| Mord als Freizeitgestaltung |
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David Gieselmanns "Herr Kolpert" im Kleinen Haus |
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Spätestens seit Edward Albees "Wer hat Angst vor Virgina Woolf" gilt die szenische Auseinander- setzung und gegenseitige Zerfleischung zweier möglichst unterschiedlicher Paare als Klassiker. Der junge Autor David Gieselmann - Jahrgang 1972 - hat diese erfolgreiche Konstellation aufge- nommen und der aktuellen gesellschaftlichen Situation angepasst.
Jürgen Hartmann, Iris Melamed, Franziska Sörensen und Gerhard Hermann (v.l.) Der Chaosforscher Ralf Droht (Jürgen Hartmann) lebt - zeitgeistig ohne Trauschein - mit der Ange- stellten Sarah Dreher (Iris Melamed) zusammen. Um der allgemeinen Langeweile zu entgehen, haben sie sich für den Abend den Architekten Bastian Mole (Gerhard Hermann) und seine Frau Edith (Franziska Sörensen) eingeladen, letztere eine Arbeitskollegin Sahras. Bereits in der Ein- gangstür - der mitgebrachte Blumenstrauss wird irgendwo achtlos abgelegt - teilen sie den kon- sternierten Besuchern mit, sie hätten eine Leiche im Keller. Fast im selben Atemzuge erklären sie, Essen sei nicht vorbereitet, man könne ja den Pizzaservice in Anspruch nehmen. Bereits diese kleine Episode, die in einer chaotischen Bestel- lung verschiedenster mit Sonderwünschen beleg- ter Pizzen mündet, zeigt schlaglichtartig die abgebrühte Egozentrik der heutigen Spaßgesell- schaft, die selbst die einfachsten Regeln der Gastfreundschaft nonchalant übergeht. Keiner der beiden Einladenden fühlt sich in irgendeiner Weise verpflichtet, für die Gäste auch nur das kleinste Opfer zu bringen. Als die verklemmte und arg spießige Edith dem Hinweis auf die Leiche nachgeht, teilen ihr Ralf und Sarah ungerührt mit, man habe den Nachbarn Kolpert, einen Arbeitskollege von Sarah und Edith, umgebracht, um etwas gegen die allge- meine Langeweile und Ereignislosigkeit zu tun. Während Architekt Mole diese Eröffnung mit einem Rest bürgerlichen Anstands und choleri- schen Ausbrüchen als schlechten Scherz brand- markt, zeigt seine Frau eher makabre Neugier und geht auf den vermeintlichen Scherz mit der Bemerkung ein, sie habe mit dem seligen Herrn Kolpert im Fahrstuhl kopuliert. Damit beginnt der Abend Dynamik zu entwickeln, denn der jähzornige Bastian reagiert entspre- chend und verprügelt seine Frau. Ralf und Sarah genießen diese temperamentvolle "Unterhaltung" amüsiert, bis - anscheinden aus der als Tisch dienenden Truhe - ein Klopfen ertönt, das den angeblichen Scherz als nackte Wahrheit zu entlarven scheint. Bastian fesselt die Gastgeber ans Fensterkreuz und will die Polizei rufen, als der Pizza-Mann erscheint (Achim Barrenstein) Nun gerät das Geschehen immer mehr aus dem Ruder, mal glaubt man an den Mord, mal glaubt man wieder an einen Scherz, da die Truhe sich als leer erweist. Ralf und Sarah lassen die beiden in einer fürchterlichen Unklar- heit über das wahre Geschehen, beziehen den Pizzamann eher gleichgültig als gezielt in das Programm mit ein und klären nebenbei noch ungerührt die falsche Pizza-Lieferung mit dem Boten ab. Die so unausweichliche wie voyeuris- tisch von den Gastgebern herbeigesehnte Kata- strophe bricht aus, als die Leiche von Herrn Kolpert aus dem Wandschrank fällt.....
Die vier Protagonisten beim "Prominenten-Raten" Durch die Aufdeckung des Mordes werden noch ein paar unangenehme Eingriffe in den natürli- chen Ablauf menschlichen Lebens erforderlich, da jetzt leider zu viele unsichere Mitwisser exi- stieren. Edith, die über Herrn Kolperts Tod gar nicht entsetzt ist und sich damit gegen ihren Mann stellt, wird zu Ralfs und Sarahs Kompli- zin, nicht zuletzt aus Protest gegen ihren chole- rischen und rechthaberischen Mann. So erleben dieser und der Pizzamann das Ende des Stückes nicht mehr lebend.... David Gieselmann karikiert mit seinem Stück die bis zur Skrupellosigkeit erlebnissüchtige Spaßgesellschaft. Zeitungsberichte über Morde, die aus "Neugier" begangen wurden, lassen sein Plot durchaus nicht als schaurige Phantasie erscheinen. Und auch die Tatsache, dass hier ein Akademiker mordet, lässt sich wahrlich nicht als Beweis einer überzogene Fiktion heranziehen. Gnadenlos ziehen Gieselmann und seine beiden Protagonisten das Programm "durch". Der Begriff "Mitleid" ist längst als abgestanden aus dem Wortschatz der "authentischen" Event- Veran- stalters verschwunden. Der Mord rechtfertigt sich aus dem langweiligen Wesen des Opfers, dessen Fehlen eh niemand bedauert hätte. Daher ist sein Ableben als gesellschaftliches Experiment mit Event-Charakter durchaus akzeptabel. Vor allem Ralf geht über das Geschehen selbst und die Angriffe Bastians mit dem schnoddrigen Timbre des über den Dingen stehenden Intellektuellen hinweg, der die Welt aus einer zynischen Überheblichkeit heraus als chaotischen Witz und ethische Maß- stäbe höchstens als belustigende Kinderlieder betrachtet. Sarah folgt ihm eher als Mitläuferin, obwohl auch sie den voyeuristischen Kitzel genießt. Die brave Edith ist eher überwältigt als angewidert von dem plötzlichen Umsturz in ihrem Leben und empfindet die Beteiligung an so einem ungeheuerlichen Vorgang als Befreiung aus einem beengten und unterdrückten Dasein. Einzig der cholerische Bastian versucht verzweifelt, so etwas wie einen Wertekanon aufrecht zu halten, bleibt aber gegen die Phalanx der drei anderen als Opfer auf der Strecke, genauso wie der erschrockene und desorientierte Pizza-Bote, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Gieselmann folgt der alten Weisheit, dass man gesellschaftliche Mißstände nur durch extreme Zuspitzung einigermaßen Erfolg versprechend auf die Bühne bringen kann, d.h. unter Vermeidung freundlichen aber unbetroffenen Beifalls. Also lässt er das Theaterblut in hohen Bögen aus den Körpern spritzen, das (Plastik-) Gedärm aus dem Bauch hängen und die Protagonisten angesichts der enstellten Leichen reihum fröhlich kotzen. Gleich- zeitig muss er den "politisch unkorrekten" Aspekt unbekümmert gezeigten Mordens durch das Mittel der Groteske wieder neutralisieren. Immer wieder kommen auch die schrecklichsten Szenen mit theatralischen Augenzwinkern daher: "Seht, es ist doch nur Theaterblut!". Das gelingt ihm im Prinzip auch, denn das Publikum reagiert mit Lachen anstatt mit Verlassen des Theaters. Doch dieser dramaturgische Kniff erweist sich gleichzeitig als Feigenblatt eines eigentlich schwachen Plots, der nur aus dem Mord aus Langeweile besteht. Während Albees "Woolf"-Drama langsam aber stetig die Lebenslügen zweier Generationen entlarvt und die Protagonisten daran zerbrechen lässt, bleibt die Problematik diesem Stück äußer- lich. Alle vier bleiben bis zum Schluss unver- ändert - soweit sie überleben. Psychologische oder gesellschaftliche Probleme individueller Art kommen hier nicht zur Sprache. In diesem Sinn passt das Stück fataler Weise in den Rahmen des Kritisierten: Man sieht sich im Spiegel, lacht und denunziert die Spaßgesellschaft, aber Rückbezüge auf das je eigene Leben stellen sich nicht ein, weil die Personen mehr als groteske Schablonen einer aus dem Ruder gelaufenen Gesellschaft erscheinen, auch wenn sie im EiInzelnen gut getroffen (und gespielt) sind. Überhaupt ist das Engagement der Schau- spieler hervorzuheben, die aus diesem doch etwas zu kruden und eindimensionalen Stück alles herausholen, was darin stecken mag. Vor allem Jürgen Hartmann überzeugt in sei- nem an Wahnsinn grenzenden zynischen Intellektualismus eines Forschers, der seine Umwelt wie in einem Mikroskop betrachtet, die kleinen Insekten mit Nadeln aufspießt und sich dabei köstlich über das "Chaos" amü- siert. Iris Melamed als gelangweilte und erleb- nishungrige Frau, die sich aus den Katastro- phen der blöden Mitmenschen ihren Anteil an voyeuristischem Genuss holt, steht ihm dabei kaum nach. Franziska Sörensen spielt eine herrlich spießige Ehefrau mit Hornbrille und auf zusammengepressten Beinen umklam- merter Handtasche, um dann durch den Mord zur eiskalten Emanze zu mutieren. Gerhard Hermann schließlich tobt als schlagender und schreiender Choleriker über die Bühne, der mit der verrückten Welt um ihn herum nicht mehr klar kommt. Achim Barrenstein musste für seine Rolle extra das Idiom des sprachlich mittelmäßig angepassten Italieners lernen, während Patrick Degenhardt nur eine schreck- lich zugerichtete Leiche darzustellen hat. |