Die Faszination des Mörders

Bernard-Marie Koltès´ "Roberto Zucco" in Darmstadt
Karl-Heinz Stockhausen hat nach dem Attentat am 11. September den Zusammenbruch des World Trade Centers ein "Kunstwerk" genannt und damit den einhelligen Protest der deutschen Öffentlichkeit bis hin zum Aufführungsboykott geerntet. Obwohl nicht abzustreiten ist, dass der Einsturz der Türme einen faszinierenden Eindruck mit einer gewissen ästhetischen Wirkung entfaltete, hat Stockhausen mit diesem Ausspruch, den er angeblich nicht so gemeint hat, ein wesentliches Tabu verletzt. An den anonymen Tod in dieser Dimension darf man ein- fach keine ästhetischen Maßstäbe anlegen, obwohl die Groteske über den Tod eines einzelnen Unbe- kannten in Literatur und Theater durchaus üblich ist. Stockhausen zeigt damit jedoch exemplarisch, das Künstler sich mit ihren Äußerungen, seien sie kunst-immanent oder verbal, immer wieder über die Grenzen des allgemein Verbindlichen hinweg setzen. Damit üben sie ihre ureigenste Aufgabe des provozierenden Tabubruchs aus, der jedoch meist als Bumerang auf sie zurückfällt.


Der Autor Bernard-Marie Koltès

Der französische Autor Bernard-Marie Koltès, 1989 im Alter von 41 Jahren gestorben, hat sich ebenfalls auf "politisch inkorrekte" Weise mit dem Verbre- chen beschäftigt. Im Jahre 1988 ließ er sich von dem jungen Roberto Succo faszinieren, der nach dem Mord an seinem Vater aus dem Gefängnis ausbrach, von dessen Dach aus die Welt beschimpfte und vor seinem späteren Selbstmord noch weitere scheinbar unmotivierte Morde beging. Für Koltès präsentierte Succo den "reinen" Mörder, den keine niederen Motive wie Habgier oder Eifer- sucht zur Tat treiben, sondern der aus einer inneren Notwendigkeit heraus mordet, die Koltès in seinem Stück "Roberto Zucco" nachzuvollziehen versucht.

Koltès vermeidet in seinem Stück ausdrücklich, die Tatmotive zu entschlüsseln und eine gesellschaft- lich verständliche wenn auch nicht akzeptable Erklärung zu finden, wie es die meisten gesell- schaftskritischen Theaterstücke zu tun pflegen. Ihm geht es um die Innenwelt des Mörders. Gerade an diesem extremen Beispiel glaubt er am besten darstellen zu können, das der überwiegende Teil des menschlichen Lebens im Inneren abläuft und nie an die Außenwelt gelangt. Was ein Mensch von sich nach außen lässt, ist nur der Blick durch ein kleines Fenster in ein weitgehend monadisches Dasein. In den meisten Fällen - selbst bei Verbre- chern - ist die Außendarstellung eines Menschen in sich geschlossen und konsistent, da dieser sich bemüht, ein der Gesellschaft vermittelbares Bild abzugeben. Das gilt in besonderem Maße für den Verbrecher, der in den meisten Fällen mit seiner Tat nichts anderes bezweckt, als gesellschaftlich erstrebenswerte Ziele zu errichen: Reichtum, Aner- kenntnis, Rache.....

Doch in einigen Fällen verzichtet der Täter auf diese kongruente Selbstdarstellung, erhebt sich aus eigener Mcht über alle Gesetze sei- ner Umwelt und wird, wie Koltès es ausdrückt, quasi zu einem "antiken Held", einem in sei- ner Schrecklichkeit wahrhaft authentischen Wesen.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass sich ein Künstler mit dieser Sicht auf Individuum und Gesellschaft auf einen äußerst schmalen Grat der Akzeptanz begibt. Die Gesellschaft kann nicht akzeptieren, dass ein Serienmörder zum Helden stilisiert wird. Andererseits hält Koltès eben dieser Gesellschaft ihre Doppelmoral vor, die zum Beispiel die staatlich verordnete Tötung absegnet oder den alltäglichen Tod auf der Straße durch aggressive Autofahrer als "Kollateralschäden" hinnimmt. Wenn er sich auch mit dieser Argumentation wiederum in gefährliches Fahrwasser begibt, bleibt den- noch seine weitgehend wertfreie künstlerische Beschäftigung mit dem Innenleben des Massenmörders ein Sachverhalt, mit dem sich Theater und Zuschauer auseinandersetzen müssen. Hier erst zeigt sich, wozu Theater dient und wozu es fähig ist, im Extremen, Unerträglichen, nicht im rein Unterhaltenden oder Grotesk-Satirischen.

Die Regisseurin Bernarda Horres muss sich dieser auch für die Inszenierung gefährlichen Gratwanderung bewusst gewesen sein und hat das Stück von vornherein unter Verzicht auf eine klar gegliederte und nachvollziehbare Handlung gestaltet. Sie wollte auf jeden Fall vermeiden, die spannende Geschichte eines Mörders mit "Action", Hetzjagd und abschlie- ßendem "Showdown" zu erzählen. Daher abstrahierte sie die Handlungselemente zu archetypischen Szenen mit eher allegori- schem und streckenweise nahezu mytischem Charakter.

Außerdem ging es ihr darum, die Zuschauer von vornherein in die Situation einzubeziehen. Statt wie üblich die Sitze einzunehmen, mussten sich die Premierenbesucher durch den Seiteneingang auf die Bühne begeben, wo sich der Vorhang auf einen kaltblaßblau aus- geleuchteten Zuschauerraum öffnete. Während zwei Gefängnisaufseher (Christian Wirmer und Gerhard Herrmann) durch die in ihrer Befangenheit alberne Sprüche abson- dernden Zuschauer streiften und über das Innenleben eines Mörders philiosophierten, sah man auf dem Rang einen jungen Mann den Ausbruch aus dem Gefängnis darstellen: eine Zeitlupen-Pantomime quer über den ganzen Zuschauerraum. Als er sich an der anderen Seite abseilte, fiel der Vorgang und das Publikum wurde in die Pause entlassen.

Und hier liegt der erste Fehler der Inszenie- rung: diese Pause kam zu früh und führte die Zuschauer aus der beklemmenden Gefängnis- Atmosphäre zu Sekt und Häppchen. Schnell hatte man sich am Stehtisch zum Small-Talk gefunden, vor allem, da außer der seltsamen Beklemmung auf der Bühne nichts Greifbares vorgefallen war. Man hätte die Zuschauer nahtlos von der Bühne auf ihre Sitze entlassen und auf der Bühne mit der Aufführung begin- nen sollen, um die Atmosphäre nicht aufzu- brechen.


Szenenbild mit Inspektor und Mädchen

Bernarda Horres jedoch ließ die Zuschauer sich entspannen und lud nach 20 Minuten zur klassi- schen Aufstellung "hie Publikum - hie Bühne". Eine am Bühnenhimmel aufgehängte, erhöhte Stahlrost- Plattform, mit senkrechten Seilen in vier zum Zuschauerraum sich öffnende Gassen unterteilt, präsentierte sich dem Publikum als Spielebene - eine in sich geschlossene Behausung, quasi ein Gefängnis, in dem alle Agierenden gefangen sind. Alle Darsteller sind von Anfang an präsent, entwe- der auf dieser spartanischen Bühne oder an deren Rand mit abgewandtem Gesicht sitzend. Die Symbolik ist klar - wir können diesem Leben nicht entrinnen, sind in ihm gefangen wie in einem Gefängnis und müssen miteinander auskommen oder darin umkommen.

Auf diesem kargen Boden spielt sich die Handlung so ab, wie der Delinquent sie aus seiner Sicht empfinden könnte. Die Handlung besteht nicht aus der Abfolge von Aktionen sondern aus inneren Zuständen, die sich aus einer gegebenen Aus- gangssituation langsam entwickeln und bis zur Unerträglichkeit steigern. Stets endet diese Uner- träglichkeit mit dem gewaltsamen Tod einer der Personen, die der subjektiven Entfaltung des Täters entgegenstehen. Wenn er zu Beginn aus dem Gefängnis zur Mutter zurückkehrt und eindringlich sein Drillichzeug verlangt, das ihm ein Stück Identi- tät verleiht - man denke an die Bedeutung von Klei- dungsstücken für junge Leute - dann führt die brüske Ablehnung und Verweisung des Sohnes wegen des Mordes am Vater geradezu zwangsläu- fig zum nächsten Mord. An dieser Stelle führt Markus Frank als Roberto mit beängstigender Eindringlichkeit die Not des jungen Mannes vor, der im nivellierenden Gefängnis all seine Wunschvor- stellungen auf das identitätsstiftende Kleidungs- stück reduziert hat und jetzt mit der Enttäuschung nicht fertig wird.

Wenn er anschließend das junge Mädchen (Susanne Burkhard) brutal vergewaltigt, ist das für ihn wie eine Befreiung von seiner Beklemmung, für die Schwester des Mädchens (Janina Sachau) dagegen das größtmögliche Unglück. In ritualisier- ten Beschwörungen versucht sie die Schwester vor dem Leben zu retten, diese jedoch sucht den Vergewaltiger wie einen Geliebten. Eine weitere Metapher, die auf die oftmals intime Nähe zwischen Täter und Opfer verweist - z.B. bei Geiselnahmen.

Von hier an jedoch beginnt das Stück den Faden zu verlieren, da statt einer Entwicklung nur Episo- den aneinander gefügt werden. Die Prostuierte mit dem Domina-Charme (Franziska Sörensen) beleuchtet ebenso eine Facette im Leben des jungen Mannes wie die elegante Dame, die sich ihm aus Langeweile und Sensationssucht an den Hals wirft und dessen halbwüchsigen Sohn Roberto schließlich umbringt.

Beide Szenen stehen jedoch in keinem inneren Zusammenhang, schon gar nicht in einem zwingendem. Wollte Bernarda Horres bewusst auf eine nachvollziehbare Handlung verzichten, um dem Apologie-Verdacht aus dem Wege zu gehen, so zahlt sie den Preis von nur atmosphärischen Szenen, die dem Stück keinen anderen Impuls als den momen- tanen Reiz verleihen. Zwar rast Roberto einmal mehrere Runden ums Geviert wie auf einer Flucht vor seinen Verfolgern, aber auch das kann über den Hinweischarakter hinaus wenig zum wirklichen Fortgang des Stücks beitra- gen. Das gilt ebenso für die Auseinander- setzung mit dem Inspektor, der selbst eher wie ein Trunkener wirkt, seiner Aufgabe über- drüssig ist und sie mit beißender Ironie bedenkt. Am Ende stirbt auch er in einem geradezu homoerotischen Zweikampf.


Fahnungsbild des echten Roberto Zucco

Das Ende des Roberto Zucco naht zwangs- läufig, nachdem er fast alle ihm nahe und entgegen Stehenden umgebracht hat. In der Realität bringt er sich um, hier stirbt er als Gekreuzigter vor der sich aufrichtenden Platt- form, vor gleißenden Scheinwerfern: eine mehr als gewagte Interpretation, die das Recht zum Tabubruch bis zum Äußersten in Anspruch nimmt. Das säkularisierte Publikum nahm dennoch keinen Anstoß daran.

Dafür hatte sich der Zuschauerrraum schon während der Aufführung "entschlackt". Nach- dem schon viele nach der unkonventionellen Einleitung eine andere Abendgestaltung vorgezogen hatten, leerten sich die Ränge bis kurz vor Schluss langsam aber stetig, so dass bis zum Schluss nur ein "harter Kern" blieb, der gewillt war, diesem Theater-Experiment zu folgen. Wenn auch einige unnötige Längen, vor allem in der Mitte, die Geduld der Zuschauer stark beanspruchten, lohnte sich das Bleiben doch. Gerade die kontroverse Aussage und eine Inszenierung, die das Innere des Anti-Helden mit allen dramaturgi- schen Mittel nach außen kehrt, macht diese Inszenierung sehenswert. Unterhaltung und Erbauung findet man hier nicht, Anweisungen zur Lebensführung auch nicht. Im besten Falle verlässt man das Theater verstört. Aber ist das nicht eine der Hauptaufgaben dieser Institution???

Das verbliebene Premieren-Publikum dankte den Darstellern mit freundlichem Beifall und der Regie mit einem Gemisch aus Beifall und kräftigen "Buh"-Rufen.