| Wenn die Beichte zur Talkshow wird... |
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Neil LaButes "bash - stücke der letzten tage" im Werkstatt-Theater |
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Das Werkstatt-Theater in Darmstadt - "Keller- Dependance" des Staatstheaters - kann sich dank der Befreiung von der Abonnenten-Quote provozie- renden und querliegenden Stücken widmen. Nicht erst seit dem 11. September steht hier die kritische Auseinandersetzung mit der Gewalt auf dem Pro- gramm - z.B. Akt ohne Gnade oder Die mechani- sche Braut - , und immer wieder steht hier die unsinnige, nicht nachvollziehbare Gewalt im Mittel- punkt, die den tabuisierten Rahmen der Gesell- schaft sprengt und tiefe Verunsicherung zurück- lässt.
Britta Hübel (Jessica) und Christian Wirmer (Lorenzo) Der Amerikaner Neil LaBute hat sich in den letzten Jahren mit schneidenden Theaterstücken zum zwischenmenschlichen Psycho-Gemetzel des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu Wort gemeldet und die Aufmerksamkeit der Kritik auf sich gezo- gen. In "bash - stücke der letzten tage" präsentiert er ein sehr einfaches, ja fast simples dramaturgi- sches Modell: nacheinander führt er drei Monologe auf, die jedes Mal die mehr oder weniger noncha- lante Beichte eines Mörders beinhalten. Wer von der sequentiellen verbalen Darstellung angestrengte Langeweile erwartet hatte, musste sich bei der Premiere eines Besseren belehren lassen. Trotz bewusstem Verzicht auf eine Pause bot das Ensemble einen packenden Abend - das Wort mitreißend wäre jedoch fehl am Platze. Die Bühne präsentiert sich den Besuchern als weißer, asymmetrischer Raum, der von links nach rechts an Tiefe verliert. Ein verschiebbarer Rahmen vor diesem Raum erzeugt die Illusion eines über- großen Fernsehers oder eines dreigeteilten Altars, der nacheinander die Aufmerksamkeit auf die ein- zelnen Beichten fokussiert. Zu Beginn schiebt sich ein Mann mittleren Alters (Olaf Weißenberg) auf den Barhocker einer imagi- nären Hotelbar, die außer durch die verbalen An- spielungen nur durch einen einsamen Fernseher symbolisiert wird. Dieser Mann spricht zu einem fiktiven Gesprächspartner - hier das Publikum -, den er sich zielgerichtet als Zuhörer ausgewählt hat. Er hat seine kleine Tochter verloren, die unter der Decke des Ehebetts erstickte, als seine Frau außer Haus war und er selbst vor dem Fernseher schlief. Während der mal beiläufig, mal mit aufge- setzter Weltläufigkeit vorgebrachten Erklärungen kristallisiert sich jedoch heraus, dass er dem dro- henden Tod der Kleinen nachgeholfen hat, da er sich angesichts einer drohenden Kündigung in der Firma Vorteile durch eine private Tragödie ver- sprach. Die reflexartige Handlung bleibt unaufge- deckt, so dass Polizei wie Familie von einem Unglücksfall ausgehen. Er selbst jedoch muss mit dieser Tat leben und hat sich ein persönliches Alibi zusammengebastelt, das auf das Wirken des Schicksals hinausläuft. Außerdem hat er mit der Zeugung eines neuen Kindes die Tat sozusagen wieder gut gemacht. Doch die Auto-Absolution reicht nicht, er muss sie durch einen Zuhörer bestä- tigt sehen, und es ist ihm recht, dass der imaginäre Zuhörer trinkt. Am liebsten wäre ihm, dieser erin- nerte sich am nächsten Tag an nichts mehr. Wenn er die Beichte beendet hat, sieht er eben dadurch seine eigene Darstellung als bestätigt und erteilt sich selbst die Absolution. Schuld und Reue bleiben ihm erspart, sind zu vernachlässigbaren Größen geschrumpft. Der Rahmen verschiebt sich und ein junges, modisch gekleidetes Paar (Susanne Burkhard und Markus Frank) betritt den mittleren Teil der Bühne. Vor und neben einem kleinen Podium schildern sie wie in einer TV-Show einen Wochenendausflug, der sie mit Freun- den von der Universität in Boston nach New York zu einerm großen Fest führt. Doch jeder führt einen Monolog, nur verbal verschränkt mit dem jeweils anderen. John sprüht geradezu vor Lebenslust und schwelgt in der Erinnerung an den erlebnisreichen Ausflug, während Sue die eher konventionellen Themen Kleidung, Make-up und ihre Beziehung zu John bewe- gen. Beide scheinen das ideale Paar mit den richtigen Eltern, der richtigen Uni und der rich- tigen Karriere, und beide sind treue Mitglieder der heimatlichen Mormonen-Gemeinde. Die erste Irritation blitzt auf, als John von einem Spaziergang durch den Central Park erzählt, bei dem man zwei Männer mittleren Alters zusammen aus einem Gebüsch habe kom- men sehen. Stirnrunzeln und noch versteckte Ablehnung untermalen diese Bemerkung. Später dann, als die Mädchen sich nach durchtanzten Stunden ausruhten, unternah- men die "Jungs" einen zweiten Rundgang durch den Park, und nun ging es zur Sache.
Autor Neil LaBute Geradezu begeistert erzählt John, wie man den einen "Schwulen" umzingelt und dann nach allen Regeln der Kunst fertig gemacht habe. Schließlich müsse man sich als guter Amerikaner den Anblick sich küssender Männer mittleren Alters in einem öffentlichen Park nicht bieten lassen, denn das sei ja Unrecht. Richtig gegeben habe man es ihm - "Junge, Junge" - und der eine Kamerad habe dem röchelnden Opfer noch eine ironische letzte Ölung mit echtem Öl aus seinem Schlüsselbund verpasst. Den Mädchen habe man das doch lieber nicht erzählt, und seine Freundin nimmt auch seine Erklärung der Blutspritzer und den Ring vom kleinen Finger des Überfallenen ohne weitere Nachfrage hin. Sie muss keine "Beichte" leisten, doch sie fragt auch nicht und bewundert ihren Freund so, wie er ist. Am Ende fährt man glücklich und aufgekratzt zurück nach Boston und freut sich auf die baldige Verlobung. Für das letze Bild schiebt sich der Rahmen vor das spitz zulaufenden rechte Ende des Bühnenbildes, in dem eine Video-Kamera auf einen einzelnen Stuhl gerichtet ist. Eine junge Frau (Franziska Sörensen) in einer anstaltsähnlichen Kluft nimmt Platz und beginnt in die Kamera hinein zu reden. Die Assoziation eines Verhörs oder einer psychiat- rischen Klinik drängt sich geradezu auf. Die Frau wirkt kontrolliert, cool und keinesfalls verunsichert, ja fast zufrieden über eine gelungene Aktion. Im Tenor einer durch keine Skrupel mehr zu erschüt- ternden, abgebrühten jungen Frau beginnt sie von ihrer Schulzeit zu erzählen, und wie sie als Drei- zehnjährige auf einem Ausflug von ihrem Lehrer angemacht wurde. Dessen Aufmerksamkeit und Begehren schmeichelten ihr und bald entwickelte sich ein heimliches Verhältnis, das nicht ohne Folgen blieb. Die unbedarfte und verliebte Schülerin schwor dem Lehrer, niemandem den Vater ihres Kindes zu verraten. Dieser jedoch kündigte seine Stellung und machte sich davon, wovon das Mädchen erst später und durch Zufall erfuhr. Aus dem strengen Elternhaus hinausgeworfen, musste sie ihr Kind bei fernen Verwandten zur Welt bringen und alleine aufziehen. Nach vierzehn Jahren erst findet das erste Treffen zwischen Vater und Sohn statt, und die Frau entdeckt die Liebe des mittler- weile verhei rateten und kinderlosen Mannes zu seinem einzigen Kind. Daraufhin bringt sie ihren eigenen Sohn kaltblütig in der Badewanne um, nur um den Vater zu treffen. All dies erzählt sie wie das Aushecken und die Durchführung eines gelungenen Streiches, und immer wieder schütteln sie kurze Lachkrämpfe - wie dicht liegen Lachen und Weinen beisammen - während ihres Rückblicks. Die Rache übersteigt die Mutterliebe, als hätte es letztere nie gegeben.Ja, sie hat das Ganze schon seit längerem geplant, der Sohn war immer Waffe - die einzige - gegen einen vom Schicksal offensichtlich verschonten und unangreifbaren Mann. Am Ende bleibt statt Schmerz und Reue nur Triumph, zumindest vorder- gründig. Die Außenwelt darf nur die beglichene Rechnung sehen, nicht die Wunden. Das Stück lebt vor allem durch die außergewöhn- lich stimmige Sprachebene. Jeder Person haben Neil LaBute - und natürlich Übersetzer Frank Herbert - einen glaubwürdigen und stimmigen Tenor verliehen. Der beichtende Vater spricht genau wie ein Geschäftsmann mittleren Alters, Wortwahl und Sprachebene, Selbstdarstellung und -kontrolle stimmen. So redet jemand mit ausreichender Bil- dung und Lebenserfahrung, der unter einem hohen inneren Druck steht und diesen durch weltmänni- sche und bisweilen kumpelhafte, Zustimmung erheischende Floskeln zu kanalisieren versucht. Olaf Weißenberg gelingt es meisterhaft, den blitz- artigen Wechsel der Gemütszustände, die dünne Tünche eines verzweifelnden Selbstbewusstseins durch Mimik und Stimmänderungen darzustellen. Das Publikum leidet förmlich mit dem um Selbst- achtung ringenden Mann, der letztlich aufgrund eines üblen Scherzes zum Mörder wurde. Susanne Burkhard und Markus Frank intonieren exakt den Jargon der Frühzwanziger, alles ist "Cool", "echt geil" und einfach "super", man ist gut drauf und "hat eine gute Zeit". Eine Reflexion des eigenen Tuns findet nicht statt, man lebt die durch die Erziehung übertragenen Vorurteile der älteren Generation wie selbstverständlich aus. Das ganze Leben ist eine einzige Show, und so bringt man auch die eigenen "Helden- taten" wie bei einer Talkshow unter die Leute. Hauptsache, man steht im Mittelpunkt, John als tätiger Held, Sue als attraktive Frau an seiner Seite. Die Medien und die Väter-Gene- ration haben an diesen beiden ganze Arbeit geleistet. Die junge Frau am Ende der Trilogie wirkt wie das symmetrische Gegenstück zum Mann am Anfang. Auch hier ein kalkulierter Kindsmord aus Rache, denn auch der Mann hat sich mit dem Mord in gewisser Weise an der ihn um seine Arbeit bringende Umwelt gerächt. Die Symmetrie wird unterstützt durch die Anord- nung des Bühnenbildes - Fenster link, Fenster rechts, nur die Situation ist - wie der Bühnen- raum - zugespitzter, enger. Während er aus Affekt tötete, bringt sie ihren Sohn als Mittel zum Zweck in kaltem Kalkül um. Franziska Sörensen wird in dieser Rolle zur erschrec- kenden Karikatur klassischer griechischer Heldinnen. Wo dort das unabänderliche Schicksal das Leben der Menschen bestimmt und in tragische Konflikte stürzt, kostet hier eine von der Welt betrogene Frau ihre persön- liche Rache aus. Auch sie ist unfähig, die eigene Situation zu hinterfragen und zu relati- vieren. In einer Welt des blanken Darwinis- mus, in der nur der Gerissenere überlebt oder sogar gewinnt, hat sie die zum Schluss doch noch mit der Trumpfkarte gestochen. Franziska Sörensen personifiziert diese psy- chische Konstellation überzeugend mit einem zwischen kaltem Triumph und hysterischen Anfällen schwankenden Ausdruck. Hinter ihrer kalten und selbstsicheren Fassaden schim- mert die nackte Verzweiflung durch, die sie sich und anderen auf keinen Fall eingestehn darf. Das Premierenpublikum bedachte diese so beeindruckende wie deprimierende Aufführung mit lang anhaltendem, teilweise begeisterten Applaus, die verdienten "Bravos" wurden jedoch angesichts des Themas als unpassend empfunden. Bei der Premierenfeier im Anschluss hörte man überball einhelliges Lob. |