- sentation und nachvollziehbare Umsetzung eines Motivs, sondern die freie Assozia- tion, die Ausnutzung des musikalischen Materials bis an die Grenzen der Harmonik und des Instruments. Dabei zeigt er immer wieder einen ursprünglichen Spaß an der Musik, von dem sich mancher Berufsmusi- ker eine Scheibe abschneiden könnte. Zwischendurch redet er wieder zum Publi- kum, scheint fast zu bedauern, dass ihm niemand antwortet, macht Scherze ohne jegliche Aufdringlichkeit oder Anbiederung und hat am Ende noch Spaß daran, die Zuhörer mit unerwarteten und plötzlichen Schlusswendungen zu überraschen. Keinen Moment kehrt Routine oder Lange- weile ein, selbst die längeren Improvisatio- nen - immerhin weitgehend ohne den "Aha"-Effekt wiederkehrender Motive - halten das Publikum in Bann.

Manche seiner eigenen Kompositionen wirken - besonders in der linken Hand - wie "minimal music" von Philip Glass. Über lange Strecken ändern sich die Begleitfiguren nur geringfügig oder gar nicht und erzeugen damit die gleiche schwebende Wirkung wie bei Glass. Dies ist besonders in der "Suite über Brazilia" zu ver- spüren, die den zweiten Teil einleitete. Darüber hinaus experimentiert Corea mit dem Instru- ment, greift direkt in die Seiten, dämpft sie mit der Hand oder zupft sie. Dann wieder veran- staltet er ein kleines "Percussion-Festival" mit verschiedenen Schlaginstrumenten, die er dann vorsichtig in das Klavier integriert. Etwas Spaß, Freude an ungewöhnlichen Kombinationen, keine ernste Komposition sondern einfach "Spiel".

Den Freunden des klassischen Kammerkon- zerts zeigt er dann mit einigen Préludes von Skriabin, dass er auch dieses Metier perfekt beherrscht, vor allem jedoch, dass eigentlich kein Unterschied zwischen dieser und jener Musik besteht. Den Abschluss bilden dann einige "Children Songs", die er als Entspan- nungsübung auf längeren Reisen geschrieben hat. Hierbei denkt man unwillkürlich an Schumanns "Kinderszenen", und dabei ähnelt sich nicht nur das Thema...

Und wenn man dann denkt es gehe dem Ende zu, da nach eigenen Aussagen des "Meisters" das letzte Stück gespielt ist, beginnt das "Nachprogramm" der Zugaben.

Wie selbstverständlich setzt sich Chick Corea schon nach der zweiten Rückkehr aus der Kulisse ans Klavier und beginnt mit dem Kür-Programm, das sich noch einmal eine halbe Stunde lang hinzieht. Zuhörern, die bereits zur Garage eilen, wünscht er einen schönen Abend, ermahnt die ande- ren, nicht seinetwegen den Babysitter zu vergessen, und spielt weiter. Dann bittet er seine Lebensgefährtin auf die Bühne, mit der er seit dreißig Jahre zusammen lebt und Musik macht. Sie präsentieren gemeinsam einen alten Cole-Porter-Song, er am Flügel, sie am Mikrofon. So hat man dieses bekannte Stück selten gehört.

Am Ende dann fordert Chick Corea dass eher zurückhaltende Darmstädter Publikum gar auf mitzusingen. Vom Flügel teilt er den Saal in drei Zonen ein, verteilt Töne an Herren und Damen und legt eine Phrase vor, die nachzusingen ist. Und siehe da, das Publikum zieht mit. Über eine Viertel- stunde lang erfindet Corea immer wieder neue harmonische und melodische Ver- knüpfungen, die das Publikum diszipliniert wie ein großer Chor brav mitsingt, und es scheint allen Spaß zu bereiten. Und als er dann zum zweiten Man offiziell zum Schlussakkord "bläst", scheint auch die- ser vielen Zuhörern noch zu früh zu sein.