| Zwingende Figuren |
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William Forsythes neue Ballett-Produktion in Frankfurt |
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Das Stichwort "Ballett" weckt Assoziationen an "Tütü", "Schwanensee", elegische bis melodrama- tische Figuren, entrückte Schönheit...
Approximate Sonata Nicht so bei William Forsythe. Der Intendant des Frankfurter Balletts steht eher für das moderne Ballett, das sich nicht mehr auf die tänzerische Nacherzählung oder Interpretation einer in sich geschlossenen Handlung beschränkt, sondern die Bewegung des Körpers selbst in den Mittelpunkt der Choreographie stellt. Nicht umsonst sind Worte Hegels und anderer richtungsweisender Philoso- phen über die Bedeutung des Abstrakten dieser Produktion als Motto vorangestellt. Laut Hegel ist das Kunstwerk, da unmittelbar, in erster Linie abstrakt und entbehrt damit jeder programmati- schen Bedeutung. Diese Aussage hat sich Forsythe in seiner neuen Produktion zu eigen gemacht. Der Abend besteht aus drei eigenständigen Choreo- graphien, die jeweils durch eine Pause von einander getrennt sind. Die erste, mit dem Titel "Approximate Sonata", ähnelt dem Aufbau eines klassischen Musikstücks, eben einer Sonate. So jedenfalls lässt sich die Produktion konsistent mit dem Titel deuten, wenn man es denn will. Ein einzelner Tänzer rückt lang- sam aus dem Hintergrund der leeren, schwarz um- wandeten Bühne auf einer geraden Linie nach vorne, mit mal unsicherer, mal verstörter, mal fragender Gestik und Mimik. Der Einzelne allein im Raum, ohne Kontakt zu Anderen. Dazu erklingen beunruhigend knarrende Laute, vermischt mit ein- zelnen Klängen verschiedener Perkussionsinstru- mente. Langsam gesellen sich weitere Tänzer hinzu, erst eine einzelne Frau, es bildet sich ein Paar. Die knarrenden Geräusche verstummen, es bleiben die verlorenen Perkussionsklänge, die sich nie zu einem Motiv zusammenfinden, einzelne kurze Klanginseln in der Stille bilden. Synchron zu diesen ausgeformten Klängen bewegen sich die Paare oder Einzeltänzer, durchlaufen den gesam- ten Kanon des klassischen Tanzes und darüber hinaus akrobatische Bewegungen, die den Rahmen des gewohnten Einzel- oder Paar- tanzes verlassen, teilweise an ausdrucks- starke Akrobatik erinnern.
The room that it was.... Die Paare wechseln einander ab, wie die Sätze in einer Sonate, zeigen eigene Ausprä- gungen des Tanzes, mal eher klassisch anmutend, dann wieder akrobatisch, bisweilen fast wie ein stiller Zweikampf. Und mitten in diesen Vorführungen Worte, Anweisungen eines Tänzers an seine Partnerin, scheinbar eine Trainingseinheit, Korrekturen und Vor- schläge. Doch dieser scheinbare Ausbruch aus dem geregelten Ablauf ist gewollt, gehört zur Choreographie. Wie in der Musik wird hier die Improvisation simuliert. Hier wie dort gehorcht sie einem strengen Ritual. Die Bewe- gung wird zum autonomen Kunstwerk wie eine späte Beethoven-Sonate, steht nur für sich selbst. Das beiden nächsten Stücke hatte man - nicht gerade zuschauerfreundlich - kurzfristig ausgetauscht. Da eine Zuordnung des Ablaufs zum Titel - bei einer Uraufführung sowieso - so gut wie möglich ist, hätten die viele Besucher den Austausch kaum bemerkt. "Closed Curve 1 + 2" ist eine reine Bewegungsstudie, ohne Musik, oder nahezu ohne, denn ein- oder zweimal ertönen ganz leise zaghafte Klänge, wie aus weiter Ferne, nur, um sofort wieder zu verklingen. Einzelne Tänzer und Paare ver- stricken sich in engen Figuren auf der Bühne, meist in der Bühnenmitte, den Raum veren- gend. Gruppendynamische Abläufe enstehen, manche Paare befinden sich sozusagen im "Clinch", ohne dass dies erotische Assozia- tionen weckt. Nähe erzeugt Druck, gesam- melte Aggression und Auflösung derselben. Immer wieder spielen Annäherung und Abwehr eine Rolle, Paare finden zueinander und tren- nen sich wieder. Durch die fehlende Musik wirkt diese Produktion dicht, geradezu beklemmend. Forsythe lässt denn diese Szenen auch nicht allzu lange dauern. Sie dienen mehr als Zwischenspiel zwischen den beiden großen "Ecksätzen" des Abends. Der dritte Beitrag trägt den Titel "In the middle somewhat elevated". Nun sind die Titel alle bis zu einem gewissen Grad kryptisch. Lässt sich die "Approximate Sonata" noch als Parallele zur Musik deuten, so fällt eine ähnliche Assoziation bei den nächsten beiden Produktionen schwer. Laut Pro- gramm sollte diese Darbietung ursprünglich an zweiter Stelle stehen, zeigt dann aber, warum sie zu Recht an letzte Stelle gerückt wurde. Man fragt sich allerdings zum Schluss, warum diese Reihen- folge nicht von Anfang an gewählt wurde, denn diese Produktion bildet sowohl akustisch als auch tänzerisch eindeutig den Höhepunkt des Pro- gramms. Schon den Anfang leitet ein akustischer Schlag aus der Klang-Retorte ein, der das Publi- kum erschreckt. Von hier aus entwickelt sich diese Produktion zu einem furiosen Drama von Klang und Bewegung.
In the middle somewhat elevated... Die Musik lehnt sich deutlich an die Technomusik der entsprechende Szene an, ohne sie zu kopieren. Sie erzeugt jedoch eine Atmosphäre, die einerseits an Dschungelmusik mit ihren Verweisen auf Span- nung und Gefahr erinnert und andererseits hautnah an der heutigen Realität mit ihrer gnadenlosen Präsenz der Medien ausgerichtet ist. Gerade die gezielte Monotonie der Klangfolgen steigert die Bedrohlichkeit und die Auswegslosigkeit der Situa- tion. Immer, wenn die Zuschauer sich an die Musik zu gewöhnen beginnen, brechen besonders heftige akustische Schläge diesen Gewöhnungsvorgang auf und werfen das Publikum auf sich selbst zurück. Die Tänzer und Tänzerinnen, alle in grünem Dress, tanzen diese "Musik" exakt aus. Jeder akustische Schlag wird von entsprechenden Bewegungen ein- zelner Tänzer oder der Paare umgesetzt, streng im "Takt" der musikalischen Ereignisse. Einzelne Tänzer und Tänzerinnen liefern län- gere Soloauftritte ab, bei denen sie entweder die ganze Weite der Bühne nutzen oder sich wie Popgrößen an der Rampe postieren. Sie gehen dabei bis an die Grenze ihrer physi- schen Leistungsfähigkeit und scheinen dabei doch immer leicht und unangestrengt. Dabei beeindrucken vor allem die schnellen Wechsel zwischen langsam und spannungsvoll sich aufbauenden Figuren - allein oder zu zweit - und der plötzliche, ja abrupte Übergang in andere Bewegungsarten oder Figuren. Die Analogie zur Techno- und Popwelt ergibt sich jedoch nicht aus vordergründigen Nach- ahmungen typischer Verhaltensweisen oder gar Personen sondern aus der Atmosphäre, die sich aus Musik und Tanz entwickelt. Eine kompromisslose Welt der Bewegung entsteht, die das Ego in den Mittelpunkt rückt, jedoch um den Preis der verlorenen Individualität. Auswechselbar sind die Personen, so wie sich die Individuen der Truppe auf der Bühne bei ihren Solo-Auftritten abwechseln und wie- der ins Glied zurücktreten. Die Bewegungen strahlen Kraft und Duchsetzungsstärke aus, Schwäche und Emotionen sind ausgemerzt. Exakt und professionell bewegen sich die Figuren auf der Bühne, und Paarübungen zei- gen keinen Anflug erotischer Bindung sondern dienen lediglich der Präsentation und Stilisie- rung des Egos. So lässt sich diese letzte Produktion durch- aus interpretieren. Der Verzicht auf jedwede Andeutung einer "Geschichte" oder realer gesellschaftlicher Bedingungen erlaubt jedoch auch andere Deutungen, von der reinen Bewe- gung ohne "dritten" Sinngehalt bis zur unge- brochenen Wiederholung der hypnotischen Wirkung einschlägiger Technomusik in den Discos auf Trance-Tänzer. Dem EIndruck dieser letzten Produktion konnte sich jeden- falls niemand entziehen, und das Premieren- publikum entlohnte das erschöpfte Ensemble zum Schluss mit lang anhaltendem Beifall und teilweise begeisterten akustischen Jubel- tönen. "Bravo" ruft man im Ballet nicht, man tut die Begeisterung anders kund. |