| Polit-Musical ohne Biss |
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Musical "Cabaret" des Staatstheaters Wiesbaden |
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Als die Musicals nach dem zweiten Weltkrieg als Vertreter der leichten Muse die Operette ablösten, dienten sie vornehmlich der Unterhaltung und befassten sich daher weitgehend mit unkritischen Themen - eben "Wein, Weib und Gesang". Mit zunehmender Entwicklung dieser Musikgattung haben sich jedoch auch gesellschaftskritische Töne eingeschlichen, und damit trat zwangsläufig der Konflikt zwischen der "leichten" Unterhaltungs- tradition und dem aufklärerischen Anspruch auf. Autoren mit kommerziellem Gespür wie Lloyd- Webber vermieden dies Problem und blieben der Phantastik und der Unterhaltung treu, andere nicht.
Die vergebliche Verlobungsfeier Der englische Schriftsteller Christopher Isherwood weilte 1929/30 in Berlin und verarbeitete seine Eindrücke der "spät-weimarischen" und "vor-nazio- nalsozialistischen" Epoche in einigen Erzählun- gen, die John van Druten anschließend in das Theaterstück "Ich bin eine Kamera" umformte. Daraus machte schließlich 1966 das Trio Masterfoff/Kander/Ebb das Musical "Cabaret", das 1972 mit Liza Minelli in der Hauptrolle unter dem gleichen Namen erfolgreich verfilmt wurde. Die Handlung bildet die Erlebnisse des Christopher Isherwood nahezu kongruent ab: Der Schriftsteller Cliff Bradshaw kommt 1929/30 nach Berlin, um dort Eindrücke für seinen Roman zu sammeln. Er lernt die englische Sängerin Sally kennen und lieben, die in einem dubiosen Nachtclub singt und sich ansonsten von Verhältnis zu Verhältnis hangelt. Seine ältliche Vermieterin beginnt eine schüchterne Affäre mit einem jüdischen Obsthändler, Sally wird von Cliff schwanger, treibt aber gegen seinen Willen ab, da sie wieder singen und nicht mit ihm nach Amerika gehen will. Als plötzlich einige scheinbare Freunde die Maske fallen lassen, sich als über- zeugte Nazis präsentieren und dem Obsthändler die Scheiben einwerfen, verlässt Cliff, das nahende Unheil ahnend, Deutschland ohne weiteres Zögern ohne Sally. Soweit die Vorgeschichte. Das Staatstheater Wiesbaden hat dieses Musical nun in einer Neuinszenierung auf die Bühne gebracht. Der Betrachter stellt sich dabei intuitiv einige Fragen: Die erste betrifft natürlich die Bewusstseins- ebene des Stückes. Wäre es aus dem Kenntnisstand 1929/30 entstanden, könnte man mit einer mehr oder minder hinreißenden Darstellung der ausgehenden "wilden" 20er Jahre leben, selbst wenn man die spätere Geschichte kennt. Da das Musical jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden ist, setzt es die Kenntnisse der auf zwölf verkürzten tausend Jahre des Dritten Reiches voraus, und damit verbietet sich eine naive geschweige denn lustvolle Interpretation. Das Grauen der späten Jahre schwingt in jeder Andeutung mit und muss daher adäquat dargestellt werden. Die Wiesbadener Inszenierung von Achim Thorwald jedoch "badet gern lau", um einen Ausspruch Herbert Wehners zu zitieren. Die erste Hälfte mit der Darstellung des Berliner Nachtlebens kommt zwar unterhaltsam, doch irgendwie bieder daher, so als wollte man das Freizeitverhalten einer Kleinstadtgesellschaft zeigen. Statt greller Kontraste, wie sie Otto Dix in seinen Bildern zeigt, beherrschen leicht bekleidete Damen in altbacken-frivoler Verkleidung - wir sind heut halt leider Anderes gewohnt - und ein eher biederes Liebespaar das Geschehen. Die lauernde Gefahr wird nirgends greifbar. Zwar versucht Vasiliki Roussi als Sally mit aller Kraft und guten gesanglichen Leistungen, grelle Lebenslust und sogar etwas Verruchtheit ins Spiel zu bringen, aber leider reicht es nur zum Niveau eines aushäusigen Teenagers. Auch Jochen Elbert als Cillford Bradshaw wirkt eine Spur zu naiv und bieder und lässt erst spät so etwas wie Entsetzen über die sich anbahnende politische Katastrophe erkennen.
Damit sind wir aber wieder am wunden Punkt: Die Songs aus "Cabaret" haben sich weltweit durchgesetzt und transportieren eine Musical-Botschaft weitab von jeder politischen Aussage. Sie sind einfach schmissige "Evergreens" und keine bösartigen Lieder wie etwa "Mack the knife " oder das Lied der Seeräuber-Jenny. Nett, rund und zum Mitsingen.
So wirkt denn auch das plötzliche Auftauchen des Hakenkreuzes am Arm des "duften Kumpels" Max (Horst Giebel) eher störend als verstörend. Der gelehrige Zuschauer versteht zwar schnell die Botschaft, doch die wahre Betroffenheit will angesichts der braven Hand- lung und der flotten Lieder nicht so recht auf- kommen. Man hat übrigens das Gefühl, das selbst die Nazi-Darsteller sich leicht deplaziert vorkommen in dieser Show. So bleiben die Nazis genau auf der Ebene, auf der sie die lebenslustigen Nachtklub-Besucher sehen: eine Bande von kulturlosen Banausen, die die nächsten Jahre nicht überstehen wird. Zwar endet der erste Teil mit einem "Eklat", wenn während der Verlobungsfeier des ältlichen Liebes- paares (Karin Schroeder als Fräulein Schneider und Wolöfgang Vater als Herr Schultz) der Nazi Max der Braut von der Heirat dringend abrät, da der Bräutigam kein "echter" Deutscher sei, doch fehlt hier die Härte und der konsequente Bruch mit der bis dato vorherrschenden lebenslustigen Stimmung. Die Inszenierung begreift dies eher als unpassen- des Benehmen denn als Vorboten des Schreckens. Der zweite Teil führt dann alle hoffnungsvoll aufgenommenen Handlungsfäden ins Verderben. Sally treibt ihr Kind ab und ist nicht bereit, Cliff in die USA zu folgen. Max entpuppt sich als kerzen- gerader Nazi, der im Zweifelsfall auch seinen alten Freund Cliff von seinen Freunden zusammen- schlagen lässt. Die Verlobung der Vermieterin und des Obsthändlers scheitert, als die auf ihre Pfründe bedachte Frau die Probleme eines jüdischen Ehepartners vorausahnt. Dieser wird denn auch bei einem symbolischen Versuch der Ausreise von Lederbemantelten Gesellen herausgefischt und abgeführt. Auch wenn im zweiten Teil die gesellschafts- kritische Komponentenetwas stärker zu Tage tritt, fehlt dennoch der Inszenierung der kritische Biss. Zu nett und flott sind die Songs, und der Conferen- cier ist eher lustig denn zynisch. Jörg Neubauer bemühte sich in dieser Rolle mit leicht zynischem Zungenschlag, das Geschehen als Groteske darzu- stellen, aber auch bei ihm blieb das Entsetzen hinter der Maske in Ansätzen stecken. Das konn- ten auch die durchaus originellen Einlagen mit den "BDM-Mädchen" nicht ganz wettmachen, die er einmal als Rattenfänger mit der Flöte von der Bühne lockte. Heutzutage kann man dieses Stück eigentlich nur als Groteske mit zynischem Einschlag spielen. Dabei muss die Lebenslust das dünne Eis widerspiegeln, auf dem man damals tanzte, und aufzeigen, dass der Geist des Dritten Reiches schon lange vor Errich- tung desselben mittanzte. Die plane Darstel- lung des genießerischen Nachlebens und der aufkommenden Bewegung ohne schärfende Abgrenzung und Entlarvung des Vergnügens als Tanz der Blinden auf dem Kraterrand wirkt naiv und verniedlichend. Wer die Schrecken des nachfolgenden Regimes nicht kennt - davon gibt es leider schon wieder viele! - oder nicht wahrnehmen will, der wird in dieser Aufführung im Geheimen seine Auffassung bestätigt sehen, dass es sich bei den Nazis eigentlich nur um einige Kulturbanausen handelte. Wenn man das Stück wenigstens als mitrei- ßende Darstellung einer verrückten Epoche gebracht hätte, mit Enthemmten und Verzwei- felten, die nach dem Ersten Weltkrieg nur ihren Anteil am Leben in vollen Zügen und im Rausch genießen wollten - auch das wäre eine Möglichkeit gewesen. Aber auch dazu war die Inszenierung zu bieder. Nie hatte man das Gefühl, dass hier die wilden zwanziger Jahre bebildert wurden. Es wirkte eher wie das Vergnügungsangebot eines Touristenzentrum, in dem auch Rentner ihren Spaß haben sollen. Das Publikum bedachte die Aufführung mit freundlichem, die Grenzen des Höflichkeit nicht unbedingt weit übersteigendem Beifall. |