Schöne Stimmen und "süffige" Musik

George Bizets "Perlenfischer" als konzertante Aufführun
Jedes Jahr präsentiert das Darmstädter Staatsthea- ter eine konzertante Opern-Inszenierung, das heißt "Musik pur" ohne jegliches Bühnengeschehen. Im letzten Jahr war es Wagners "Walküren", in dieser Saison George Bizets Melodram um Freundschaft, Liebe, Eifersucht und Verzicht. Bei der Entschei- dung für eine konzertante Aufführung spielen die Kosten sicherlich eine wesentliche Rolle, aber auch die Frage der Spielbarkeit.

George Bizet als Perlenfischer (Karikatur um 1865)

Bei den "Perlenfischern" dürfte Letzteres im Vorder- grund gestanden haben, denn das Libretto ist ziem- lich unlogisch und kommt der Grenze zum Kitsch gefährlich nahe, wobei jedoch der Witz und die Pracht der ebenso krausen "Zauberflöte" fehlen.

Worum geht es hier? Die zwei jungen Ceylonesi- schen Perlenfischer Nadir und Zurga schwören sich am Vorabend des rituellen Beginns der Perlensai- son ewige Freundschaft, nachdem sie sich einst wegen der schönen Priesterin Leila als Rivalen gegenüber gestanden hatten. Eine verschleierte, keusche Priesterin von außerhalb soll eine Nacht lang den Segen des Himmels für die Perlenfischer erflehen und darf dabei von niemandem gestört werden. Natürlich ist die Geheimnisvolle niemand anders als Leila, und Nadir erkennt sie sofort an der Stimme. Nachts kommt er zu ihr auf die einsame Klippe, und sie gestehen sich gegenseitig ihre Liebe. Als der Oberpriester Nourabad sie entdeckt, sind beide dem Tode geweiht. Zurga, den die Fischer zum Anführer gewählt haben. möchte sei- nen Freund schonen und die beiden laufen lassen. Als man der Frau jedoch den Schleier vom Gesicht reißt, erkennt er Leila und verurteilt aus Hass und Eifersucht beide zum Tod auf dem Scheiterhaufen bei Sonnenaufgang. Als ihm Leila für ihre Mutter eine Kette übergibt, die sie einst von einem Manne erhalten hatte, dem sie mutig das Leben gerettet hatte, erkennt Zurga seine Kette, zündet zur Ablen- kung die Fischerhütten an und lässt die beiden Lie- benden fliehen.

Soweit das Libretto, das dem jungen Bizet zur Vertonung vorgelegt wurde, ohne dass er einen Einfluss auf den Inhalt gehabt hätte. Also unterlegte er die konstruierte Handlung mit einer intensiven, streckenweise rauschhaften Musik. Den Sängern, vor allem Leila (Mary Anne Kruger) und Nadir (Andreas Wagner) eröffnet Bizet die Möglichkeit, mit ihrem Können zu brillieren, gesteht er ihnen doch ausgedehnte und effektvolle Arien zu. Darüber hinaus illustriert er das Geschehen mit sinfonischen Elementen. Die Nachtszene auf dem Felsplateau ist ein leuchtendes Beispiel, wie man im 19. Jahr- hundert "politisch korrekt" die erotische Ekstase darstellte.

Formal als Darstellung eines aufkommenden Sturmes apostrophiert, erzählt die Musik an dieser Stelle in Wahrheit von der Leidenschaft der beiden jungen Leute, die man angesichts des religiösen Hintergrunds und der damaligen Prüderie direkter nicht hätte darstellen kön- nen. Doch der Zufall eines plötzlich aufkom- menden ("Deus ex machina") verweist auf den wahren Hintergrund.

Mit seiner Musik versuchte Bizet, die innere Verfassung der Personen widerzugeben. Er konnte sich in die Situation der einzelnen Rollen versetzen und aus dieser Sicht heraus musikalisch interpretieren. Seine Musik wirkt impulsiv und direkt, selten über den Kopf und meist über das Herz gesteuert. Das ermög- licht ihm besonders eindringliche Passagen, so wenn Leila und Nadir sich ihre Liebe geste- hen oder wenn Leila selbstlos von Zurga das Leben Nadirs erfleht. Die konservativeren Zeit- genossen warfen ihm ungewöhnliche Harmo- nik vor, mit ein Grund, weshalb die Oper nach der Uraufführung mehr oder weniger in der Ver- senkung verschwand. Für heutige Ohren, die Webern und Schönberg gewohnt sind, klingt Bizets Muisk jedoch in keiner Weise harmo- nisch gewöhnungsbedürftig. Bereits Richard Strauss war hier bereits deutlich weiter.

Allerdings fehlt bei dieser Oper der große musikalische Bogen, der auch in einer konzer- tanten Aufführung die Spannung bis zum letzten Augenblick aufrecht erhält. Obwohl für diese Aufführung exzellente Sänger auf der Bühne standen, wirkt die Konzertversion eher wie eine Sammlung "schöner Stimmen", wie man sie vom Wunschkonzert am Sonntag Nachmittag kennt. Das liegt jedoch weniger an den Musikern oder Solisten als vielmehr an der Gesamtstruktur der Oper. Und hier drängt sich zum Schluss wieder der Vergleich zur Walküre aus dem Jahr 2000 auf. Waren die Zuhörer dort bis zum letzten Ton förmlich gebannt und in den Sog der Wagner-Musik ezogen, auch wenn die Sänger in normaler Abendgarderobe auftraten, so genoss man hier die schönen Melodien und die gekonnte Darbietung der Gesangspartien. Und daran mangelte es wahrlich nicht. Anne Mary Kruger glänzte als Leila nicht nur durch eine bis in die höchsten Lagen klare und ausdrucksvolle Stimme, sondern konnte auch viel von der seelischen Verfassung der Protagonistin vermitteln. Der Tenor Andreas Wagner stand ihr als Nadir kaum nach, kraftvoll vor allem in den höheren Lagen und mit viel Temperament. Anton Keremiedtchiev glänzte als Zurga mit einem voll tönenden Bariton und sicherer Stimmführung. Hans-Joachim Porcher hatte diesmal den kleinsten Part, doch sein kräftiger Bass rundete das Stimmbild des Quartetts harmonisch ab.

Franz Brochhagen dirigiert das Orchester und den von André Weiss wie üblich sehr gut ein- gestellten Chor mit viel Übersicht und Routine und sorgt damit für die Basis eines gelunge- nen musikalischen Abends. Das Publikum dankte den Künstlern mit lang anhaltendem Beifall. Leider waren bei dieser zweiten Auf- führung die Ränge nur spärlich besetzt, da am selben Abend das Fussballspiel gegen die Ukraine lief. Gegen Fussball hat die Oper denn doch schlechte Karten....