Melancholisches Bandoneon

Astor Piazollas Tango-Oper "Maria de Buenos Aires" in Darmstadt
Milva, der rothaarige Star der siebziger und achtziger Jahre, denkt noch lange nicht an den Ruhestand, und ihre Stimme ist jung wie einst. Am 18. April trat sie in einem Gastspiel im nahezu ausverkauften Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt in Astor Piazollas Musikspektakel "Maria de Buenos Aires" auf. Viele alte und junge Milva-Fans hatten sich zu diesem Ereignis eingefunden und erwarteten einen mitreißenden Tango-Abend.

Astor Piazolla ist der Altmeister des argentinischen Tangos. Er hat dieser Musik, die früher in Argentinien eher als anrüchig galt, zum Durchbruch in den Konzertsälen verholfen. Im Jahre 1968 hat er "Maria de Buenos Aires", eine Mischung aus Ballade, Revue und Kammeroper, auf die Bühne gebracht und damit nicht nur der Stadt Buenos Aires seine Reverenz erwiesen, sondern das Lebensgefühl eines ganzen Landes zum Ausdruck gebracht.

Maria (Milva), die Hauptperson, war Arbeiterin und Prostituierte, bevor sie noch in jungen Jahren starb. Der dämonische El Duende (Daniel Bonilla Torres) erweckt sie wieder zum Leben und lässt sie das ganze Elend noch einmal erleben. Sie lernt den Sänger El Cantor (José Angel Trelles) kennen und verliert durch ihn wieder den Boden unter den Füßen und schließlich ihr Leben. Dazu symbolisiert das tanzende Paar Ricardo Barrios und Marina Fuhr das mal heitere, mal laszive, mal verzweifelte Volk, in dem Maria lebt und stirbt.

Eine direkte Handlung lässt sich kaum ablesen, denn die temperamentvollen Ausbrüche El Duendes, die Lieder El Cantors und Milvas sind alle in Spanisch - ohne "Übertitel", wie bisweilen in der Oper. Man muss sich also die Abläufe aus Wortfetzen, Mimik und Gestik zusammenreimen. Aber das spielt keine Rolle, da es hier weniger um eine Handlung als um die Stimmung einer Gesellschaft geht, für die diese Figuren stellvertretend agieren.

Liebe, Eifersucht, Ausschweifung, Verzweiflung, Resignation und Aufbegehren wechseln sich ab, und unter allen diesen Emotionen spürt man einen stetigen Strom der Melancholie, die sich in der Musik des Orchesters, vor allem des Bandoneons, konzentriert. Wer die Bezeichnung "Ensemble Tangoseis" zu wörtlich genommen hatte und hier zwei Stunden feurige Tango-Musik erwartet hatte, sah sich getäuscht. Zwar spielte die Band auch Tango, aber selbst der war gebrochen und nur der Schatten des üblichen Tanz-Tangos. Das zeigte jedoch gleichzeitig, dass der Tango in Argentinien viel mehr ist als nur flotte, vielleicht etwas laszive Unterhaltungsmusik. Der echte Tango weist eine wesentlich größere Bandbreite an Metrik, Tempo und Harmonik aus, als wir es von der Tanzmusik kennen.

Neben den - relativ seltenen - Tangonummern bietet die Band eine Vielfalt von Musikstilen, bis hin zum latinisierten Walzer. Was sie alle eint, ist die kantige Instrumentalisierung und der Verzicht auf eine "angenehme" weil eingängige Harmonik. Die aus Streichern, Flügel, Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug und - natürlich - Bandoneon bestehende Band spielt eine stark emotionelle, ja eruptive Musik, die nicht unbedingt zum Mitsingen einlädt, aber den zerrissenen Charakter der Volksseele bloßlegt. Konsequent und kompromisslos werden die Violinseiten mit scharfem, kurzem Strich angerissen, quellen verzweifelte Motive aus ihnen hervor. Dazu gibt das Schlagzeug einen zwar südamerikanischen aber durchaus nicht leichtgängigen Rhythmus vor. Die Musik bewegt sich selbst in den langsameren Stücken nie in ruhigem, sprich konventionellem Fahrwasser.

Zu dieser Musik singt Milva mit mächtiger Stimme. In ungebrochener Präsenz zelebriert sie die ausdrucksstarken Lieder, und ihr Alter sieht man ihr - zumindest auf die Entfernung - nicht an.

Dennoch litt der Abend an einigen Schwächen: Da die Texte großen Raum einnahmen, besonders die von "El Duende", standen die Zuschauer vor einem Verständnisproblem, sofern sie nicht gute Spanischkenntnisse besaßen. Damit beschränkte sich die Rezeption auf die Musik und die Atmosphäre. Für Milva-Fans mag dies keine Rolle gespielt haben, auf das Verständnis des Stücks wirkte es sich jedoch negativ aus. Dieser Textschwerpunkt drängte auch die Gesangspartien etwas in den Hintergrund, und so Mancher, der Milvas wegen gekommen war, mag etwas enttäuscht gewesen sein ob ihrer relativ wenigen Gesangsnummern.

Diese Schwächen wirkten sich auch auf den Schlussbeifall aus, erhielt doch Milva durchaus nicht stärkeren Applaus als ihre Kollegen, ja, den meisten Beifall spendeten die Zuschauer anfangs der Band. Damit konnte jedoch Milva nicht leben und lieferte prompt eine "Personality-Show" ab. Als brächte das Publikum ihr "standing ovations", rückte sie ihr Ego nach vorne, eilte an den Bühnenrand, dankte überschwänglich in einem Sprachgemisch diesem "wundervollen" Publikum, klatschte in die Hände, tanzte, und schleuderte die Forderung nach einer Zugabe in Ermangelung entsprechender Zuschauerrufe selbst ins Publikum, um dann diese Zugabe unverzüglich abzuliefern. Dann jedoch versagte das Mikrofon, und den Zuschauer beschlich die Ahnung, dass dies kein Zufall war. Damit erübrigten sich weitere Zugaben, und es blieb bei einem kräftigen, aber nicht frenetischen Schlussapplaus, auch wenn das Publikum zum Schluss Milvas Gestik nachkam und sich zu einer Art Ovation erhob, ohne jedoch in spontanen Beifall auszubrechen.

So gut die Stimme der Milva noch ist und so faszinierend das Orchester gespielt hat, es blieb doch das Manko einer nur in Ansätzen verständlichen Handlung und einer sparsamer als erwartet auftretenden Milva. Vielleicht hatten doch zu viele Besucher die Milva der siebziger Jahre in Erinnerung und wollten diese noch einmal erleben.