| Der Intellektuelle und das Böse |
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Alfred Schnittkes Oper "Leben mit einem Idioten"
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Zum Ausklang der Saison präsentierte das Staats- theater Darmstadt in der Oper noch einmal "schwere Kost". Kein Mozart, kein Verdi, kein Pucchini stand auf dem Programm, sondern Alfred Schnittkes in den neunziger Jahren nach einer Erzählung des Russen Viktor Jerofejew entstan- dene Oper "Leben mit einem Idioten". Zum Ver- ständnis dieses Werkes muss man wissen, dass Schnittke selbst in der Sowjetunion aufgewachsen ist und seine Werke dort lange nicht aufführen konnte. Dasselbe gilt für Jerofejew, der ursprünglich zur privilegierten Nomenklatura gehörte, sich dann jedoch mit seiner wenig linientreue Literatur selbst ins Exil schrieb.
Christian Elsner (Wowa) und Doris Brüggemann (Die Frau) In dieser Oper wird ein Schriftsteller - also ein Intel- lektueller - mit dem programmatischen Namen "Ich" aus nicht näher erläuterten Gründen von der Gesell- schaft gezwungen, einen Idioten aus dem Irrenhaus bei sich aufzunehmen. Geradezu freudig nimmt er diese Strafe auf sich, da er sie einer von ihm unter- stützten Idee (oder Utopie) zu schulden meint. Die Vorhaltungen seiner eher auf die Normalität der häuslichen Verhältnisse bedachten Frau wischt er beiseite. Er sucht sich den zwar etwas monströ- sen, jedoch scheinbar gutmütigen Wowa aus. Spä- testens hier ahnt der historisch bewanderte Zuhörer die Botschaft, da Wowa auch Lenins Kosename war... Wowa fügt sich anfangs brav in den Haushalt ein, trägt jedoch zur Unterhaltung lediglich das Wort "Äch" bei, eine Verballhornung von "Ich", womit er sozusagen den Hausherrn spiegelt und karikiert. Doch bald beginnt Wowa "auszurasten", räumt Küche und Badezimmer aus, verteilt seine Exkre- mente in der Wohnung und zerreißt die Proust- Sammlung der Ehefrau. Letztere Handlung symboli- siert Regisseur Friedrich Meyer-Oertel sehr schön an Hand einer "echten" Proust-Figur (Werner Volker Meyer), die Wowa aus dem Bücherschrank zerrt und durch die Wohnung schleudert. Damit nicht genug, vertreibt Wowa das Ehe- paar aus dem Schlafzimmer, vergewaltigt die Frau, die sich daraufhin in ihn verliebt(!), schwängert sie und enthauptet sie schließlich mit einer Gartenschere, als sie sein Kind abtreibt. Dann verschwindet er. Der mittler- weile dem Wahnsinn verfallene Ich sitzt nun seinerseits im Irrenhaus und singt immerfort das Lied von der einsamen Birke, die im Feld steht. Die metaphorische Aussage dieses Werkes liegt auf der Hand: Wowa ist das Böse der Ideologie, der gerade die Intellektuellen im Glauben an eine verklärte Utopie verfallen. Wie in "Biedermann und die Brandstifter" werden alle Anzeichen des Bösen, des Chaotischen und der Zerstörung ignoriert, bagatellisiert oder schöngeredet. Nur das Eingeständnis des eigenen Irrtums will dem Intellektuellen nicht über die Lippen. Rings um ihn redet die Um- welt auf ihn ein: die Partei, die echten und vermeintlichen Freunde, Fremde und Kollegen. Diese Rolle übernimmt in der Darmstädter Inszenierung der Chor, der meist in düsterem Schwarz auftritt, der Farbe der radikalen politischen Ideologen. Die Frau als Symbol des Bodenständigen behauptet sich anfangs noch gegen den Einfluss des Idiotischen Prinzips, verfällt jedoch schließlich selbst dem erotischen Reiz der Gewalt. Die Intellektuellen einer solchen Gesellschaft, unfreiwillig Förde- rer des Unheils, verstehen bis zum Schluss nicht, was vor sich geht, und fallen in die Bedeutungslosigkeit. Diese letzte Szene karikiert damit die europäischen Intellektuel- len, die immer noch hartnäckig den Zusam- menbruch des Sozialismus leugnen. Den Hinweis auf die politische Dimension verdeut- licht Meyer-Oertel unmissverständlich, wenn er Wowa zwischenzeitlich mit einer weißen Uniformjacke (gern von Göring und Stalin getragen), einem Schnauzbart und einem Stöckchen über die Bühne stolzieren lässt. Doch es ist nicht nur die Rückschau auf die Jahre des Realen Sozialismus in der Sowjet- union, sondern gleichzeitig ein Menetekel für die westlich-freie Gesellschaft, das Regisseur Meyer-Oertel hier an die Bühnenwand "malt". Ein solches Monstrum kann leicht den Namen Antisemitismus oder Fremdenhass tragen, beides Erscheinungen, die sich unabhängig von einer politischen Ideologie ausbreiten. Jede Gesellschaft hat ihren Idioten, den sie nur zeitweilig unter Verschluss halten kann, und der sich dann irgendwann in den Häusern und Gedanken der Menschen festsetzt, sie sie von innen aushöhlt und zerstört. Auch der Terrorismus der letzten Zeit zeigt sich als eine Abwandlung dieses Idioten, den sich die menschliche Gesellschaft als Lebensgefähr- ten ins Haus holt. Die Musik Schnittkes folgt einer eigenen Linie, hat sich schon früh von der puristischen Linie der Zwölf- töner oder seriellen Experimenten verabschiedet, und vereint tonale Elemente mit ausgefallenen rhythmischen Elementen und moderner Instrumen- tierung. So stellt sich beim Zuhörer auch mit dieser doch modernen Musik ein nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen Bühnenhandlung und Musik ein. Schnittkes Musik setzt Emotionen und Ereignisse in adäquate musikalische Motive und Klangformen um, ohne deswegen in eine falsch- romantische oder gewollt expressionistische Atti- tüde zu verfallen. Dabei verwendet er Material aus dem russischen Volkslied - so das Lied von der Birke, das bereits Tschaikowsky zum sinfonischen Hauptmotiv veredelt hat - und Motive aus verschie- denen Epochen der Musikgeschichte, die jedoch nur skizziert werden. Auch wenn sie den tonalen Bereich verlässt, wirkt Schnittkes Musik nie schrill oder unerträglich.
Doris Brüggemann als Frau und Christian Elsner als Wowa Das Bühnenbild zeigt Ichs häusliche Umgebung in weit gehend realistischer Ausprägung mit einem System aus verrückbaren Wandelementen, die - z.B. bei der Vergewaltigungsszene - zu beliebigen Formen zusammengeschoben werden können. Diese unterschiedlichen Konstellationen erlauben es, den Charakter einer Szene auch baulich zu veranschaulichen, so das Einengende und Erstickende der Ideologie. Die Kostüme prägen dagegen weniger die Wirkung der Handlung, wie ja auch ausgefallene Kleidung in totalitären Systemen eher Seltenheitswert hat. Eindrucksvoll dagegen die schwarze Kostümierung des Chors, der dadurch etwas bedrohliches erhält. Die Darsteller meisterten ihre schwierigen Partien durchweg bewundernswert. Doris Brüggemann glänzt als "Die Frau" mit einem Hang zur Hysterie, was ihr vor allem in den hohen Lagen das Äußerste abverlangt, Das geht natürlich auf Kosten der Verständlichkeit. Damit hat Thomas J. Mayer als Ich keine Schwierigkeiten, da sich sein Part überwie- gend in der Nähe des Sprechgesangs bewegt und daher sehr gut zu verstehen ist. Er über- zeugt vor allem durch seine Bühnenpräsenz und die Darstellung des langsam und ungläu- big verzweifelnden Intellektuellen Ich. Christian Elsner gelingt das Kunststück, als Wowa mit dem einzigen Wort "Äch" dennoch durch unterschiedliche Nuancierung das Innenleben des Idioten darzustellen. Vor allem galt ihm angesichts der stickigen Wärme im sommer- lich aufgeheizten Großen Haus das Mitleid aller Zuschauer, da er durch Kissen und überdimensionierten "Strampelanzug" zum beleibten Monstrum aufgepeppt worden war. Ein besonderes Lob ist auch dem Chor zu zollen, den André Weiß nicht nur gesanglich wieder einmal sehr gut eingestellt hatte, son- dern der auch sehr agil den Handlungsablauf mitgestaltete, sei es als gesichtslose, schwarz gekleidete Menge, als Voyeure des häuslichen Unglücks bei Ichs oder als die Insassen des Irrenhauses, die sich in Verren- kungen wälzen oder singend umhertorkeln. Das Orchester hatte bei den herrschenden Temperaturen ebenfalls Schwerstarbeit zu verrichten und präsentierte Schnittkes scharf konturierte und an Extremen reiche Musik äußerst exakt und immer mit der notwendigen Balance zwischen Bühne und Orchestergra- ben. Denn eine menschliche Stimme lässt sich leicht durch einige Blechbläser erschla- gen. Dass dies nicht geschah, ist General- musikdirektor Stefan Blunier zu verdanken. Das Publikum dankte allen Beteiligten mit geradezu begeistertem Beifall für die außer- gewöhnliche Leistung, und selbst für die Regie gab es dieses Mal kein einziges "Buh"! |