Ironischer Tanz um die Liebe

Vivaldis Oper "Orlando" in Darmstadt
Bereits Homers "Odyssee" berichtet von der Zau- berin Circe, die allen Männern den Kopf verdrehte und sie dann in Schweine verwandelte. Diese Urangst aller Männer hat sich in späteren Mythen forgesetzt, nur, dass die Angst einflößende Frau dort Alcina heißt und erst einmal die Liebe der Männer genießt, bevor sie sie in Bäume und andere Gegenstände der Natur verwandelt. Nachdem vor einigen Jahren Friedrich Meyer-Oertel in Darmstadt Händels Opernfassung dieses Stoffes,"Alcina", inszeniert hatte, hat sich jetzt Rosamund Gilmore unter Assistenz von Konzertmeister Raoul Grüneis der Variante von Antonio Vivaldi angenommen, die nur zwei Jahrzehnte vor dem Händelschen Werk entstanden ist.

Susanne Reinhard als Alcina und Werner Volker Meyer als Astolfo

Alcina hat Ruggiero mit einem Zaubertrank in Liebe zu ihr entbrennen und seine Geliebte Bradamante vergessen lassen, die ohnmächtig dem Untreuen zusetzt. Zur gleichen Zeit muss sich Angelica der heftigen Liebesschwüre des Draufgängers Orlando erwehren, während sie noch um den in Seenot geratenen Geliebten Medoro zittert. Als sie ihn wieder in ihre Arme schließen darf, beschließt sie, Orlando durch einen gefährlichen Auftrag loszuwer- den. Bradamante gewinnt Ruggieros Gedächtnis und Liebe über den Verlobungsring zurück, und der von der gefährlichen Reise unvermutet heil zurück- gekehrte Orlando muss erkennen, dass Angelica und Medoro ein Paar sind, worüber er verrückt wird. In seiner rasenden Wut raubt er die geheimnisvolle Statue der Alcina und nimmt ihr damit ihre Zauber- kraft. Am Ende fährt Alcina, Verwünschungen aus- stoßend, zu den Furien in die Tiefe, während Orlando, nun von der Liebeswut befreit, in heiterem Wahnsinn dem weiteren Treiben der Liebe zuschaut, das sich in den beiden glücklichen Paaren zu manifestieren scheint. Fazit: nur wer frei von Liebe lebt, lebt wirklich frei.

Man sieht, dieses Libretto bietet keine großen dramatischen Konflikte, die sich auf der Bühne abhandeln ließen. Der Rückgriff auf die Zauberin verweist auf das Irrationale, dem der Mensch mehr oder minder hilflos ausgeliefert ist. Man darf davon ausgehen, dass diese Oper zur Entstehungszeit eher zur Unterhaltung gespielt wurde und die Aufführungen im Großen und Ganzen aus der Präsentation der einzelnen Arien bestanden.

Eine frontale Darbietung aneinander gereihter Arien kann man heute jedoch keinem Opern- publikum mehr zumuten, und so hatte sich Rosamund Gilmore Einiges einfallen lassen, um diesem Werk neues Leben einzuhauchen.

Susanne Heubach als Statue und Hand-Christoph Begemann als Orlando

Erst einmal wurde das Orchester in die Hand- lung "rückintegriert", das heißt, der Orchester- graben wurde auf nahezu Bühnenhöhe ange- hoben, so dass die Musiker des sparsam besetzten Orchesters mit den Darstellern auf der Bühne eine Einheit bildeten. Da die Hand- lung auf der Bühne keinen Ausschließlich- keitsanspruch stellt und auch keine beson- ders hohe Aufmerksamkeit des Publikums verlangt, kann das Orchester auch keine ablenkende Wirkung ausüben. Durch die optische Einbeziehung ins Geschehen erhält die Aufführung dagegen in gewisser Weise einen "familiären" Charakter, so wie bei einer halb privaten Aufführung "bei Hofe".

Die Szenen auf der Bühne hat Rosamund Gilmore mit einer allgegenwärtigen, humor- vollen Ironie unterlegt. Alcina kommt hier nicht als bäsartige Zauberin daher, die sich willfäh- rige Liebssklaven schafft, sondern sie umgarnt die Männer leicht und frivol, rückt ihnen auf den Pelz und beraubt sie ihrer männlichen Attribute, will sagen ihrer Waffen. Sowohl Medoro als auch Orlando kommen als kriege- rische Helden mit Degen und Schulterholster - es lebe der Anachronismus! - auf die Bühne und enden waffenlos, in eine Gärtnerschürze gewandet. Astolfo, der so vertrottelte wie in Alcina verliebte Vetter Orlandos, trägt als Einziger zu einer mehr als biederen Gärtner- tracht während des ganzen Stücks einen Stahlhelm - als ironischen Verweis auf die Lächerlichkeit des Kriegerischen. Er versorgt brav all die Topfpflanzen auf der Bühne, Alcinas einstige Liebhaber.

Die Männer kommen wieder einmal nicht gut weg: Alfosto zählt nicht, Orlando ist ein so ungestümer wie blindwütiger und ahnungs- loser Draufgänger, der sich blindlings in jedes Abenteuer stürzt und nur durch Glück über- lebt, Medoro ein eher hilfloser Liebhaber, der mit der Konkurrenz Orlandos nicht fertig wird und sich ganz auf die Planungen seiner Braut Angelica verlässt. Ruggiero ist ein leicht zu verführendes Opfer, das sich kindisch über seine Rettung vom Zauber freut. Die Frauen dagegen lenken das Spiel, Alcina als allen anderen Frauen gefährliche Verführerin, Bradamante als resolute Geliebte, die ihren Ruggiero in ihrem Zorn verbal und tätlich für seine Untreue abstraft, und Angelica, die schlaue Pläne schmiedet, um Orlando loszu- werden.

Mag sein, dass sich in dieser Darstellung schon damals die Auffassung niederschlug, die Männer seien in der Auseinandersetzung der Geschlechter die Unterlegenen, da sie den geschickten Schachzügen der Frauen nicht gewachsen seien. An dieser Ansicht hätte sich dann jedenfalls bis heute wenig geändert.

Neben der humoristisch-ironischen Anlage der Per- sonen hat Gilmore auch die szenische Darstellung phantasievoll aufgelockert. Nahezu jede Szene wird tänzerisch dargestellt oder zumindest untermalt, so wenn Alcina anfangs Ruggiero umgarnt oder wenn Bradamante den selben Ruggiero straft, wenn Orlando um Angelica buhlt oder später Ruggiero und Bradamante wieder zusammen führt. Diese Tänze sind jedoch weniger ballettös sondern erin- nern eher an Breakdance oder leicht verballhornte Menuette. Fast möchte man dazu die üblichen Tanzanweisung "vor-vor-Seitschritt-an" zitieren. Die Anlehnung an eher einfache Tanzformen der Gegenwart verstärkt den ironischen Effekt, ohne dabei satirisch oder gar karikierend zu wirken. Die scheinbare Diskrepanz zwischen Thema und Tanz wirkt einfach witzig und erntete bei der Premiere auch entsprechend viele Lacher.

Kostüme und Bühnenbild unterstützen diese Wir- kung durch viel Farbentfaltung und -symbolik. Alcina erscheint in einem zeitlosen lila Gewand, und bei ihren großen Auftritten färbt sich die Büh- nenwand in der gleichen Farbe ein. Bradamente kommt in Hoffnungsgrün, währende Angelica in Liebe signalisierendes Rot gekleidet ist. Und immer gleicht sich die Bühnenbeleuchtung dieser Farbe an. Ebenso bei den Männern, wenn der heroisch sich gebärdende Medoro in strahlendes Heldengelb getaucht ist. Auch diese Farbwirkung trägt deutlich ironische Züge und übt dabei eine starke optische Wirkung aus.

Die Darsteller identifizieren sich offensichtlich vollständig mit dieser Inszenierung, sind sie doch mit wahrer Begeisterung bei der Sache. Susanne Reinhard spielt eine erotisch-frivole, durchaus nicht

unsympathische Alcina, die zum Schluss sogar Mitleid ob ihres Macht- und Liebesver- lusts weckt. Auch stimmlich überzeugt sie sowohl in den furiosen wie in den lyrischen Szenen. Lauren Francis als Angelica beein- druckt vor allem durch ihre lyrischen Interpre- tationen und Katrin Gerstenberger spielt eine kraftvolle und selbstbewusste Bradamante, die sich nicht so leicht den Mann wegnehmen lässt.

Bei den Männerrollen hat Hans Christoph Begemann mit dem Orlando eine Paraderolle zu bewältigen, was er mit offensichtlicher Lust tut. Vom großsspurigen Aufschneider über den rasenden Betrogenen bis zum still ver- gnügten Wahnsinnigen spielte er jede Rolle mit Verve und vollem Einsatz. Stimmlich brillierte er trotz einiger Versuche im Bass vor allem in seinem gewohnten Bariton. Arno Raunig legte als Ruggiero eine fehlerlose Countertenor-Partie hin und überraschte die Zuschauer nach der Errettung durch Bradamante noch mit einem Fußbad und einem waschechten Schuhplattler. Da mögen einige Barockpuristen durchaus schockiert gewesen sein, den meisten jedoch hat´s gefallen. Auch Andreas Wagner entdeckte diesmal als Medoro sein komödiantisches Talent und karikierte das falsche Heldentum der Männer mit viel Witz und Ironie und kam auch stimmlich gut zur Geltung. Werner Volker Meyer entlockte dem Pubikum mit seiner Version des trottligen Astolfo so man- chen Lacher und brachte auch die traurige Verliebtheit dieses armen Kerls gut zum Aus- druck.

Bleibt noch zu erwähnen, dass einige kleinere Pannen die Premiere anreicherten, so wenn sich der Vorhang beim langsamen Vorspiel des Orchesters mit Geklapper hebt, wenn mitten in der Szene ein Blumenkübel umfällt, wenn Alcina es erst im dritten Versuch schafft, Orlandos Schürze zu schließen oder zwischendurch ihre Schnürsenkel binden muss. Doch das sind eher Kleinigkeiten, die man fast als inzenierte Apercus werten könnte, die dem Ganzen das i-Tüpfelchen der Ironie aufsetzen sollen.

Das Publikum dankte allen Beteiligten mit geradezu begeistertem Beifall für diese gelungene und sehr kurzweilige - weil auch kürzere - Aufführung.