America forever!

Pucchinis "Madame Butterfy" in Darmstadt"

Ja, es war ein wunderschöner Opernabend: eingängige, "süffige" Musik, brillante Stimmen und eine erschütternde Geschichte. Und doch war es eine recht konventionelle Inszenierung, die kaum über das ursprüngliche Libretto hinausgeht. Wer Musik "pur" genießen wollte, erlebte hier eine Sternstunde, wer eine neue Deutung des Stoffes erwartete, sah sich enttäuscht.
Fernando del Valle als Pinkerton und Mary Anne Kruger als Butterfly
Fernando del Valle als Pinkerton und Mary Anne Kruger als Butterfly

Die Handlung ist schnell erzählt: der junge, leichtsinnige amerikanische Marineleutnant Pinkerton lernt in Japan die Geisha Butterfly kennen, die aus einem einst reichen, jetzt verarmten Hause stammt. Da man sich nach japanischem Recht von seiner Frau durch bloßes Verlassen trennen kann, heiratet er sie sozusagen aus Spaß, weil er sie begehrt, und kehrt anschließend in die Staaten zurück. Butterfly, von ihrer eigenen Familie wegen der Heirat verstoßen, wartet drei Jahre zusammen mit ihrem kleinen Sohn auf ihn. Als er schließlich mit seiner neuen Frau eintrifft, um seinen unvermuteten Sprößling abzuholen, nimmt sie sich das Leben.

Das Libretto birgt die Gefahr einer sentimentalen wenn nicht kitschigen Umsetzung auf der Opernbühne. Die Einordnung dieser Oper in den Augen der "kritischen Intelligenz" nahm diese Gefahr schon immer als Charakteristikum und verbannte das Werk ins Seichte. Pucchini jedoch hat dazu eine tief gehende und an Facetten reiche Musik komponiert, die nie ins Süßliche abgleitet, sondern in den heiteren wie in den tragischen Momenten eine eigene Würde und Konsequenz ausdrückt. In dieser Musik liegt die eigentliche Qualität der Oper. Zu jedem Zeitpunkt liefert sie das genau passende Musikmaterial zur Handlung. Dabei fällt immer wieder auf, wie modern die Musik trotz ihrer offensichtlichen Schönheit ist. Die "moderne" Harmonik des frühen 20. Jahrhunderts verkleidet sich in einnehmenden Motiven und wird dadurch auch für den konservativen Hörer genießbar.

Darüber hinaus enthält Pucchinis Musik auch viel landestypisches Kolorit mit einer deutlichen Tendenz zur Ironie. So werden Pinkertons Auftritte immer wieder mit Abwandlungen der amerikanischen Nationalhymnse intoniert, deutlich, um nicht zu sagen: derb. Damit charakterisiert er das unsensible und neureiche Auftreten der Amerikaner, das schon damals den Europäern unangenehm auffiel. Im Gegensatz dazu setzt er bei den Butterfly-Szenen Instrumente und Klangfarben ein, die deutlich an japanische Musik erinnern, ja, Kenner werden in dem einen oder anderen Motiv japanischen Volksweisen erkennen.

Das ist natürlich gefährlich, da es nach programmatischer Musik riecht, die ihre Wirkung durch Imitation des Fremden zu erzielen sucht. Doch Pucchini setzt diese Elemente mit viel Feingefühl und immer im Kontext seiner eigenen Musik ein, so dass sie nie aufgesetzt wirken. Man nimmt diese japanische Einfärbung ohne Groll hin und betrachtet sie als glaubwürdige Charakterisierung der Umgebung. Und auch hier setzt er Ironie hinzu, wenn er die neidischen Verwandten der - noch - glücklichen Butterfly auch in seiner Musik in hellen Tönen schnattern lässt. Hinter diesen Variationen seiner Musik kann man jeder Zeit ein Augenzwinkern erkennen, mit dem Pucchini und seine Musik eine gewisse Distanz zum Bühnengeschehen wahren, die es vor der Sentimentalität bewahrt.

Regisseur Jörg Fallheier ist bei seiner Inszenierung keine Risiken eingegangen und lässt die Musik für sich sprechen. Im Gegensatz zu anderen Darmstädter Opern der letzten Jahre findet man hier keinerlei moderne Versatzstücke wie Kostüme und Requisiten. Alles bleibt so, wie es auch 1903 bei der - durchgefallenen - Premiere gewesen sein könnte. Gerade die Vorlage des Amerikaners als schlicht gestrickten Imperialisten hätte sich für eine zeitnahe Interpretation geeignet, doch Fallheier geht diesen Weg nicht. Fast könnte man meinen, dass ihm allein die Auswahl dieser Oper zu diesem historischen Zeitpunkt Hinweis genug war, wenn es denn nicht gerade ein Planungszufall war. Geradezu handgreiflich wird dem Zuschauer die aktuelle Kritik an dem "american way of life", den es gegen böse Terroristen zu schützen gilt, vor Augen geführt, jedoch nur implizit durch die Handlungsweise des gefühllosen Pinkerton. Weiter gehende Parallelen zieht die Inszenierung nicht.

Nun lässt sich natürlich eine solche Interpretation einer sich anbietenden Vorlage nicht als nahezu zwangsläufige Konsequenz fordern, aber eine gewisse Aktualisierung des Stoffes hätte man sich schon vorstellen können. Fallheier jedoch vertraut vollständig auf die klassische Wirkung der Oper: Rührung durch eine perfekt inszenierte und vorgetragene Handlung. Das gelingt ihm auch, aber er lässt es bei der Erfüllung der Erwartungshaltung bewenden. Und damit bestätigt er in gewissem Sinne die alte Kritik der Intellektuellen, die das Stück schon immer als Kitsch abgetan haben. Doch nicht die Oper selbst trägt die Schuld an dieser - im Übrigen selbstgefälligen - Kritik  sondern eine zu enge Führung am Libretto, das letzten Endes das Unglück einer verlassenen Frau darstellt. Dieses individuelle Schicksal ist jedoch in Literatur und Oper zu oft abgehandelt worden, als dass es alleine noch Neuigkeitswert besäße. Wie gesagt, man hätte dieser Handlung an der Bruchlinie zweier Kulturen durchaus neue Aspekte abgewinnen können, doch darauf hat Fallheier verzichtet.

Doch zurück zu der Wirkung auf das Publikum und die wirklich beeindruckenden Leistungen auf der Bühne. Da ist in erster Linie Mary Anne Kruger zu nennen, die ihr Repertoire in der Rolle der Butterfly voll ausspielt. Ihre klare und doch sehr warme und weiche Stimme wurde allen Seelenlagen gerecht, und vor allem die in dieser Oper leisen und verinnerlichten Stellen kamen mehr als überzeugend zur Geltung. Diese Frau überrascht immer wieder durch ihre Wandlungsfähigkeit und die Ausdrucksvielfalt ihrer Stimme. Es war ein wahrer Genuss, ihr zuzuhören und auch zuzuschauen, denn auch schauspielerisch überzeugte sie in dieser Rolle.
Noch einmal Mary Anne Kruger und Fernando del Valle
Noch einmal Mary Anne Kruger und Fernando del Valle

Fernando del Valle überzeugte durch eine raumfüllende, in allen Lagen sichere Stimme und seine Präsenz. Seine Wiedergabe des in seiner jungenhaften Gedankenlosigkeit rücksichtslosen Leutnants Pinkerton traf den Nagel auf den Kopf. Flegelhaft spuckt er den ihm unbekannten Tee aus und verlangt lautstark nach Whiskey, und dem Konsul erzählt er ebenso deutlich, dass das Ganze ja nur ein Spaß sei und er sich jederzeit von Butterfly trennen könne. Das hört sich gar nicht einmal zynisch sondern eher naiv an, so wie ein Kind, dass sein neues Spielzeug bis zum Bruch austesten will. Fernando del Valle gelingt es, diese selbstgefällige Naivität und die "Hoppla jetzt komm ich"-Mentalität auszudrücken.

Ein weitere überzeugende Vorstellung gab wieder einmal Anton Keremidtchiev, hier in der Rolle des mahnenden und um Schadensbegrenzung bemühten Konsuls. Große Charakterstudien sind ihm in dieser Rolle nicht vergönnt, doch in der Premiere zeigte er wieder einmal seine stimmliche Vielfalt und wohl abgewogene Präsenz.

Dan Karlström gab einen quirligen und hinterhältigen Heiratsvermittler Goro, der sich von allen beschimpfen aber nie unterkriegen lässt. Seine Stimme hatte an einigen Stellen leichte Schwächen, aber das machte er mit seinem schauspielerischen Einsatz mehr als wett.




In weiteren Rollen agierten Katrin Gerstenberger als Suzuki, Butterflys Kammerdienerin, Barbara Schramm als Pinkertons amerikanische Frau und Thomas Fleischmann als Onkel Bonzo. Sie alle füllten ihre Rollen überzeugend aus, hatten aber zum Teil nur geringe Möglichkeiten, ihre Stärken auszuspielen.

Besonders hervorzuheben ist das Orchester, das unter der Leitung von Raoul Grüneis Pucchinis Musik mit außerordentlicher Präzision und Liebe zum Detail präsentierten. Von Anfang an wirkten Orchestergraben und Bühne wie aus einem Guss geformt. Dies ist auch deswegen bemerkenswert, weil Pucchinis Musik durchaus nicht immer gefällig und eingängig ist, sondern sich durch abrupte Wechsel von Tempo und Volumen auszeichnet. Diese Wechsel spiegeln den falschen Schein der vermeintlich heilen Welt Butterflys wider und zerstören immer wieder eventuell aufkommende Euphorie. Raoul Grüneis und sein Orchester meisterten diese Brüche hervorragend und trugen damit erheblich zum tiefen Gesamteindruck bei.

Bühnenbild und Kostüme brachten japanisches Kolorit auf die Bühne, wobei eine halbtransparente Schiebewand die Vorderbühne gegen den Hintergrund abschirmte. Bei den Kostümen gab es laut Aussagen von Kennern einige Flops, zum Beispiel wenn die japanischen Männer trippeln (tun nur die Frauen!) oder einen Zopf tragen (das sind die Chinesen). Das sind jedoch Details, die dem Gesamteindruck keinen Abbruch tun. Dieses japanische Kolorit entsprach, wie bereits gesagt, den Erwartungen des Opernpublikums, das bei "Madame Butterfly" - bitte schön - japanische Kostüme und das zugehörige Ambiente genießen möchte. Fallheier "gab dem Affen Zucker", und das Publikum dankte es ihm mit begeistertem Applaus und - in der letzten Zeit in Darmstadt eine Ausnahme - ohne einen einzigen Buh-Ruf!

Der Besuch dieser Oper lohnt sich allein schon wegen der Musik und der hervorragenden Leistungen des Ensembles.

Frank Raudszus