| Warten auf ....? - Beckett lässt grüßen |
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Uraufführung von Lars Noréns "Akt ohne Gnade" in der Werkstatt |
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In dieser Saison stehen Uraufführungen auf dem Programm des Darmstädter Werkstatt-Theaters. Hier hat sich die Tradition eingebürgert, neue oder noch nicht auf die Bühne gelangte Theaterstücke vor karger Kulisse sozusagen am Publikum zu testen. Vivisektion.
Schiller (Till Sterzenbach) und Albert (Matthias Rott) an der Eingangstür Nach "Magali" stand am 30. November die Pre- miere eines ähnlichen Stückes an, das ebenfalls Außenseiter und ältere Menschen, die den Lebenshalt verloren haben, in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Der junge Albert (Matthias Rott) wohnt in einer verwahrlosten Wohnung. Zum elektronisch verstärk- ten Klopfen eines Herzen sieht man ihn in einem Zustand zwischen Apathie und Depression in die Unordnung seiner Bleibe schlurfen, als es an der Seitentür klopft. Herein tritt ein älterer Mann (Till Sterzenbach), der, obwohl Zentimeter für Zentimeter des Raums für sich einnehmend, scheinbar höflich um Einlass bittet. Er hat den jungen Albert draußen getroffen und befürchtet, das dieser sich nach dem Tod seines Vaters etwas antut. Der Zuschauer merkt jedoch schnell, dass er lediglich nach einer Unterkunft sucht, und zu diesem Zweck die Schwä- chen seiner Mitmenschen ausnutzt. Dem apathi- schen Albert entreißt er die Zusage, sich hier kurz niderzulassen, doch als dieser eher geistesabwe- send zusagt, folgen gleich die nächsten Forderun- gen, als höfliche Bitten getarnt. Ein Bett wünscht er sich -"muss aber nicht sein" - und als ihm Albert eins im Nebenzimmer zuweist, bemängelt er den fehlenden Teppich ("nicht nötig, nicht nötig"). So ringt Schiller, das ist sein Name, dem jungen Albert Stück für Stück seine Wohnung ab und macht sich dort breit. Kurze, eher angedeutete Abdunklungen zwischen den Szenen markieren Zeitsprünge, las- sen jedoch die handelnden Personen nahtlos von einer in die andere Szene übergehen. Schiller, man merkt es, geht Albert auf die Nerven, doch der hat nicht die Kraft, ihn hinauszuwerfen. Nach alter Schnorrersitte bietet Schiller immer wie- der freiwillig an, zu gehen, und wenn er keine Auf- forderung zum Bleiben vernimmt, verzögert er den Abgang so lange, bis er ihn verbal in eine Pflicht zum Bleiben gewandelt hat. Albert kann sich dagegen nicht wehren. Langsam ergibt sich auch ein Lebensbild der bei- den: Alberts Vater ist gerade verstorben, und Albert leidet unter diesem Tod und eigenen Schuldgefüh- len. Schiller ist offensichtlich obdachlos, hat wegen irgendwelcher sexueller Vorfälle - "alles Missver- ständnisse" - im Gefängnis gesessen und redet immer wieder von seiner Tochter, die mit einem gefährlichen Mann liiert sei und bald kommen werde, ihn zu holen. Bei der Erwähnung der Tochter keimt in Albert eine Art Lebenshoffnung auf, er möchte sich ihr gut präsentieren, doch als Schiller diesen leisen Anflug von erotischem Interesse ent- deckt, macht er ihm sofort klar, dass dies bei seiner Tochter fehl am Platze ist. Er möchte seine Tochter nicht mit Albert teilen. Doch die Tochter kommt nicht, dafür ihr Lieb- haber Stang (Hubert Schlemmer), ein Vor- stadt-Macho mit kriminellen Neigungen. Mit deutlichen Worten und Ansätzen zur Tätlich- keit übermittelt er die Botschaft der Tochter, dass sie mit dem Vater nichts mehr zu tun haben möchte und deshalb fortgezogen sei. Dabei stellt er Schiller vor Albert wegen seiner Neigungen zu kleinen Mädchen und seiner einschlägigen Vergangenheit bloß. Doch Albert berührt nichts. Erst als Schiller nachts ein junges Mädchen mit eindeutigen Absich- ten von der Straße holt, greift Albert halbher- zig ein, verhindert zumindest eine Vergewal- tigung. Das Stück endet unspektakulär und ohne Aussicht auf Besserung. Albert schließt sich dem kriminellen Stang für einen Überfall an, da mit Stang endlich eine Führerpersönlichkeit aufgetaucht ist, die ihm eine tätige Zukunft verheißt. Vorher schicken sie Schiller mit seiner Tasche hinaus ins Kalte und Ungewisse. Das letzte Bild zeigt Albert und Stang mit Strumpfmasken auf dem Kopf nebeneinander auf der Couch sitzend und Schiller ratlos am Ausgang stehend. Alles ist offen. Lars Noréns Stück leidet über weite Strecken unter Handlungsarmut. Bis mit Stang eine weitere Per- son und ein Handlungssprung eintritt, umkreisen sich die beiden anderen verbal und zuweilen auch physisch. Doch es bleibt mehr oder weniger ein Monolog von Schiller, der immer wieder sein Ein- dringen in diese Wohnung nicht nur verbal recht- fertigt sondern auch weiter festigen will. Alberts Apathie und Schillers geschwätzigen Ausbrüche kreisen um einen leeren Mittelpunkt, schaffen jedoch keinen Spannungsbogen. Nach einer halben Stunde ist die Situation etabliert und ändert sich bis zum Auftritt Stangs nur marginal. Auch dessen Erscheinen schafft dramaturgisch keine Überra- schungen und damit neue Höhepunkte. Was er Schiller zu sagen hat, weiß der Zuschauer schon vorher, und auch die Verachtung, die er Schiller gegenüber zeigt, verwundert in keiner Weise. Die einzige szenische Steigerung liegt in den verbalen Auseinandersetzungen zwischen den beiden, denen Albert unbeteiligt zuschaut. Längen sind bei diesem dramaturgischen Aufbau unvermeidbar, und es stellt sich die Frage, ob man hier nicht stärker hätte streichen können, aus dem Zweistünder einen Einstünder hätte rmachen können. Doch eine solche Maßnahme hätte wahrscheinlich in fataler Weise die Handlungsarmut offen gelegt, denn auch in einer Stunde wäre auf der Bühne nichts passiert. Es geht hier nämlich nicht in erster Linie darum, wie ein parasitärer Mensch sich in das Leben eines anderen einschleicht und Besitz davon ergreift, es geht auch nicht in erster Linie um Kin- desmissbrauch und dessen gesellschaftlichen Hin- tergrund, und es geht auch nicht um das Abgleiten ins Kriminelle. Alle drei Entwicklungen werden mehr oder weniger kommentarlos dargestellt und als gegeben betrachtet. Albert und Schiller warten - wie auf "Godot" - auf eine nebulöse, nicht näher definierte Erlösung, doch Stang als Bote des realen Lebens bringt letztlich nur Unheil. Dem einen über- mittelt er eine nahezu tödliche Botschaft, den ande- ren zieht er auf die Bahn des Verderbens. Die Darsteller versuchen, diesem Text soweit wie möglich Leben einzuhauchen. Dabei ist vorneweg Till Sterzenbach zu nennen. Sein Schiller ächzt und stöhnt unter äußerlicher Unbill, schleicht sich schlitzohrig und schlei- mend in Alberts Vertrauen ein, jammert über die Ungerechtigkeit des Lebens und sieht nie die Fehler bei sich. Till Sterzenbach zieht alle mimischen, gestischen und stimmlichen Register und lässt damit diesen unappetitli- chen Zeitgenossen Realität werden. Matthias Rott legt den depressiven Albert eher abwe- send an. Man sieht ihm keine innere Qual an sondern eher Apathie, die nicht unbedingt auf krankhafte Depression zurückzuführen sein muss. So wirkt sein Verhalten über Strecken eher gleichgültig als krankhaft. Hubert Schlemmer gibt einen glatten, pomadig gekämmten und gockelhaft einherstelzenden Kleinkriminellen, sich voll seiner zweifelhaften Würde bewusst. Doch wirkt er dabei etwas zu glatt, eher wie ein Schauspieler, der einen Kriminellen spielt denn als ein solcher. Den hat man sich etwas schmieriger, vulgärer und mit eher aufgesetztem Selbstbewusstsein vorzustellen. Die Faszination dieser Person auf den unsicheren Albert wirkt dadurch nicht unbedingt überzeugend. Das Publikum dankte Darstellern und Regie mit freundlichem Beifall, jedoch ohne Bravo- Rufe. Man war wohl durch die wiederkehren- den, um sich selbst kreisenden Monologe etwas ermüdet. |