Multimediales Theater über einen brisanten Stoff

"// Gold / 92 bars in a crashed car" im Frankfurter Schauspiel
Die Themenpalette um das "3. Reich" und den Nationalsozialismus schien schon langsam aus- gereizt, hat neben aufwühlend-ehrlichen Stücken zunehmend schmalbrüstige Epigonalwerke hervor- gebracht, die sich lediglich dank ihrer "political correctness" über Wasser hielten, und hat sogar literarische Zeitgenossen zu waghalsigen, grat- wandlerischen Reden verleitet. Dass nahezu 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges ein Theaterstück dieses Thema noch einmal authen- tisch und wegweisend aufarbeiten könnte, hatte man nicht mehr erwartet. Und gerade das ist der Inszenierung von Peter Greenaway und Saskia Boddeke gelun- gen. Peter Greenaway, Multitalent der Künste (Film-, Oper-, Schauspielregisseur und Maler), hat einen so einfallsreichen wie geradlinigen und dichten Text verfasst; die holländische Opern- und Theater-Regisseurin Saskia Boddeke hat die- sen Text in eine neuartig konzipierte Theater-Insze- nierung umgeformt.


Leutnant Harbsch auf seiner letzten Fahrt

Dem Stück liegt ein einfaches Handlungsgerüst zu Grunde. Am 7. Mai verunglückt der deutsche Leut- nant Harbsch nahe Bozen - "wo man die schlech- testen Spaghetti von ganz Italien macht" - mit sei- nem Mercedes tödlich, als er mit einem Reiter auf einem Schimmel - man beachte die Metaphorik des "Schimmelreiters" - kollidiert. In dem Wagen findet man 92 Goldbarren, mit dem sich Harbsch für ein Leben nach dem Kriege ausstaffieren wollte. Das Stück erzählt die Geschichte jener 92 Goldbarren, woher das Gold kam, wer es vorher in welcher Form besessen hat und wie es zu Barren geformt wurde. Die Geschichten sind durchweg Fiktionen. Offen- sichtlich wollte man vordergründige "Betroffenheit" durch vermeintlich echte Schicksale vermeiden. Weiterhin verzichtete man bei diesen Geschichten auf plakative Zeigefinger-Moral und Schwarz-Weiß- Malerei, aber nicht, um die Schuldigen der Geschichte nachträglich in ein wohliges Halbdunkel des Zweifels zu hüllen, sondern wiederum, um ein- gefahrene Reflexe der Rezeption solchen Stoffes zu verhindern. Viele Geschichten sind daher grotesk, wie die von dem geraubten Gold im Auto-Lenkrad, das lange niemand entdeckt und nachher völlig Unbeteilgten zufällt, oder die Geschichte von dem Jockey, den seine Frau nackt fotografierte, weil er einen so schönen Körper hatte. Jede Geschichte endet jedoch mit der gewaltsamen Enteignung des Goldes, sei es aus Brillen, Uhren, Zähnen oder beliebigen Gegenständen, und mit dem mehr oder weniger grausamen Tod des Besitzers. Da die Schilderungen dieser grausamen Morde jedoch so seltsam sachlich wie die Zeitungsberichte über skurrile Todesfälle daherkommen, stellt sich das Entsetzen erst über den Kontrast von Vorfall und Botschaft ein.

Doch die übliche Bühnen-Darstellung solcher Geschichten reichte den Autoren nicht. Um den Zuschauern die Alltäglichkeit solcher Vorfälle klarzumachen, brach man den Thea- ter-"Guckkasten" auf, in dem man "ein paar schöne Stunden" fern vom Alltag genießen kann, und verlagerte einen Teil des Gesche- hens in das Foyer und die Garderobe.

Dabei spielen Koffer als das Grund-Utensil des unfreiwillig Vertriebenen - sei es ins Ausland oder nach Auschwitz - eine wesentliche Rolle. Im Souterrain des Theaters, zwischen den beiden Garderobenständen, sind über die gesamte Länge zwei Reihen Koffer aufge- stellt, die voll mit Gegenständen sind, die für jeweils eine Geschichte typisch sind: Brillen, Äpfel, Musiknoten, Fotografien und vieles mehr. Dazu ertönt vom Endlosband eine Reihe von Geschichten zu diesen Koffern. Wie eine Welle schwappen dabei die Erzählungen durch selektiv veränderte Lautstärke langsam und schwermütig über die Koffer dahin. Die Auf- nahme der einzelnen Geschichten ist dabei unwichtig, die Satzfetzen über Raub, Folter und Mord, vermischt mit groteskem Humor, der sich aus diesen Geschichten oftmals unfreiwillig ergibt, schaffen eine eigene Atmosphäre der menschlichen Verlorenheit. Die Botschaft des Skurrilen, Grotesken lautet: auch die Opfer waren Menschen mit Ticks, Spleens und Schwächen, mit versteckten Sehnsüchten und lächerlichen Begierden.

Zur offiziellen Aufführungszeit um 20 Uhr blei- ben die Türen zum Zuschauerraum jedoch geschlossen. Dafür stehen im Foyer einzelne Schauspieler und Schauspielerinnen in Kostü- men der 30er und 40er Jahre vor jeweils einem Koffer und erzählen - ebenfalls wie ein Endlosband - die zugehörige Geschichte. Dies geschieht jedoch nicht distanziert und ohne Augenkontakt, wie man es noch vor zehn Jahren bewusst getan hätte, sondern die DarstellerInnen erzählen ihre Geschichte im Plauderton, schauen die Zuhörer an, blicken Weggehenden nach und begrüßen Neuan- kömmlinge mit einem leichten Kopfnicken. Das Ganze sieht aus wie auf einer Messe, wenn die Standbetreiber den Besuchern ihre Produkte erklären. Was sie ihnen mit freund- lichem Augenaufschlag erzählen, strotzt jedoch vor Ungerechtigkeit, Grausamkeit und qualvollem Leid. Dem Zuschauer wird das Sektglas in der Hand fremd und das Getränk im Hals kalt, das Flanieren wird unvermutet zum Spießrutenlauf.

In einer Treppen-Nische erzählen Schauspie- ler andere Gold-Geschichten von überlebens- großen Leinwänden zu den unten Stehenden herab, und auf der anderen hängen die 92 Geschichten als Papierdrucke zum Mitneh- men an Nägeln, und von einer Trittleiter erzählt eine unbeteilgt wirkende Schauspielerin eine Geschichte, als ob sie beim Aufhängen der Blätter von den Besuchern unterbrochen worden sei.


Versinkende Menschen

Nach 20 Minuten öffnen sich die Türen zum Zuschauerraum. Auf neun großen Video-Schirmen um die Bühne herum erzählen Schauspieler weitere Geschichten. Dabei wechelt die Szenerie laufend: mal sieht man neun verschiedene Köpfe, von denen abwechselnd einer kurz erzählt und die anderen im Stillfoto verharren, dann wieder erscheint einer von ihnen neunfach, oder es ergeben sich beliebige Mischungen zwischen diesen beiden Extremen. Dann erlebt der Zuschauer eine Autofahrt in einer Art Rundum-Perspektive, offensichtlich die letzte Fahrt des Leutnants Harbsch, der auf dem Weg in die Schweiz war, um seine kleine Tochter Fidelia zu suchen. Er war mit einer Jüdin verheiratet, die eines Tages verschwand - man kann sich vorstellen wohin. Das Kind hatten die Behörden ihm abgenom- men und zur Adoption freigegeben. Mit dem Gold im Koffer fährt er durch die abgelegene, graugrüne süd- tiroler Landschaft. Zwischendurch wird ein kleines Mädchen auf einem Fahrrad eingeblendet, offen- sichtlich seine Tochter, und dann wieder ein Reiter in Uniform auf einem Schimmel, sein nächt- licher Unfallgegner. Harbsch (Porgy Franssen) erzählt seine Geschichte von den Video-Leinwän- den, nicht nur einmal, sondern wiederholt, in Bruchstücken und Satzfetzen, aufgelöst in eine Sequenz von schnell wechselnden Bildern.

Zu diesem Bilderreigen entwickelt sich auf der Bühne die Darstellung der letzten und zentralen 11 Geschichten. Neun Personen rücken - mit Koffern bepackt - langsam auf die Bühne vor, unter ihnen Fidelia, Harbschs Tochter, nun erwachsen und auf der Suche nach ihrem Vater. Weiter ist unter ihnen Hedda Hemsler, dargestellt von einem Mann in Frauenkleidern (Daniel Christensen), die Hitler vergötterte und Eva Braun mal bewunderte und mal verabscheute, sich selber als Geliebte Hitlers tagträumt. Der Mann mit den verbrannten Händen (Albert Kitzl) stirbt auf der Video-Leinwand einen fürchterlichen Feuertod und tritt auf der Bühne als eine Art Moderator und Opfer zugleich auf. Im Grunde genommen gilt dieses Rollenspiel für alle: jeder spielt eines der Opfer in der Geschichte und gleichzeitig den Erzähler dieser Geschichte. Da- durch ergibt sich eine spannungsgeladene Doppel- bödigkeit, die den Zuschauer dauernd in zwei Spiel- ebenen festlässt.

Der Mann mit der Zahnbürste (Lukas Holzhausen) muss die schwersten Demütigungen über sich ergehen lassen und endet erschossen und nackt unter einer Batterie von Duschen, die unablässig aus drei Metern Höhe Wasser über ihn ergießen. Eine starke Metapher für die angeblichen Dusch- räume in Auschwitz.....

Der Passfälscher (Roger Smeets) hat unzählige Pässe für verfolgte Juden hergestellt und stirbt schließlich einen grausamen Foltertod, das leicht- lebige Mädchen mit den goldenen Absätzen (Ulrike Kinbach) wird zur Prostitution gezwungen.

Es würde zu weit gehen, die einzelnen, sze- nisch miteinander verwobenen Geschichten hier zu erzählen. Zusammen bilden sie einen dichten Teppich der Erniedrigung und Ver- zweiflung, und die fehlende Kohärenz der Handlung im herkömmlichen Sinn schadet dem Stück nicht sondern lässt es nur noch eindringlicher werden. Die Video-Leinwände kommentieren und bebildern die auf der Bühne erzählten Geschichten, so die Ermordung ungarischer Juden, die man zu dritt aneinander band und von einer Brücke in die Donau stieß, durch aufgewühlte Wassekatarakte und untergehende Menschen.

Die Erzählungen auf der Bühne erfolgen in unterschiedlichsten Tonlagen, der Situation und seelischen Verfassung der jeweiligen Personen angepasst. Ganze Passagen wer- den von einem ausgebildeten Sänger wie in einer Oper - aber verständlich - gesungen, ebenso ein Verfremdungseffekt wie die Tanz- einlagen der beiden Mädchen, die bestimmte Situationen wie das Sterben durch Erschie- ßen oder Ertränken mit den Mitteln des Tanz/Theaters ausdrücken.

An die Darsteller werden in diesem Stück hohe Anforderung gestellt. Nicht nur, dass sie sich in unterschiedlichsten Darstellungsebe- nen bewegen und ausdrücken müssen, sie müssen sich darüber hinaus wiederholt in kaltes Wasser werfen oder ewig lange darin regungslos liegen bleiben. Das alles stehen sie mit hohem Engagement und viel Können durch. Keinen Moment lässt die Spannung der Darsteller nach, und es fällt schwer, auch nur eine der SchauspielerInnen hervorzuheben. Das gesamte Ensemble leistet Ungewöhn- liches und identifiziert sich offensichtlich vollständig mit dieser Inszenierung.

Der konsequente und simultane Einsatz aller medialen Mittel wie Sprache, Gesang, Video und Ton ergibt ein außerordentlich dichtes Handlungsgeflecht, das die Zuschauer über 90 Minuten in seinen Bann zieht und bei den meisten eine Betroffenheit auslöst, die weit über das gewohnte Maß hinausgeht. Die Wir- kung war so eindringlich, dass nur Wenige das Angebot der Theaterleitung annahmen, nach der Aufführung noch an einer Diskussion mit Regisseurin und Intendantin teilzunehmen. Übrigens führte die Regisseurin das Konzept auch noch über die Aufführung hinaus fort, indem sie - wie zu Beginn - einzelne Schau- spielerInnen im Foyer und in der Garderobe die selben Geschichten erzählen ließ. Wir sind immer in diesem Stück, können ihm nicht entgehen, dies die Botschaft.

Übrigens hatte man geplant, zumindest zur Premiere 92 echte Goldbarren mit einer Blau- licht-Eskorte aus einer Bank zu holen, im Theater zu präsentieren und anschließend auf dem selben Wege zurückzubringen. Das scheiterte jedoch - unverständlicherweise - an der "mangelnden künstlerischen Einsicht" ;-) der Banker......

Dieser Theaterabend wird den meisten Besu- chern lange in Erinnerung bleiben. Der Ein- druck verfliegt nicht so schnell, und manche Bilder werden die Besucher noch wochenlang begleiten. Wer "Gold" noch nicht gesehen hat, sollte sich möglichst bald eine Karte besorgen.