| Hommage an die Romantik |
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5. Sinfoniekonzert mit Mendelssohn, Schumann und Schnebel |
Das 5. SInfoniekonzert der laufenden Saison stand unter der Leitung von Raoul Grüneis, Erster Kapell- meister am Staatstheater Darmstadt. Für ihn war das nach der konzertanten Aufführung der "Perlenfischer" der zweite größere Auftritt vor eigenem Publikum in diesem Jahr. Er hatte neben einer zweitgenössischen Komposition ein Jugendwerk von Felix Mendelssohn-Bartoldy und eine SInfonie von Robert Schumann ausgewählt, der als Sinfoniker immer noch gegen Vorurteile zu kämpfen hat. Grüneis bemüht sich, ihn aus dieser ungeliebten Ecke hervorzuholen und als Könner auf diesem Gebiet zu präsentieren.
Das einleitende Stück, die "Schubert- Phantasie für geteiltes Orchester aus Re- Visionen I", stammt von dem 1930 geborenen Dieter Schnebel (Foto), der nach einer Karriere als Theologe erst spät zur professionellen Musik fand. Die Phan- tasie basiert auf der Klaviersonate G-Dur D 894 von Franz Schuber und versucht, den musikalischen Geist der Schubertschen Musik ohne jede Sentimentalität orchestral in die heutige Zeit zu transformieren. Zu Beginn erklingen leise, verhal- tene Streicherklänge. Romantiker würden sie mit einem dünnen Nebel vergleichen, der aus einem stillen See steigt. In diese lang gezogenen Einleitung fallen die ersten Akkorde der Schubertschen Sonate aus den Bläsern ein. Diese tragen fortan die bekannten Motive, folgen der Sonate sehr "textnah" und wandeln sie nur klanglich ab. Die Tempi sind langsamer als man sie von der Klaviersonate kennt, und verstärken dadurch den imaginären Klang der Streicher. Diese bewegen sich harmonisch in einer Gegenposition zu dem Thema, konterkarieren sozusagen mit ihren geschliffe- nen Harmonien die gewohnte Schubert-Welt. Wie eine Schicht legen sie sich über die Sonaten-Motive, ohne sie deswegen verdrängen zu können. Das Ganze bildet eine Symbiose aus Alt und Neu, sehr reizvoll und technisch anspruchsvoll. Wenn zum Schluss die letzten Akkorde der Sonate verklungen sind, bleiben die Streicher präsent und dünnen ihren Klangteppich langsam bis zum letzten, leise versiegenden Ton aus. Das Orche- ster unter der Leitung von Raoul Grüneis intonierte dieses vielschichtige Werk mit viel Geduld und Kon- zentration und brachte damit den Geist der Schubert- schen Musik in neuem Gewand zum Vorschein. Der zweite Programmpunkt stellte dagegen Virtuosität und reine Spielfreude in den Vordergrund. Die beiden Pianisten Andreas Grau und Götz Schumacher inter- pretierten Felix Mendelssohns "Konzert für zwei Kla- viere und Orchester Es-Dur". Die beiden Flügel fuhren zu diesem Zweck als kleine Überraschung aus dem Bühnenkeller empor. Das Konzert erinnert vor allem im Kopfsatz stark an Mozart. Manche melodischen oder harmonischen Wendungen könnten direkt aus seinen Klavierkonzer- ten entlehnt sein. Nach einem ausgedehnten Orche- stervorspiel setzen die Pianisten spät ein, zeigen dann aber sofort ihre Virtuosität und ihr perfektes Zusam- menspiel. Das motivische Frage-Antwort-Spiel zwischen ihnen benötigt nur leichte Augenaufschläge oder eine kleine Kopfbewegung, schon setzt der Gegenüber ein. Der alternierende Einsatz der beiden Tasten- instrumente erhält die Transparenz und vermeidet so einen Klangbrei, der bei zwei gleichzeitig aktiven Flügeln leicht auftreten kann.
Andreas Grau und Götz Schumacher Und wenn sie denn beide zusammen spielen, achten sie auf eine klare Rollenverteilung. Nach dem getragenen zweiten Satz mit vielen kleinen musikalischen Kabinettstücken entlädt sich dann im Finalsatz die ganze musikalische Leiden- schaft des Komponisten in den virtuosen Fingern der beiden Pianisten. Man sieht ihnen die Spielfreude geradezu an, wenn sie sich trotz hoher Konzentration zulächeln oder sogar mit den Lippen die Klangmalereien ihrer Finger begleiten. Raoul Grüneis ließ den beiden viel Spielraum und nah das Orchester an leisen oder filigranen Stellen der Solisten zurück, um diese besser zur Geltung zu bringen. An anderer Stelle setzte das Orchester jedoch beherzt, exakt und mit einem durchaus eigenständigen Selbstver- ständnis ein. Das Publikum dankte allen Beteilg- ten so vehement, dass die beiden Pianisten als Zugabe noch die Ouvertüre zur "Zauberflöte" als reines Klavierstück förmlich zelebrierten. Fast ein eigener Programmpunkt, der noch einmal begeisterten Beifall auslöste. Nach der Pause rundete Schumanns Sinfomnie Nr. 2 in C-Dur das Programm ab. Im Programm- heft hatte sich unter anderem Raoul Grüneis selbst über die ungerechtfertigte Minderschät- zung des Sinfonikers Schumann geäußert und seine Vielen verborgenen Qualitäten herausge- stellt. Auf dem Podium setzte er dann diese Aufklärungsaktion praktisch fort. Er zeigte einen zupackenden Schumann, wie man ihn von seinen Liedern oder vielen Klavierstücken nicht für möglich halten würde. Schon den ersten Satz ging Grüneis mit viel Temperament an, ließ das Tempo selbst im anfänglichen "Sostenuto assai" nicht schleifen. Das Scherzo nahm er noch einen Tick lebhafter, um im Adagio eine sehr dichte, gar nicht "falsch-romantische" Atmosphäre zu erzeugen. Da war nichts Verspieltes, nichts Träumerisches. Hier wude Romantik einmal aus einer anderen Sicht betrachtet und vorgeführt. Im letzten Satz zeigten Dirigent und Orchester noch einmal alles, was in Ihnen steckt, und auch hier - wie bei der Schubert-Phantasie - standen die Bläser - Blech und Holz gleichermaßen - wieder im Mittelpunkt. Auch die schwierigen weil akzen- tuierten Einsätze saßen und vermittelten den Eindruck eines sehr straffen und wohl durchkom- ponierten Werkes, das seine Kraft aus einer konsequenten und geradlinigen Interpretation schöpft. Den begeisterten Schlussbeifall des Publikums hatten sich die Akteure redlich verdient, und Raoul Grüneis nahm ihn dankbar für das gesamte Ensemble entgegen. |