Schubert-Vorlesung mit Hörbeispielen

9. Kammerkonzert als Hommage an Franz Schubert
Konzerte der so genannten "E-Musik"-Reihe sind normalerweise ernste, ja, feierliche Veranstaltungen, bei denen Musiker und Zuhörer sich ausschließlich der Musik hingeben. Zusätzliche Äußerungen sind übli- cherweise auf mehr oder minder intensives Husten des Publikums beschränkt, Reden jedoch ist Tabu, was soweit führen kann, dass die Musiker nicht einmal die Zugaben ankündigen. Das so ein Konzert auch anders ablaufen kann, zeigte Rudolf Meister, seines Zeichens Pianist und Rektor der Wiener Musikhochschule.


Ein Schubert-Abend (Moritz von Schwind)

Auf seinem Programm stand Franz Schubert und - Franz Schubert. Der ganze Abend war diesem einmaligen Wiener Kompo- nisten gewidmet, der sich selbst im Schatten Ludwig van Beethovens unter- schätzte, von ganzen Generationen von Kritikern als Salonmusiker abgetan wurde und eigentlich erst im 20. Jahrhundert die Wert- schätzung gefunden hat, die ihm zukommt.

Rudolf Meister hatte ein Programm aus Klavierstücken zu zwei und vier Händen sowie für Klavier und Violine zusammengestellt und bot damit die Gewähr eines abwechlsungsreichen Abends. Zu Beginn spielte er zusammen mit Ok-Hi Lee einige Passagen aus frühen Fantasien für Klavier zu vier Händen. Während die Zuhörer sich noch über diesen "Potpourri" wunderten, trat Mesiter unversehens mit einem Manuskript ans Mikrofon und bot dem Publikum eine kurze Vorlesung über Schuberts Klaviermusik. In leicht verständlichen Worten beschrieb er die Grundzüge der Schubertschen Klavierwerke, ohne dabei in ausufernde Details abzu- schweifen. Die Zuhörer erhielten dadurch auch einen allgemeinen Eindruck von diesem Musiker, falls sie ihn auf Grund ihrer Vorbildung nicht sowieso schon hatten. Doch auch für Kenner waren Meisters Ausführungen aufschlussreich und boten eine gute Zusammen- fassung. Die einleitenden Passagen aus den Fantasien waren also nur als Beispiele zu verstehen, und zur Erläuterung seiner Ausführungen spielte Meister - wie bei einer Klavierstunde - die einzelnen Sätze der Wanderer-Fantasie kurz an.

Dann jedoch ging es auch musikalisch "zur Sache": zusammen mit Urike-Anima Mathé interpretierte Meister die bekannte Fantasie C-Dur für Klavier und Violine D 934. Ulrike Mathé beeindruckte dabei durch einen sehr sensiblen und feinen Strich, zog das lyrische Element dem tänzerisch- forcierten vor. Doch in den ex- pressiveren Passa- gen - so im abschlie- ßenden Allegro vivace - zeigte sie, dass sie auch die kräftigen Klangfarben auf der Violine beherrscht. Rudolf Meister begleitete sie dabei zurückhaltend, um die zarten Violinen-Passagen nicht zu stören, was sich vor allem anfangs schwierig gestaltete. In den kräftigeren Passagen jedoch waren beide Instrumente hervorragend ausbalanciert.

Nach der Pause schloss sich die vierhändige Fantasie f-Moll D 940 an, die Rudolf Meister zusammen mit der Koreanerin Ok-Hi Lee präsentierte. Auch dieses Stück ist einer der Schu- bertschen Renner und dürfte den meis- ten Musikliebhabern bekannt sein. Die beiden Solisten betonten dabei besonders den liedhaften Charakter, und vor allem Rudolf Meister in der hohen Lage sorgte dafür, dass sich Schuberts Wunsch erfüllte, "daß die Tasten unter meinen Händen zu singenden Stimmen würden...". Und immer wieder die für Schubert so typischen langen Pausen, die mit einem plötzlichen Wechsel des Tempos und des Ausdrucks einhergehen. Das Künstler-Duo ver- mittelte dem Publikum einen lebhaften Eindruck davon, wie es bei den berühmten Schubertiaden musikalisch zugegangen sein mag.

Zum Abschluss interpretierte Rudolf Meister dann noch im "Alleingang" die große viersätzige Wan- derer-Fantasie. Dabei legte er ein erstaunlich hohes Tempo vor, wohl, um den falschen Ein- druck seliger Romatik zu vermeiden. Diese Wir- kung verstärkte er noch dadurch, dass er die Sätze wie in einem einsätzigen Stück nahtlos aneinander fügte. Diese ungewöhnliche Anord- nung erhielt jedoch den Gestus des rastlos schreitenden "Wanderers" aufrecht, der bis zum virtuosen Finale des fugierten Finales nicht abreißt. Bei Meister zeigt sich dieser Wanderer nicht sentimental-romantisch, sondern unruhig, neugierig und letztlich unglücklich.

Das Publikum dankte den Solisten durch lang anhaltenden Beifall, der zum Schluss vor allem der Wanderer-Fantasie galt, und Rudolf Meister legte noch den zweiten Satz der späten A-Dur- Sonate als lyrische Zugabe nach.