Und täglich grüsst Hillary.......

Tanz/Theater von John Moran: "Everyday, Newt Burman"
Wer vor einiger Zeit den Kinofilm "Und täglich grüsst das Murmeltier" gesehen hat und mit dem Protagonisten angesichts der unausweichlichen Wiederkehr ein und desselben Tages Qualen durchlitten hat und vor Mitgefühl schier verzweifelt ist, der weiss schon nach diesem ersten Satz, von welchem Unheil der naive aber liebenswerte Clown Newt Burman heimgesucht wird. Newt plagen Albträume, in denen seine Angebetete Hillary die Hauptrolle spielt: mit der Arroganz und Gefühllosig- keit des verzogenen kleinen Mädchens nutzt sie die Machtposition der Verehrten eiskalt aus. Newt wird vorgeführt, gedemütigt, stellt nicht mehr als ein Spielzeug für die narzistische Hillary dar. Am Ende seiner Kraft will er einfach nur schlafen und verges- sen. Doch die Figuren aus seinen Träumen lassen ihn nicht - hätten sie doch niemanden, an dessen Hilflosigkeit sie sich ergötzen könnten..

DAS ist Theater der Zukunft!

Auch der zweite Akt ist ein Grusel- szenario, ein Hor- rorfilm, der das Publikum gefan- gen nimmt. John Moran hat mit seiner Inszenie- rung erreicht, was viele zuvor vergeb- lich versuchten: er bewirkt beim Betrachter nicht nur distanziertes Amüsement und ein kritisches Urteil, sondern er weckt Emotionen. Seine Inszenierung ist revolutionär:

Moran geht das Wagnis ein, die unterschiedlichs- ten Stilformen der Unterhaltung miteinander zu verknüpfen, indem er alle Möglichkeiten nutzt, die uns die Medien heute bieten. Er verzahnt das klassische Theater mit dem Kino, Balletttänzer mit Comicfiguren, ersetzt das Orchester durch einen Computer - die Vielseitigkeit dieser Aufführung beeindruckt.

So wandelt Newt im ersten Akt durch eine auf eine gigantische Leinwand projizierte Zeichentrickland- schaft; die Requisiten auf der Bühne sehen aus, als

stammten sie von Seite 47, Bild Nr.6 eines abgegriffenen Micky-Maus-Comics. Die Musik variiert von harmonischen, sanften Melodien über düsteres, klanggewaltiges Dröhnen bis hin zu schrägem, acid-lastigen Elektro. Völlig überraschend dann Breaks, in denen Newt die Stimme Donald Ducks annimmt, ein Schep- pern und Quietschen, wie wir es von Bugs Bunny kennen, ein Türklappern wie bei Familie Simpson. Newt verdreifacht sich vor Freude, seine bedrohliche Freundin Hillary vervielfältigt sich, je mächtiger sie auf Newt wirkt. Dem begeisterten, sprachlosen Zu- schauer bleibt nur, der Phantasie John Morans und der Innovation, die er hiermit vollbracht hat, immensen Respekt zu zollen.

Doch nicht nur die großen Effekte, die winzi- gen Details, die plötzlich grosse Wirkung entfalten, machen diese neue Theaterform zu einem beeindruckenden Erlebnis.

Dabei übt Moran auch Kritik an den Auswir- kungen der Medien. So hat der dritte Akt keine Kulisse und nur eine Figur, um diese eindringlicher zu gestalten: ein 14jähriger, geistig retardierter Junge verkümmert vor dem Fernseher, unfähig, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren und sich in der realen Welt zurechtzufinden. Sein Können besteht darin, Szenen aus Nachrichtensendungen, Vor- abendserien und Liebesfilmen täuschend echt nachzuahmen. Genie und Wahnsinn zur gleichen Zeit.

Für das Medienzeitalter bedeutet das Chance und Untergang zur gleichen Zeit.

Wer hinter die offensichtliche Aussage der drei Episoden schaut, erkennt vielleicht, was der Lyriker und Übersetzer von "Everyday, Newt Burman", Christian Filips, als zentrale Elemente dieser Oper beschreibt: die Erinne- rung und - insbesondere im ersten Akt - "die ewige Wiederkehr des ewig Gleichen". Man könnte es eine Hommage an die Erinnerung nennen; einen Aufruf, sich das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Denn wer die Erinnerung als Qual begreift und seinen Ängsten auszuweichen versucht, wird zum leidenden Unmensch.