Witz, Ironie und expressiver Tanz

Thomas Langkaus Tanz/Theater-Produktion "Eichenlob" im Darmstädter Werkstatt-Theater
Das Darmstädter Tanz/Theater ist immer für Überra- schungen gut. Normalerweise fordert Leiterin Birgitta Trommler mit eindrucksvollen Produktionen Aufmerk- samkeit und Einfühlung der Zuschauer in konfliktreiche Stoffe, die nicht unbedingt zum Lachen animieren. So ist es denn erfrischend, wenn auch dieses Genre einmal Humor auf die Bretter bringt. Mit der Urauffüh- rung von "Eichenlob" ist dem noch jungen Choreogra- phen Thomas Langkau dieses Kunststück gelungen. Umgesetzt haben seine Ideen die Tänzerinnen Chia- Yin Ling und Patricia Wallis, die Tänzer Giuseppe und Michele de Filippis und Guido Markowitz sowie drei Statisten.

Patricia Wallis mit Hand und Schrank

Das Bühnenbild im Werkstatt-Theater besteht lediglich aus einem dreiteiligen Eichenschrank in der hinteren Ecke der Bühne, der während der gesamten, etwa einstündigen Aufführung als "Tor zur Welt" und Durch- gangsstation dient. Gleich zu Beginn entsteigt einer der Filippis im schwarzen Anzug dem Schrank, ent- nimmt ihm schwarzen Mantel, Bowler und Regen- schirm und verlässt dann die Bühne gemessenen Schrittes durch den Seitenausgang. Das selbe Spiel wiederholt sich mit seinem Bruder, und kaum ist dieser verschwunden, erscheint der erste Zwilling wieder mit der selben Abfolge. Wenn jedoch der Zweite die Bühne zum zweiten Mal verlassen will, ertönt das Klingeln eines Telefons aus dem Schrank, so dass er stutzt und an das Möbel zurücktritt.

Von diesem Augenblick beginnt der Schrank zu leben und die in ihren Bewegungen bis dahin so selbst- sicheren Akteure zu verwirren. Das Telefon wechselt ständig seinen Ort im Schrank, bleibt beim Aufnehmen des Hörers offensichtlich stumm doch beginnt nach dem Schließen des Schrankes sofort wieder zu klin- geln. Nacheinander müssen sich alle - durchgehend in schwarze Anzüge gekleideten - Akteure mit dem unvermutet ertönenden Gerät auseinandersetzen und tun dies mit deutlichem Erstaunen oder zunehmender Verwirrung.

Vom Telefon entwickelt sich das Spiel zu anderen "Erlebnissen der dritten Art". Plötzlich wachsen Hände aus den Schranktüren und verlangen nach der einzel- nen Person vor dem Schrank. Dann wiederum fliegt Wäsche, die ein Tänzer sorgfältig im Schrank depo- niert, in doppelter Menge wieder heraus, oder die Schubladen öffnen sich selbständig im Takt einer nicht vorhandenen Musik.

So jagt eine Überraschung die andere: mal fallen die steifen Körper der anderen Mitwirkenden dem Nichts- ahnenden vor dem Schrank wie Leichen in die Arme, dann wieder reckt sich eine Schattenhand aus dem Schrank und zieht geheimnisvoll die Tür zu. Oder die beiden Filippis-Zwillinge führen eine fast an Slapstick erinnernde Szene vor, bei dem sie einen Spiegel zwischen sich simulieren.

Chia-Yin Ling und Guido Markowitz (Hände)

Dazu ertönt ein Streichquartett Arnold Schön- bergs, das dem Geschehen eine musikalische Steigerung verleiht. Von nun an laufen die Bewe- gungen im Tempo und der Intensität der Musik ab. Höhepunkt ist dabei der Kampf der Akteure mit verschiedenen Möbeln - Stuhl, Bett, Koffer, Tisch -, die als akrobatische Herausforderung und Raumobjekt zugleich wirken. Diese teilweise furiosen Spiele sind jedoch exakt aufeinander abgestimmt, da die Tänzer nicht solo mit dem Gerät arbeiten, sondern sich miteinander ver- schränken.

Der Titel "Eichenlob" verweist auf die Eiche und ihre Bedeutung im deutschen Kultur- und Alltags- leben. So sind natürlich auch die Möbel aus Eiche - gedrechselte Stühle und Tische und andere Requisiten. Der Schrank aus Eiche sym- bolisiert auch die berühmt-berüchtigte "Schrank- wand" aus Eiche, die viele deutsche Wohnzim- mer dominiert. Alles Leben wird durch diesen Schrank definiert und alle Ereignisse und Ängste durch ihn gefiltert. So wird der Eichenschrank zum Mythos des Lebens, so wie Generationen von Dichtern, Komponisten und Klerikern die Eiche mal zum Abbild des Nationaltums hoch stilisiert, mal als heidnisches Götzenbild ver- dammt haben. Die Eiche hat das Selbstverständ- nis der Deutschen über Jahrhunderte genauso bestimmt wie dieser Eichenschrank seine Benut- zer - ja, man möchte fast sagen: Bewohner - beherrscht, verwirrt und zeitweise verängstigt.

Bei aller ironischen Kritik dieses ideologisch überhöhten Baumes lässt Thomas Langkau jedoch immer dem Humor den Vortritt vor der Belehrung oder gar einer sauertöpfischen Kritik. Die plötzlichen, oft schreckvollen Ereignisse des Lebens werden hier mit viel Witz und vor allem Tempo präsentiert und entlockten dem Premie- renpublikum auch entsprechend viele Lacher, eine beim Tanz/Theater eher seltene Reaktion. Wenn am Ende dann einer der Statisten in Mantel, Bowler und mit Regenschirm als letzter die sich verdunkelnde Bühne verlässt, nimmt er damit ironisch den Anfang wieder auf.

Das Publikum brach unmittelbar nach dieser letzten Szene in begeisterten Beifall aus und spendete freigebig Bravo-Rufe. Die hatten sich die Akteure mit ihrer so akrobatischen wie witzi- gen Darbietung auch wirklich verdient.