Liebe, Schuld und tödliche Ehrbegriffe

"Cavalleria Rusticana" und "Suor Angelica" in Darmstadt
Einakter sind eine seltene und seltsame Erschei- nung innerhalb der Gattung "Oper". Sie erlauben nicht die gründliche Ausführung der dramatischen oder tragischen Entwicklung und müssen sich mehr oder weniger auf die Darstellung der Folgen gegebener Verhältnisse beschränken. Da man angesichts des notwendigen Aufwands das Publi- kum nicht gerne nach einer einstündigen Auffüh- rung nach Hause schickt, kombinieren die Inten- danten gerne zwei Einakter zu einem abendfüllen- den Programm. Dabei wird Mascagnis "Cavalleria Rusticana" oft zusammen mit Leoncavallos "Bajazzo" aufgeführt. Das Staatstheater Darmstadt jedoch wich von dieser Tradition ab und wählte als zweiten Einakter Puccinis "Suor Angelica", aus guten Gründen.


Susanne Reinhard (l.) und Ki-Chun Park

In Mascagnis "Cavalleria Rusticana" wird das Ver- hängnis vom ersten Moment an spürbar. Noch während des Vorspiels erklingt Turridos "Siziliana", mit der er die Geliebte Lola rückhaltlos anbetet, wie ein Fanal aus dem "Off". Wenn sich dann der Vorhang hebt, zeigt sich ein blutrotes Halbrund, das sich zum Zuschauerraum öffnet. Das in sich geschlossene Bühnenbild bringt die Enge und Zwangsläufigkeit der Ereignisse zum Ausdruck. Hier gibt es weder Alternative noch Fluchtweg. Die rote Farbe verweist ebenso auf die brennende Leidenschaft wie auf das unvermeidlich fließende Blut. In diesem Halbrund stolpert wie gehetzt Santuzza umher, offensichtlich in größtem inneren Aufruhr. Wie der Zuschauer bald erfährt, ist sie ihrem Verlobten Turrido auf der Spur, der die Nacht heimlich bei seiner alten Geliebten Lola verbringt, die während seiner Militärzeit den wohlhabenden Fuhrmann Alfio geheiratet hat. Als Turrido sich daraufin Santuzza zuwandte, fing die eifersüchtige Lola ihn wieder ein. Santuzza kämpft verzweifelt um ihre Liebe und ihre Ehre, denn der Verlust des Bräutigams auf diese Weise bedeutet für eine Frau auch den Verlust der Ehre. Als Turrido sie jedoch von sich stößt, verrät sie die Liebschaft an Alfio, worauf dieser dem geltenden Ehrbegriff gehorcht und Turrido im Duell tötet.

Mascagni erzählt diese Geschichte in gnadenloser Folgerichtigkeit, ja fast in einer Art Determinismus. Die Ehrenregeln der Gesellschaft sind längst zu einem außerindividuellen Ritual erstarrt, das den Handelnden keinerlei Freiraum einräumt. Auch Turrido weiß sich schuldig und stellt sich dem Duell ohne Zögern. Selbst die Frauen, die in der üblichen Opern-"Mechanik" dafür zuständig sind, unsinnige und tödliche Mannes-Rituale mit Leiden- schaft und Klagen abzuwenden, schauen hier dem Unabwendbaren nur zu. Alle, die Schuldigen und Unschuldigen, die Akteure und bloßen Zuschauer, sind für Mascagni nur Marionetten eines gesell- schaftlichen Normensystems, das sie nicht beein- flussen können noch wollen, da es ihnen zur zweiten Natur geworden ist.

So läuft die Handlung wie ein Uhrwerk mit verhäng- nisvoller Präzision ab, ohne Verzierungen wie große Solo-Arien oder ergreifende Liebesduette.

Selbst das Verhältnis zwischen Turrido und Lola wird hier als rein sexuelles dargestellt. Turrido ist Lola hörig, und sie nutzt diese Tatsache weidlich aus, um Santuzza, das unansehnliche Mädchen von nebenan, zu quälen. Folgerichtig ignoriert sie Turrido auch nach der Liebesnacht, als Alfio zurückkehrt.

Mascagnis Musik setzt diese verhängnisvolle Dramatik in düstere Klänge um. Mit den Mitteln der konventionellen Oper drückt er die Verzweif- lung Santuzzas ebenso wie die Hörigkeit und den "Machismo" Turridos aus. Sicher hat man 1890 schon modernere Opernmusik gehört, aber Mascagni geht es nicht um die Erneuerung oder Fortschreibung der Musik, sondern um die mög- lichst eindringliche Vertonung dieser exempla- rischen Handlung.

Regisseur Friedrich Meyer-Oertel ist mit dieser Inszenierung ein überzeugender Saison-Beginn geglückt. Dazu haben jedoch die Darsteller entscheidend beigetragen. Vor allem Michaela Schuster beeindruckt als Santuzza sowohl stimmlich als auch in ihrer Ausdruckstiefe. Dabei können gerade die langen Verzweiflungs- szenen mit ihren vielfältigen Körperverwindungen und intensiver Mimik ins falsch Sentimentale abgleiten. Michaela Schuster ist dieser Gefahr nicht erlegen und wirkte bis zum Schluss schlicht ergreifend und wahrhaftig.

Neben ihr ist Ki-Chun Park zu nennen, der als Turrido vor allem durch seinen strahlenden und stets präsenten Tenor glänzt. Doch auch schau- spielerisch kann er sich - ein Koreaner als Sizilianer!! - glaubwürdig in einen sizilianischen Kleinstadt-Macho verwandeln. Elisabeth Hornung als Turridos Mutter Mama Lucia, Susanne Reinhard als Lola und Anton Keremidtchiev als Alfio rundeten das Gesamt- bild mit soliden Leistungen ab, wobei der gehörnte Sizilianer vielleicht nicht unbedingt Keremidtchievs Paraderolle von ist....


Michaela Schuster und Anton Keremidtchiev

Der Chor des Staatstheaters unter André Weiss stellte in lebendigen Bildern die Dorf-Bevölke- rung dar, wobei die szenische Bewegung der einzelnen Gruppen im Vordergrund steht. Das Orch ster unter Stefan Blunier glänzte mit hoher Präzision und ausgewogener Dynamik, so als hätte es keinen Stabwechsel gegeben. Mit diesem GMD lässt sich die traditionell hohe Reputation der Darmstädter Oper auch musika- lisch nahtlos fortschreiben.

Schon zur Pause erhielten die Akteure lang anhaltenden Beifall, der mit Bravo-Rufen vor allem für die beiden Hauptdarsteller aber auch für die Regie gespickt war.

Der zweite Einakter, "Suor Angelica" von Puccini, nimmt das Thema der "Cavalleria Rusticana" auf und variiert es. Ging es dort um die tödlichen Fol- gen eines Ehebruchs in einer von rigiden Ehrbegrif- fen geleiteten Gesellschaft, so steht in dieser Kurzoper die gnadenlose Verfolgung einer angebli- chen moralischen Verfehlung im Mittelpunkt.


Schwester Angelica (Mary Anne kruger, r.) mit zwei anderen Schwestern

Schwester Angelica lebt seit sieben Jahren in einem Nonnenkloster. Während der von einer rigi- den Äbtissin bestimmte Alltag der Nonnen gezeigt wird - unmotivitiertes Lachen wird genauso bestraft wie die Freude an Blumen oder eine Verspätung - wird hoher Besuch gemeldet. Sofort vermutet Schwester Angelica, dass der Besuch ihr gelte, und zeigt sich plötzlich sehr aufgeregt. Die Mit- schwestern bedauern sie, da sie offensichtlich gegen ihren Willen vor Jahren hier eintrat und jede ihr Unglück ahnt. Der Besuch in Gestalt einer alten Tante bringt jedoch keine frohe Botschaft. Es geht um den Verzicht auf ihr Erbe, da ihre Schwester trotz der schweren Verfehlung von Angelica - sie hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht - einen Mann gefunden habe. Als Schwester Angelika drängend und nun ohne Zurückhaltung die Tante nach dem Wohlergehen ihres Sohnes fragt, den sie nur einmal sehen durfte, teilt diese ihr kalt mit, dass er vor zwei Jahren an einer Krankheit gestorben sei. Schwester Angelica bricht zusam- men und unterschreibt den Erbverzicht. Anschließend macht sie sich ihre Pflanzenkennt- nisse zu Nutze und vergiftet sich. Noch im Sterben erkennt sie die schwere Sünde des Selbstmordes und befiehlt sich der Gnade der Heiligen Mutter an.

Auch dieser Einakter zeigt deutlich die Ausweglo- sigkeit und den vorbestimmten Gang der Ereig- nisse in einer von starren Moralbegriffen gefange- nen Gesellschaft. Die Tante vertritt die gnadenlose und nie verzeihende bürgerliche Gesellschaft, die nebenbei den moralischen Fehltritt noch ökno- misch zu nutzen weiß. Doch auch die frommen Schwestern setzen dieser Welt nichts entgegen. Sie üben sich lieber in so frommen wie kindischen Ritualen von "Sünde" und Strafen. Dabei klaffen die Dimensionen in geradezu grotesker Weise ausein- ander: Geht es hier um zwei im Ärmel versteckte Rosen oder ein Lachen, die Anlass zur Strafe geben, werden auf der anderen Seite Leben vernichtet und Leute ein Leben lang verdammt und weggesperrt. Und die Kirche nickt und schaut zu.

Es fragt sich, ob Puccini diesen Aspekt in aller Schärfe herausarbeiten wollte, er ergibt sich jedoch bei genauer Betrachtung der Abläufe wie von selbst.

Puccini zeigt vor allem den unabwendbaren Gang der Angelica in den Tod, nachdem man ihr auch noch den letzten Strohhalm genommen hat, an den ihr Leben sich klammerte. Die Gemeinheit der Gesellschaft lässt nicht einmal zu, dass man die Mutter bei Krankheit und bevorstehendem Tod des Kindes benachrichtigt. Sie wird nur noch als "Objekt" betrachtet. Mehr intuitiv als gesellschaftspolitisch bewusst beschreibt Pucchini diesen grausamen Vorgang, und seine Musik klagt nicht mit lautem Pathos an, sondern mit leisen Tönen, die jedoch gerade durch ihre Eindringlichkeit und Beharrlichkeit zunehmende Wirkung entfaltet. Die Musik passt sich scheinbar den leisen Tönen in einem Non- nenkloster an, wirkt jedoch in der scheinbaren Affirmation des christlich- tröstlichen Verspre- chens geradezu subersiv. Der Zusammenbruch und die anschließende - im christlichen Sinne undenkbare - Selbsttötung einer Nonnung wird mit entsprechend scharf akzuentierten Klängen unterlegt.


Elisabeth Hornung und Mary anne Kruger

Es war für Orchester und Ensemble schwierig, nach dem dramatischen Verlauf der "Cavalleria" jetzt die leisen und eher hintergründigen Töne wirksam umzusetzen. Die "Suor Angelica" muss damit quasi wie ein melancholischer Abgesang auf das Thema "falsche Ehrbegriffe" wirken. Starke Emotionen sind in dieser Kombi- nation bei dem Publikum nicht mehr freizu- setzen. Dennoch scheint die Verbindung dieser beiden Einakter aufgrund der thematischen Verknüpfung durchaus sinnvoll. Dafür muss man wohl bisweilen auch auf die dramaturgisch optimale Wirkung verzichten können.

In der Hauptrolle verdiente sich Mary Anne Kruger durch ihre ausdrucksstarke Darstellung der Angelica und durch ihre stimmliche Brillianz Sonderapplaus, Elisabeth Hornung gab eine eiskalte Principessa und Susanne Reinhard wechselte - Meyer- Oertelsche Ironie - vom erotischen Luder ausgerechnet zur glaubwürdi- gen Äbtissin.

Auch hier glänzte das Orchester wieder durch eine hohe Spannung in den leisen Tönen, präzise Wechsel der Intensität und bei aller musikalischen Präsenz durch eine Zurückhal- tung, die der eher stillen Handlung und ihren Akteuren genug Raum zur Entfaltung ließ.