| Witz und Tempo auf Hessisch |
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Wolfgang Deichsels "Loch im Kopp" im "Vorhang auf"-Theater |
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Witz und Tempo auf Hessisch Wolfgang Deichsels "Loch im Kopp" im "Vorhang auf"-Theater Nach dem erfolgreichen Start des neuen Theater-Ensembles um Sandra Russo mit "Die Wirtin" hat die Truppe jetzt mit Wolfgang Deichsels "Loch im Kopp" ihre zweite Inszenierung auf die Bretter gebracht. Am 7. März präsentierte Sandra Russo als Assistentin von Regisseur Pit Krüger die Mundart-Komödie und bedauerte gleichzeitig heftig, dass für sie in diesem temperamentvollen Stück leider keine passende Rolle zu finden war.
Zur gleichen Zeit scharwenzelt der junge Werner (Mario Krichbaum) um Alberts Frau Julia (Anne Georgio) herum, um über sie an die etwas einfältige Tochter Margarete (Simone Denzel) zu kommen, die er zur Einheirat in die wohl situierte Familie Naube benötigt. Die so resolute wie kräftige Dame des Hauses jedoch vermutet irrtümlicherweise ein erotisches Interesse an ihrer Person und weist dies in geschmeichelter Entrüstung ab. Zu allem Überfluss sieht sich der penible und empfindliche Diener Jean-Baptist ("Schampes") Schroh, gespielt von Eberhard Schick, nicht mehr in der Lage, in diesem chaotischen Haushalt zu verweilen, und kündigt dem verkaterten Hausherrn. Der Hausherrin bringt er statt der aktuellen, für sich selbst reservierten Tageszeitung eine alte Ausgabe. Als Frau Naube aus diesem Blättchen nichts ahnend den Bericht über einen Mord an einer Metzgersfrau mit dem Hinweis auf zwei Männer und verschiedene vermisste Gegenstände wie einen Schuh und einen Zopf vorliest, steht für die beiden Delinquenten fest, dass sie am Vorabend zu Mördern geworden sind. Nun beginnt für die beiden das Martyrium des schlechten Gewissens und des Vertuschens. Verzweifelt versuchen sie, die verräterischen Requisiten verschwinden zu lassen, immer wieder unterbrochen durch physische Folgen des Vorabends wie Darmgrimmen oder Alkoholdepressionen. Dabei kommt es wegen unterschiedlicher Ansichten über die Handlungsalternativen fast zu Tätlichkeiten zwischen den beiden. Der angebliche Arzt Josef entpuppt sich schnell als Koch in einem Gasthaus und möchte sich in einem Anfall von moralischem Katzenjammer der Polizei stellen und die Schuld der ganzen Welt auf sich nehmen. Der pragma- tisch-schlitzohrige Albert jedoch will noch nicht Abschied von seiner bügerlichen Karriere nehmen und setzt die Vernichtungsaktion mit dem eher notgedrungen gehor- chenden Josef fort. Dieser Handlungsstrang wird begleitet von dem eroti- schen Missverständnis zwischen Julia und dem jungen Galan Werner, der kaum noch weiß, wie er sich der plötzlichen Umarmungen der von seinen vermeintlichen Avancen erweichten Hausherrin entziehen soll. Nun reden alle wie in einem kunstvoll komponierten Musikstück aneinander vorbei. Jeder versteht die Aussagen des jeweils anderen in seinem eigenen Sinne, und so wähnen sich Albert und Josef von der Hausfrau durchschaut, diese vom Jüngling geliebt und jener auf dem besten Wege, ein reicher Mann zu werden. In diesen Missverständnissen und doppelbödigen Dialogen liegt der eigentliche Witz der Komödie, und es dauert lange, ehe Albert Naube entdeckt, dass nichts zu entlarven war, und sich und seinen Freund in letzter Sekunde aus einer prekären Lage rettet. Im Gegensatz zu den klassischen Komödien des 19. Jahrhunderts bietet Deichsel hier kein Happy-End. Alles endet offen, das heißt, morgen kann der ganze Spuk wieder von Neuem beginnen. Die ehrwürdigen Protago- nisten sind zwar keine Mörder, werden am nächsten Tag jedoch wieder die Kneipen unsicher machen. Frau Julia schwebt am Ende der Komödie immer noch im vermeint- lichen erotischen Jungbrunnen, und Werner ist seinem eigentlichen Ziel noch kein Stück näher gekommen. Jean-Baptiste nimmt seine Kündigung dank einer ordentlichen Lohnaufbesserung zurück. Kurz - alles bleibt beim Alten. Pit Krüger und Sandra Russo haben die Komödie mit viel Tempo und Witz vor dem Hintergrund eines bürgerlichen Wohnzimmers des 19. Jahrhunderts inszeniert. Die Dialoge sind knapp, die Situationskomik hat Vorrang vor dem Wort, und die Pointen sitzen. Kaum eine Szene, die vom Premierenpublikum nicht mit spontanem Beifall bedacht wurde. Charly Braun brilliert als verschlagener und überlebensstarker Albert Naube sowohl sprachlich - mit echt hessischem Dialekt - als auch gestisch und mimisch. Heinz Harth als sein Kumpan und leicht aus dem Ruder gelaufener Lebenskünstler Josef steht ihm darin kaum nach. Anne Georgio bringt eine wahrhaft imposante Matrone auf die Bühne, die auch gestandenen Ehe- männern Respekt einflößt und doch beim ersten Säuseln eines jungen Mannes dahinschmilzt. Simone Denzel darf als Margarete leider nur das "Dummchen" geben, zieht sich dabei jedoch achtbar aus der Affäre, und Mario Krichbaum legt einen verschmitzten und listigen "Youngster" auf die Bretter, der sich mit Geschick durchs Leben zu mogeln versucht. Eberhard Schick stolziert als "degoutierter" Diener durch die Räume der Herrschaft und spielt nebenher etwas Schicksal oder dreht die Dinge zu seinen Gunsten, ohne dass der Arbeitgeber dessen richtig gewahr wird. Mit dieser gelungenen Inszenierung hat sich die "Vorhang auf"-Truppe wohl endgültig in Darmstadt etabliert, und man darf schon auf die nächste Premiere gespannt sein. Bevor die ansteht, sollten jedoch möglichst viele Freunde der leichten Theaterunterhaltung dieses Stück gesehen haben. Es lohnt sich wirklich! Weitere Vorstellungstermine: |