Poetische Ausleuchtung einer Person

Tanz/Theater Darmstadt mit "Mein Kopf...schwindlig und voller Schreie" - ein Projekt zu Margeruite Duras
Das Tanz/Theater des Staatstheaters Darmstadt unter der Leitung von Birgitta Trommler hat sich in den letzten Jahren einen Ruf für ausgefallene und ausgefeilte Choreografien erworben. Dabei standen des öfteren neben der Darstellung von typischen menschlichen Konflikten immer wieder Biografien bekannter Persönlichkeiten im Mittelpunkt, etwa Ingeborg Bachmann oder Maria Malibran. Die Darstellung einer individuellen Existenz in all ihren Facetten, Zweifeln und Lebenskämpfen scheint dabei eine besondere Faszination auf Birgitta Trommler auszuüben. Mit dem Projekt über die französische Schriftstellerin Margeruite Duras hat sie diese Tradition fortgesetzt.

Margeruite Duras ist in Indochina - dem heutigen Vietnam - geboren und aufgewachsen. Dort hat sie auch wichtige Lebenseindrücke, vor allem auf dem Gebiet der erotischen Beziehungen, gewonnen und in ihren späteren Büchern verarbeitet. Später, in Europa, hatte sie mit wechselnden Beziehungen und vor allem mit dem Alkohol zu kämpfen, den sie selbst als den ständigen Begleiter eines passioniert schreibenden Menschen bezeichnet hat.

Birgitta Trommler lässt zu Beginn Margeruite Duras´ Stimme aus verschiedenen Interviews vom Band ertönen. Fetzen dieser Interviews erscheinen in deutscher Übersetzung als Projektion auf Seiten- und Rückwänden der Bühne. Aus diesem Monolog entwickelt sich dann zögernd eine Art Bewegung - Handlung wäre zu viel gesagt. Männliche und weibliche Figuren bewegen sich in verschiedenen Varianten auf der Bühne, mal schlendernd, mal kriechend, mal starr stehend. Langsam erwachen verschiedene Personen zum Leben, teils Menschen aus Margeruite Duras´ Leben - unter anderem sie selbst - teils als Zitate aus ihren Romanen. Der Übergang aus biografischen und literarischen Elementen ist bewusst fließend gehalten, beide Welten können leicht gegeneinander ausgetauscht werden.

Große Grünpflanzen in Kübeln und eine veritable Regenwand vor der Bühnenrückwand schaffen eine tropische, ja schwüle Atmosphäre. In diesem Umfeld entwickeln sich die menschlichen Beziehungen der Akteure, die nahezu durchgängig erotisch gefärbt sind. Man spürt förmlich die Atmosphäre einer kolonialen Welt mit ihren müßig gehenden und dem sinnlichen Zauber der Tropen erliegenden Vertretern der Kolonialmacht.

In einzelnen, ineinander übergehenden Bildern kreist Brigitta Trommler die Person und das Leben der Margeruite Duras ein. Ihre Bezie- hung zu den beiden so unterschiedlichen Brüdern (Giuseppe und Michele de Filippis), der eine innig und fürsorglich, der andere brutal und provozierend und gerade deshalb in beinahe inzestuöser Weise anziehend für die junge Margeruite. Andere Frauen aus ihrem Lebensumfeld und aus ihren Büchern kommen dazu, seltsame, teilweise unnahbare oder besessene Frauen, immer vom Eros beses- sen oder das Begehren der Männer heraus- fordernd und genießend. Die Morbidität dieser Welt ist nicht zu übersehen, und Margeruite erfährt hier ihre Prägung. Amy Coleman als stets distanzierte Anne-Marie Stretter, die das Geschehen um sich herum nur zu beobachten scheint, ohne jedoch davon loszukommen, und sich doch immer wieder auf ihre Umge- bung einlässt. Eva Müller als eine leiden- schaftliche, Männer und Amouren sammelnde Lol v. Stein. Kurze, leidenschaftliche Bezie- hungen zwischen Männer und Frauen, Wech- sel der erotischen Partner wie in einem Trance-Zustand, ewige Suche nach dem letzten Glück in der erotischen Vereinigung und gleichzeitig die Unfähigkeit zu einer dauerhaften Beziehung: all diese spielt sich zwischen den Personen auf der Bühne ab.

Die Männerfiguren reichen vom verträumt- verklemmten Kolonialbeamten mit seinen erotischen Obsessionen (Rolf Kast) über den sensiblen Homosexuellen, den Durchreisend- en, den beiden Brüdern der Duras bis hin zum sexuell aktiven Macho-Typen. Auch sie schwirren umeinander und um die Frauen herum, verlieben sich, suchen die nächste Beziehung und bleiben wieder einsam - letzt- lich nur Staffage für das Leben der Protago- nistin.

Worte sind selten im Tanz/Theater, wenn auch nicht ausgeschlossen, spielen jedoch eine geringe Rolle. Wenn sie eingesetzt werden, dann weniger zur Erklärung einer Situation wie im klassischen Schauspiel sondern nur als Spiegelbild innerer Zustände, sozusagen als verbaler Schnappschuss des Befindens. Das Meiste spielt sich im tänzerischen und gestischen Ausdruck ab.
Die Musik dazu stammt von Philip Glass, dem Vertreter der "minimal music", bei der kleinste Motive endlos wiederholt werden, nur mit kleinen Änderungen der Phrasierung oder der Instrumenten-Gruppierung. Im Gegensatz zur Oper ist die Musik nicht für eine gegebene Handlungsabfolge geschrieben sondern von der Choreographie aus vorhandenem Material zusammengesetzt worden. Nur für den Counter-Tenor Joaquim Sabaté hat Glass die Musik zielgerichtet komponiert. Dieser Counter-Tenor erscheint als androgyne Bettlerfigur, die durch alle Szenen streift und sie mit ihrem jenseitigen, teilweise ohne jegliche Begleitung vorgetragenen Gesang zusammenklammert.

Und immer wieder ist da Chia-Yin Ling als junge Margeruite Duras. Die Asiaten symbolisiert dabei den Einfluss der indo-chinesischen Kultur auf die europäische Schriftstellerin. Chia-Yin Ling muss dabei viele Verwandlungen und extreme Situation darstellen, von der inzestuösen Bindung an die Brüder bis zur folterartigen Fesselung durch einen Liebhaber. Immer wird die Erotik als eine Gratwan- derung zwischen Leidenschaft und lustvoller Unter- werfung dargestellt, bei der die Grenze zur Verge- waltigung verschwimmt.

Chia-Yin Ling und Guido Markowitz

Bei aller Intensität der Darstellung bleibt jedoch das Problem des übersteigerten Anspruchs. Eine verständliche Rezeption dieser Choreografie setzt eigentlich die Kenntnis des literarischen Werks der Duras voraus, zu vielfältig und subtil sind die Anspielungen. Es fragt sich jedoch, ob man dies von den Zuschauern verlangen kann, zumal Margeruite Duras bereits vor längerer Zeit verstor- ben ist und nicht gerade den "Mainstream" der Weltlitereatur verttitt. So bleibt für viele Zuschauer - und der Rezensent schließt sich da nicht aus - nur der Eindruck an sich, ohne unmittelbaren Bezug auf die Figuren der Romane geschweige denn die Biografie der Autorin. Man ahnt die Verweise, kennt sie aber nicht.

Dennoch bleibt ein tiefer, beinahe poetischer Eindruck von der Persönlichkeit der Margeruite Duras haften. Auch wenn vor allem in der ersten Hälfte einige Längen die Aufmerksam- keit auf die Probe stellten - so ein längerer Monolog des jungen Mann im grünen Jackett an der Bühnenrampe - und Wiederholungen derselben Abläufe das Tempo etwas erlahmen ließen, fand die Choreografie zum Schluss wieder zu mehr Originalität und Spannung zurück. Diese Spannung wurde auch durch die Entscheidung von Birgitta Trommler bewirkt, die Tänzer im Rahmen der vorgegebenen Abläufe spontan über bestimmte Eigenarten oder Situationen einer Person improvisieren zu lassen. Daraus ergab sich eine hoch kon- zentrierte und gleichmäßig auf alle Darsteller verteilte Ensemble-Leistung. Nie hatte man das Gefühl einer Zweiteilung in Stars und Komparsen. Das zeigte sich auch im anschlie- ßenden, lang anhaltenden Beifall, der nahezu alle Beteiligten gleich bedachte. Das Orche- ster, diesmal zweigeteilt links im Vordergrund und im Orchestergraben angesiedelt, und Counter- Tenor Joaquin Sabaté erhielten einen beson- ders kräftigen Applaus für die sehr sensible und doch akzentuierte Interpretation der Musik von Philip Glass

Das Tanz/Theater ist - wenn man dem Bericht über "Theater im Gespräch" glauben darf - beim Publikum immer noch nicht angekom- men. Das nimmt angesichts dieser sehr ausgefeilten und einfühlsamen Choreografie Wunder, und man kann nur hoffen, das diese Produktion die Vorurteile des Abonnement- Publikums abzubauen hilft.