Wer kennt nicht aus dem Deutschunterricht Lessings Trauerspiel um das Mädchen aus gut bürgerlichem Hause, das am Tage seiner Hochzeit vom Prinzen entdeckt und ihm mit allen Mittel als Mätresse zugeführt werden soll? Und wer kennt nicht die verhaltene Kritik an dem Autor als einem eher akademischen Stückeschreiber? Sind auch Lessings Stücke weitgehend vom aufklärerischen Intellekt bestimmt und zeigen durch ihre Struktur eine leichte Tendenz zum Lehrhaften, so kann doch eine entsprechende Inszenierung Emotionen und dramatische Elemente aus diesem Stück
herausarbeiten, das ihm die Meisten aufgrund ihrer lang zurückliegenden Pflichtlektüre nicht zugetraut hätten.
Rolf Idler(Odoardo) und Gabriele Drechsel (Gräfin Orsina)
Um es gleich zu sagen: Regisseur Heinz Kreidls ist das Kunststück in vollem Umfang gelungen. Seine "Emilia" atmet in jeder Sekunde heißes Leben und strahlt zeitlose Aktualität aus, und das beileibe nicht nur wegen der modernen Kostüme, die Dorothea Wimmer den Darstellern angelegt hat. Tempo und Konzentration auf die wesentlichen Momente sorgen in dieser Inszenierung für
Spannung und emotionelle Betroffenheit.
Der gelangweilte Prinz (Heiner Take) mag die ihm zugedachte Gräfin Orsina nicht mehr und verliebt sich in das Portrait einer jungen Frau, der
bürgerlichen Emilia Galotti, das ihm der Maler Conti (Gerhard Hermann) vorstellt. Doch es ist eher
kindlicher Besitzanspruch als emotionelle Zuwendung, die der Prinz hier verspürt. Als er kurz danach von seinem Kammerherrn Marinelli (Christian Wirmer) hört, dass ausgerechnet diese Emilia am selben Tag den allem Höfischen
abgeneigten Grafen Appiani (Achim Barrenstein) heiraten wird, um mit ihm auf dessen Ländereien zu ziehen, bricht er in egozentrisch-kindliche Wut aus und gibt
Marinelli quasi "carte blanche", die Dinge noch zu seinen Gunsten zu drehen. Nachdem dieser mit der Finte einer wichtigen und daher sofortigen Reise des
Grafen Appiani im Auftrag des Prinzen an dessen mehr als deutlichen Absage scheitert und auch noch die nahezu tätliche Verachtung des Grafen ertragen muss, lässt er die Kutsche mit der Hochzeitsfamilie überfallen, den
Grafen ermorden und Emilia als scheinbar Schutzbefohlene ins prinzliche Schloss entführen.
Dort treffen sich jetzt alle Personen nach dem klassischen Prinzip "eine Zeit - ein Ort - eine Handlung" zum tragischen Finale. Emilias Mutter (Karin Klein) sucht auf der Flucht vor den Mördern ihre Tochter im Schloss und muss erkennen, dass ihr Mann Recht hatte mit
seinen dunklen Ahnungen ob des früh geäußerten Interesses des Prinzen an seiner Tochter. Emilias Vater Odoardo, der die Gepflogenheiten des Hofes zu Genüge kennt und seiner Tochter das Schicksal einer
bürgerlichen Mätresse ersparen will, erscheint unwissend und dennoch ahnungsvoll im
Hochzeitsornat, nur um dort von der vom Prinzen abgelegten Gräfin Orsina die für sie offen zu Tage liegenden Hintergründe erfahren zu
müssen. Als Marinelli und der Prinz ihm weismachen wollen, dass Emilia zwecks Aufklärung des schrecklichen Mordes in spezieller
Verwahrung am prinzlichen Hof gehalten werden müsse, stimmt er dem Scheine nach
geradezu überschwänglich zu, bittet jedoch um eine kurze Unterredung mit ihr. Bei dieser ersticht er sie mehr oder weniger auf ihr Bitten, da sie glaubt, der Verführungskraft des Hofes auf die Dauer nicht widerstehen zu können. Der den Erschütterten spielende Prinz schickt Marinelli als Bauernopfer "in die Wüste".
Wie setzt nun Heinz Kreidl diese scheinbar an den Gegebenheiten des 18. Jahrhunderts orientierte und sie kritisierende Handlung in seiner Inszenierung um, ohne in ein "glattes" Abspulen des
klassischen Repertoires zu verfallen? Das Programmheft gibt hier Auskunft, jedenfalls spiegelt Botho Strauß´ dort abgedruckte Interpretation des Lessingschen Stückes genau Kreidls Auffassung wider. Alle
Personen befinden sich in permanenter Nervosität, ja geradezu hektischer Überdrehtheit. Auf beiden Seiten der Ständeschranke ist dieser Zustand auf die gesellschaftliche Situation zurückzuführen. Der Prinz langweilt sich in seiner Machtfülle. Wer sich alles leisten
kann, fühlt kaum noch eine Herausforderung und befindet sich ständig auf der Suche nach dem Nervenkitzel, dem Besonderen. So
entflammt er auch für das Portrait der Emilia nur, weil er es als persönliche Niederlage empfindet, dieses Mädchen noch nicht besessen zu haben. Seine abfälligen Bemerkungen über die ihm als Ehefrau zugedachte Gräfin Orsina beweisen, dass sie den Reiz des Neuen für ihn verloren hat. Wie ein
verwöhntes Kind wirft er jedes Spielzeug nach kurzer Benutzung weg und lechzt nach einem neuen. Auch kennt er keine Verantwortung für seine
Handlungen, die sein Kammerherr Marinelli einfädeln muss, damit er nachher den Unschuldigen und Überraschten spielen kann. Noch angesichts der toten Emilia spielt er diese Rolle weiter, ohne zu merken, dass er selbst in diesem Spiel nur eine Charge ist. Heiner Take hat in dieser bewusst
oberflächlich angelegten Rolle naturgemäß wenig Möglichkeiten, eine große Bandbreite an
schauspielerischem Können zu zeigen, bringt jedoch diesen verspielten und kindlich-egozentrischen Prinzen
überzeugend zum Leben.
Emilia als Gegenspielerin kommt eigentlich erst richtig ins Spiel, wenn die wesentlichen Dinge bereits gelaufen sind. Sie kann dem tragischen Verlauf der Dinge nur noch zusehen, ihn jedoch nicht mehr beeinflussen. Appiani ist tot, sie dem Prinzen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie erkennt trotz ihrer Jugend die Gefahr der
Verführung, die von der Situation ausgeht. Sie ahnt, dass sie sich schnell an den gesellschaftlichen Aufstieg und die Annehmlichkeiten gewöhnen würde, kann das jedoch mit ihrer aus der bürgerlichen Erziehung gewonnenen Selbstachtung nicht vereinbaren. So sieht sie den Tod als einzigen Ausweg. Janina Sachau, eben noch als verspielt-übermütige Braut im Gespräch mit Mutter und Bräutigam, überzeugt in dieser Szene mit ihrer Eindringlichkeit und
Verzweiflung.
Emilias Mutter ist bei Kreidl eine gesellschaftlich ehrgeizige Frau, die zwar mit der Wahl ihrer Tochter einverstanden ist, sich jedoch von der Aufmerksamkeit des Prinzen
gegenüber ihrer Tochter sehr geschmeichelt fühlt. Der mögliche gesellschaftliche Aufstieg, die Zulassung zum Hofe, sollte die Tochter
Geliebte des Prinzen werden.......Sie denkt das nicht durch, schwelgt jedoch kurzfristig in Träumen einer glanzvollen Zukunft, ohne dies verbal auszudrücken. Mit dieser Rolle schlägt Kreidl eine Brücke in die Gegenwart, spielt doch Karin Klein mit viel hintergründigem Witz eine ehrgeizige und alle Chancen nutzende Frau der Gesellschaft, wie wir sie von der Regenbogenpresse kennen (die wir natürlich nicht lesen...).
Rolf Idler (Odoardo) und Janina Sachau (Emilia)
Graf Appiani dagegen ist in diesem Stück eine eher undankbare Rolle zugefallen. Er wird
sozusagen nur kurz als Katalysator der Ereignisse eingeführt. In gerade zwei Auftritten muss er den gradlinigen, ehrlichen und allen höfischen Schmeicheleien abgeneigten
Ehrenmann darstellen, ohne jedoch dafür in eine wirklich konfliktträchtige Situation gestellt zu werden. Sein Besuch bei Braut und
Schwiegermutter ist schon von der Textvorlage etwas steif und schwerfällig geraten, und Achim Barrenstein kann daran nicht viel ändern. Sein Auftritt mit Marinelli stellt ihn zwar kurz vor eine Wahl, die jedoch angesichts seines
Charakters und der dramaturgischen Situation keine ist.
Bleiben als eigentlich zentrale Rollen und - dramaturgische - Gegenspieler Odoardo, Emilias Vater, und Marinelli, der Kammerherr des Prinzen. Odoardo weiß um die Sitten am Hofe und fürchtet nichts mehr, als dass seine Tochter diesem Leben zum Opfer fallen könnte. Vom ersten Auftritt an eilt er in angespannter Nervosität umher und wartet nur auf den Augenblick, in dem seine einzige Tochter endlich als Ehefrau des Grafen diesen Sündenpfuhl verlässt.
Doch seine Vorahnungen sagen ihm, dass noch nicht aller Tage Abend ist. Deshalb auch will er nach dem Überfall von jedem das Gegenteil
dessen hören, was er dunkel ahnt, bis ihn die Gräfin Orsina aufklärt. Gabriele Drechsel schlägt an dieser Stelle die zweite Brücke in die Gegenwart, wenn sie eine so enttäuschte wie klarsichtige und
nahezu feministische Orsina präsentiert. So wie sie mit ihren eigenen und den Illusionen anderer aufräumt, ist sie eher eine Frau unserer Zeit. Odoardo glaubt ihr auch unbesehen, werden doch seine
Vorahnungen nur bestätigt. Beide verfallen in dieser Szene - und Odoardo vor allem in der letzten - in eine Art klarsichtigen Wahnsinns, da sie beide erkennen, dass man diese Welt mit Vernunft nicht mehr
begreifen kann. Insofern übersteigt die Inszenierung die Aufklärung Lessingscher Provenienz und führt sie durch die Ereignisse ad absurdum, denn -- "die Verhältnisse, die sind nicht so" (Zitat)....Während Orsina sich jedoch in ihr Schicksal fügt, holt Odoardo zum Gegenschlag aus.
Rolf Idler zog als Odoardo alle Register schauspielerischen Könnens. Ob als übernervös
Vorahnender, als gereizter Ehemann einer leicht geltungssüchtigen Frau oder als verzweifelter, halb dem Wahnsinn verfallener Vater einer verlorenen Tochter - er fand für jede Situation den authentischen Ton fern jeder falschen Sentimentalität. Angesichts der heute eher melodramatisch anmutenden Situation eine bewundernswerte Leistung.
Dagegen hätte Christian Wirmer aus dem Marinelli etwas mehr machen können. Marinelli ist neben Odoardo die zentrale Figur, die den Gang der Ereignisse zielbewusst plant und fast bis zum Schluss alles unter Kontrolle behält. Dass er bei der Auseinandersetzung mit Graf Appiani schlecht aussieht, bezahlt jener mit dem Leben, er überlebt. Dass er am Ende verjagt wird, ist nur der
Verantwortungslosigkeit des Prinzen zu verdanken, der einen Schuldigen sucht. Natürlich ist Marinelli im moralischen Sinne hoch schuldig, taktisch begeht er jedoch keinen Fehler. Sein Pech ist nur, dass Odoardo seine eigene Tochter
umbringt. Marinelli selbst ahnt alles voraus, plant, fädelt ein und lässt die anderen in seine Fallen laufen - kurz, der Höfling
par excellence!. Christian Wirmer lässt jedoch - trotz einer soliden Leistung - die geschmeidige Kälte, die verdeckte
Boshaftigkeit vermissen, die diesen Jagos eigen ist. Er wirkt eher wie ein bemühter Freund, der dem Prinzen alles recht machen will. Ein wenig mehr Schärfe und
Hinterhältigkeit hätten dieser Rolle durchaus gut getan. In einigen Momenten blitzt die
bösartige Attitüde auch durch, so wenn er Appiani nach der Auseinandersetzung verlässt, aber diese Geisteshaltung hätte durchgehend präsent sein müssen.
Christian Steif hat für diese Inszenierung ein eher statisches Bühnenbild geschaffen, in dem ein Halbrund - mal Schlossfassade, mal Zimmerwand - die Handlung nach vorne an die Rampe drängt und damit mehr Nähe und drängende Enge schuf.
Das Publikum dankte Darstellern und Regie einhellig mit lang anhaltendem, mehr als freundlichem Beifall für eine rundherum gelungene Aufführung eines in dieser Form lange nicht gesehenen Klassikers.
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