Osteuropa romantisch und modern

7. Sinfoniekonzert mit Dvorak und Schnittke
Zum 7. Sinfoniekonzert hatte das Staatstheater Darmstadt ausgerechnet Pfingstsonntag und -montag gebeten. Erstaunlich, wie gut gefüllt das Große Haus am Montagabend trotz herrlichem Frühsommerwetter war. Nahezu ausverkauft. Auf dem Programm standen zwei Werke des Tschechen Antonin Dvorak(1841-1904) und, von diesen beiden Kompositionen eingerahmt, Alfred Schnittkes Sonate für Violine und Kammer- orchester aus dem Jahre 1967. Wie Dvorak kam auch Schnittke - was seinem Namen nicht à priori zu ent- nehmen ist - aus Osteuropa, und zwar aus der Wolga- republik. Allerdings lebte er in schlechteren Zeiten, die durch den Sozialismus Stalins und seiner Nachfolger geprägt war. Erst später wanderte er nach Deutschland aus.

Gast-Dirigent Jan Krenz

Die musikalische Leitung dieses Konzertes hatte der polnische Dirigent Jan Krenz (75) übernommen, der sich in den letzten Jahrzehnten einen hohen Ruf weit über seine Haimat hinaus erworben hat.

Dvoraks Musik lebt von einer Natur-Romantik, die sie von Beginn an am Rande der Programm-Musik posi- tioniert. Daher bietet sich seine Musik auch so gut für die Vertonung monumentaler Naturfilme an, was nicht als abwertende Kritik misszuverstehen ist. Seine Ouvertüre "Carneval" stammt aus einem Zyklus von drei ähnlichen Wer- ken und zeichnet sich durch die burlesken und ausschweifenden Klanggebilde aus. Dabei zeigt sich auch hier die unverwechsel- bare Handschrift eines Komponisten, denn, wer einmal die "Sinfonie aus der Neuen Welt" gehört hat, wird sofort auch in der Ouvertüre ähnliche Motive und Klangfarben wiederfinden. Vor allem die weit ausladen- den Melodiebögen und die weichen Holzbläser bestimmen die Wirkung dieser Musik, die in den Zuhörern ein Gefühl der Weite und Natursehnsucht weckt. Doch bereits der Beginn dieser Ouvertüre zeigt, dass Dvorak auch expressiv und leidenschaftlich daherkommen kann, wenn das Orchester mit voller Perkussionsgealt startet und alle Pauken und Becken erzittern lässt. Jan Krenz trieb das Orchester des Staatstheaters mit Hilfe seines offensichtlich extra hierfür "eingeflogenen" ersten Geigers Aureli Blaszczok nach vorne zu immer leiden- schaftlichen Aus- brüchen, und die Darmstädter Musi- ker folgten ihm willig und mit hoher Präzision.

Alfred Schnittke (1972)

Im zweiten Programmteil präsentierte der briti- sche Solist Daniel Hope Alfred Schnittkes Violin- sonate mit viel Verve und geschärftem Gespür für dessen tonal und motivisch zugespitzte Musik. In dieser Komposition verbindet Schnittke Elemente der Zwölfton-Musik mit herkömmlichen tonalen Passagen. .

So kann es vorkommen, dass eine jenseitig- kühle Klangfolge der Violine, aus Pizzicati und kurzen, atonalen Motiven zusammengesetzt, unvermutet von einem warmen Dur- oder Moll- Akkord des Orchesters wie zu schönsten Romantik- oder Klassikzeiten begleitet oder abgeschlossen wird. Gerade dieser Kontrast aus neuesten Kompositionstechniken und Versatz- stücken der hergebrachten Sinfonik macht dieses Stück so reizvoll und abwechslungsreich. Daniel Hope und Jan Krenz mit dem Orchester präsen- tierten dieses auch rhythmisch und orchestral anspruchsvolle Konzert mit hoher Konzentration und viel Gespür für die Übergänge zwischen Solo-Instrument und Orchester einerseits sowie zwischen den einzelnen Instrumentengruppen andererseits. Kurze oder besser: nicht vorhan- dene Motive und plötzliche Wechsel von Tempo und Intonation erschwerten diese Aufgabe in besonderem Maße. Doch das Ensemble war jederzeit auf der Höhe des Geschehens und ließ keine Schwäche erkennen.

Nach der Pause schloss Dvoraks 7. Sinfonie in d-moll den Kreis. Dieses Werk zeichnet sich einerseits durch seine Ernsthaftigkeit, anderer- seits durch die dennoch zu verspürende Leichtig- keit (des seins) und das Tänzerische aus, das besonders im Scherzo des dritten Satzes zum Ausdruck kommt. Die Ecksätze betonen dage- gen den großartigen, ja fast düsteren Gestus, der wie ein vom Wind zum Sturm sich steigerndes Naturereignis aus schwarzen Wolken bricht. Man möge dem Rezensenten diese blumige Aus- drucksweise verzeihen, doch Dvoraks Musik fordert diese Assoziationen geradezu heraus. Gleichzeitig übt diese programmatische Musik immer eine starke emotionale Wirkung aus, besonders, wenn sie so exakt und mit soviel Leidenschaft interpretiert wird wie von Jan Krenz und dem Orchester des Staatstheaters.

Am Ende war das Publikum denn auch so begei- stert, dass sich Jan Krenz kurz entschlossen zu einer - im Sinfoniekonzert seltenen - Zugabe ent- schloss: einem von Dvoraks Slawischen Tänzen, der sich noch einmal über etliche Minuten über Raum und dankbare Zuhörer ausbreitete.