Konzert wider Vorurteile und Hörgewohnheiten

Stefan Blunier präsentiert im 3. Sinfoniekonzert Schumann und Sibelius
Schumann, Schostakowitsch und Sibelius - bis auf den Anfangsbuchstaben scheinen diese drei Kompo- nisten nichts gemeinsam zu haben. Und doch zeigte Stefan Blunier im 3. Sinfoniekonzert der laufenden Saison Querbezüge und Verwandschaften auf, befreite die Kompositionen von alten Hörgewohnheiten und entlockte ihnen neue Aspekte. Dabei rahmte er Robert Schumanns Cello-Konzert mit zwei Werken von Jean Sibelius ein.

Robert Schumann im Jahre 1850

An den Beginn hatte er Sibelius´ "Valse triste" gestellt, eine Komposition aus dem Jahre 1903, die in dem Bühnenstück "Der Tod" seines Schwagers Arvid Järnefeld musikalisch den Tod der Mutter beschwört. Das eher als Gelegenheitswerk eingestufte Stück ent- wickelte sich jedoch zu einem Renner auf den inter- nationalen Konzertbühnen. Es beginnt äußerst zart und verhalten mit elegischen Motiven, die Erinnerung der sterbenden Frau an ihre Jugend zelebrierend. Diese Gedanken steigern sich langsam zu ausgelas- sener Lebensfreude und enden dann nahezu abrupt mit dem Tod, der durch einige kurze Schluss-Akkorde markiert wird. Sibelius zeigt sich in dieser Komposition von einer ausgesprochen lyrischen Seite, die keinen lauten Ton zulässt und sich ganz auf die hermetische Welt des nahenden Todes konzentriert. Stefan Blunier dirigierte das Orchester mit ausgesprochenem Fein- gefühl und Gespür für die Zwischentöne. Das Orche- ster folgte ihm mit hoher Konzentration und exakten Reaktionen auf seine sparsamen Bewegungen.

Schumanns Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129 hat sich zu einem gern gesehenen Programmpunkt von Sinfoniekonzerten entwickelt. Seine einprägsamen und liedartigen Motive atmen den Geist der Romantik, und die drei Sätze bilden einen einzigen durchgängigen Spannungsbogen, der durch keine Pausen unterbrochen wird.

Solist in dieser Aufführung war der junge Lette Ramon Jaffé, der bereits eine reichhaltige inter- nationale Erfahrung aufweisen kann. Für den Orchesterpart hatte Blunier jedoch nicht die original Schumannsche Partitur ausgewählt, sondern die Überarbeitung von Dmitri Schostakowisch aus dem Jahre 1963.

Ramon Jaffé

Schostakowitsch hat den Orchesterpart deutlich "geschärft", indem er Piccolo-Flöten und Hörner hinzufügte. Die Bläser führen das Zwiegespräch mit dem Solo-Instrument zudem zupackender als bei der herkömmlichen Aufführungspraxis, so wenn sie die Motive des Cellos kurz und nahezu im Sinne eines Aufschreis zurückwerfen oder ergänzen. Auch in den eigenständigen Orchester- Passagen bewegen sich vor allem die Bläser außerhalb des üblichen Kontextes und verleihen dadurch der Komposition einen neuartigen, nahezu revolutionären Charakter. Wer Schosta- kowitschs Biografie kennt, weiß, dass sich hinter seiner Musik und damit auch in der Neu-Instru- mentierung bekannter Werke subtile Regime- Kritik versteckt, die er auf übliche Weise nicht hätte äußern können.

Ramon Jaffé ergänzte diese Interpretation des Schumannschen Werkes durch energisches und technisch perfektes Spiel. Das gewohnt roman- tische - sprich verträumte - Bild dieser Komposi- tion ging dabei verloren, jedoch absichtsvoll und nicht etwa durch eine nachlässige Interpretation. Die dunklen Töne überwogen, auch wenn sie von den Piccolo-Flöten kamen. Denn deren hoch schießenden Tonfolgen wirkten zeitweise wie verzweifelte Todesschreie. In der Solokadenz betonte Jaffé vor allem die Pausen und ließ das Instrument dabei sekundenlang schweigen, womit er einen fast drohenden Eindruck erzielte.

Nach der Pause kam mit Sibelius´4. Sinfonie das eigentliche Hauptwerk des Abends. Sibelius ist von der Musikkritik- allen voran T.W. Adorno -zu Unrecht in die Ecke des finnischen "Landschaftsmalers" gestellt worden. Seine eruptive Musik hat man voreilig als die musik-programmatische Umsetzung der finnischen Seen, Wälder und Tundren interpretiert. Man kann daran sehen, dass Vorurteile auch vor anerkannten Geistern nicht halt machen, denn vor allem die 4. Sinfonie ist alles andere als Programm-Musik im Stile von Smetanas "Moldau". Sibelius hat sich zwar gegen die "Technisierung" der Musik seiner Zeit gewandt und meinte damit wohl auch die "Zwölftöner", war deswe- gen jedoch kein in der Romantik stehengebliebener "Volltöner".

Jean Sibelius, 1939

Seine Musik hält sich noch an die Gesetze der her- kömmlichen Tonalität, reizt diese jedoch sowohl harmonisch als auch thematisch gerade in der 4. Sinfonie bis zum Äußersten aus. Da gibt es kein ausgearbeitetes Thema, jedes Motiv erstibt, noch bevor es erblüht ist, wird nur kurz und mit expressiven Klang- kombinationen in den akustischen Raum geworfen. Schon der Anfang ist gespenstisch, wenn die Kontra- bässe allein in tiefster Lage einen an die Unterwelt gemahnenden Akkord auf die Reise schicken, bevor das Orchester einsetzt.

Die Sätze sind kurz und abrupt, vor allem der zweite und der vierte Satz mit ihren schnellen Tempi. Nur der dritte Satz bietet mit seinem "largo" so etwas wie eine Versöhnung, jedoch nur in Ansätzen. Auch das Glockenspiel wirkt hier nicht verspielt, sondern eher grotesk. Man hat oft das Gefühl, das die einzelnen Instrumenten- gruppen sich in einem wohl durchdachten und disziplierten Kampf auf Leben und Tod gegenein- ander und gegen die üblichen Hörgewohnheiten befinden. Verständlich, dass dieses Werk die Zuhörer anfangs verstörte und ihren intuitiven Widerstand hervorrief. In Stefan Bluniers Inter- pretation zeigte sich dieses Werk nicht als Chaos oder als wild wuchernde Beschreibung einer trostlosen Landschaft, sondern als authentisches Musikwerk, das mit herkömmlichen Mitteln das traditionelle Musikverständnis sprengt und die eingefahrenen Hörgewohnheiten als lieb gewor- dene Gedankenlosigkeit entlarvt. Sicher kein Schmuckstück der heiteren Muse, jedoch das Produkt einer Schule, die mit Wagner beginnt und in Gustav Mahler einen gleichrangigen Gefährten findet. Vieles erinnert in dieser Sinfonie an Mahler, wobei Sibelius um Einiges kompromiss- loser und konsequenter wirkt. Doch fehlt diesem Werk im Gegensatz zu Mahler auch alles Tröstliche.

Das Orchester folgte der anspruchsvollen Inter- pretation Bluniers "aufs Wort" und lieferte mit dieser Aufführung ein Meisterstück ab. Beson- ders die Bläser - Flöten, Klarinetten und Hörner - hatten bei dieser Sinfonie ihren großen Auftritt und meisterten ihn zur allgemeinen Begeisterung. Am Schluss schoben sich Dirigent und Orchester gegenseitig den rauschenden Beifall des Publi- kums zu, und generell ist beiden der Dank dafür auszusprechen, einen fast vergessenen und verkannten Autor wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt zu haben. Und nachträglich wurde auch klar, warum Blunier dieses Pro- gramm gerade für den Totensonntag ausgewählt hatte.