Die Illusion der zweiten Chance

Jean-Paul Sartres "Das Spiel ist aus" im Kleinen Haus
Der Begriff des "Wiedergängers" lässt sich durch- aus auch auf den literarischen und vor allem theat- ralischen Bereich ausdehnen. Ähnlich den wieder- kehrenden literarischen Renaissance-Wellen erle- ben von Zeit zu Zeit auch Theater-Autoren und ihre Stücke eine zweite Blüte. Dies gilt in Darmstadt nach den Russen Turgenjew und Tcheschow im letzten Jahr jetzt auch für den französischen Philosophen und Dramatiker Jean-Paul Sartre. Nachdem im letzten Jahr die klaustrophobische "Geschlossene Gesellschaft" das beklemmende Bild einer verlorenen menschlichen Gemeinde vermittelte, hat das Schauspiel die laufende Saison mit "Das Spiel ist aus" eröffnet.


Till Sterzenbach, Susanne Burkhard und Nicole Averkamp

Dieses Werk des streitbaren französischen Philo- sophen und frühen Marxisten unterscheidet sich von seinen anderen Bühnenstücken dadurch, dass die politischen Aspekte eher den Hintergrund für eine private Farce mit tragischer Färbung bilden. Die revolutionären Ereignisse erscheinen hier eher wie naturgegebene Ereignisse, die im Wechsel der Generationen kommen und gehen, als dass sie einem Fanal gleich die Handlung vorantreiben.

Pierre Dumaine (Axel Holst) führt in einer fiktiven Diktatur eine revolutionäre Gruppe an, die den Um- sturz plant. Der Tag der Revolte steht unmittelbar bevor, als der junge Lucien ihm berichtet, dass die Miliz ihn gefoltert habe, er aber so gut wie nichts gestanden habe. Als Pierre den offensichtlich feigen und verlogenen Lucien schlägt, schwört dieser Rache und erschießt ihn aus dem Hinterhalt.

Zur gleichen Zeit - und auf der Bühne in verschränk- ten Kurzszenen - vergiftet der Miliz-Sekretär

André Charlier(Till Sterzenbach) seine schwer- kranke Ehefrau Eve (Nicole Averkamp), um sich nach ihrer Mitgift auch noch ihrer jünge- ren Schwester Lucette zu bemächtigen, die eine ausgeprägte Schwäche für die erotische Wirkung der Macht zeigt.


"Unterwelt-Sekretärin" Harriet Kracht

In den folgenden Szenen erstehen die beiden Toten scheinbar wieder auf und irren als unsichtbare Geister unter den Lebenden umher, ehe sie bemerken, dass diese sie nicht mehr wahrnehmen können. Dabei müssen sie zu Ihrem Erstaunen die wahren Emotionen ihrer Hinterbliebenen zur Kenntnis nehmen....

Bald jedoch müssen die beiden im wahrsten Sinn des Wortes "Verschiedenen" vor den Autoritäten der Unterwelt erscheinen, die sich in Gestalt der kaltschnäuzigen Unterweltsekretärin Barbezat (Harriet Kracht) um die Neuankömmlinge kümmern.

Mit einer Mischung aus Sarkasmus und rauhem Mitleid begrüßt sie die frischen Toten und weist sie in die Sitten des Schattenreiches ein. Sie kennt die Klagen über die Ungerechtigkeit der Oberwelt, ist sie doch selbst von ihrem Geliebten einst vom hoch gelegenen Balkon ins Nichts herabgestoßen wor- den, hat sich jedoch in der Ewigkeit mit einer gehö- rigen Portion schwarzen Humors eingerichtet. Neben ihr beleben seltsame Gestalten aus ver- schiedenen Jahrhunderten die Welt der Dahinge- schiedenen, unter anderen der auch im Jenseits noch von bleicher Erotik und philosphischem Zynis- mus angetriebene Greis aus dem 18. Jahrhundert (Klaus Ziemann), der sein Leben einst unter dem Galgen aushauchte.

Hier, im Jenseits, lernen sich Eve und Pierre nicht nur kennen sondern erfahren, dass sie im Leben füreinander bestimmt waren, während dort die Intrigen und Machtkämpfe weitergehen. Eve muss bei ihren unsichtbaren Wanderungen durch ihr Haus feststellen, dass sich ihr mörderischer Mann an ihrem eigenen Totenbett mit der erotisch elektri- sierten Lucette vergnügt, während Pierre erfahren muss, dass der von ihm zu recht verdächtigte Lucien ihn erschossen hat.


Axel Holst und Nicole Averkamp

Außerdem erfährt er dank seiner Unsichtbar- keit im Hause des Regenten, dass dieser die Umsturzpläne dank Lucien im Detail kennt und nur auf den Putsch wartet, um alle Betei- ligten liquidieren zu können.

Als Madame Barbezat - von der Stimme des Unterwelt-"Direktors" aus dem "Off" darauf hingewiesen - den beiden frisch verliebten Toten erklärt, sie erhielten eine zweite Chance im Leben und könnten dies bis an ihr natürli- ches Ende fortsetzen, falls sie dort für nur 24 Stunden ihrer Liebe treu bleiben könnten, willi- gen diese spontan ein und werden daraufhin beide - ohne den Verlust ihrer Erinnerung an die Erfahrungen in der Unterwelt - in den Moment ihres Todes zurück versetzt. Pierres angeblich tödliche Schussverletzung erweist sich als Streifschutz, und Eve erwacht wie durch ein Wunder gesundet aus dem Vergif- tungskrampf.

Doch anstatt sich anschließend ausschließ- lich um einander zu kümmern, werfen sie sich umgehend in ihre alten Verhältnisse, um diese zu bereinigen. Beide nutzen ihre Kenntnisse aus dem Jenseits, um die Lebenden vor dem Verderben zu bewahren. Doch beide ernten sie keine Dankbarkeit: Lucette glaubt Eve die Entlarvung von Andrés meuchlerischen Absichten nicht und bezichtigt sie des Neids und der Eifersucht, Pierre muss erkennen, dass sein Nachfolger Dixonne (Markus Frank) seinen vermeintlichen Tod bereits für die Usur- pation der Führerrolle genutzt hat und die Revolutionäre mit allen Mitteln gegen ihn aus- spielt. Verzweifelt versuchen beide, sowohl ihre eigene Liebe als auch ihre uneinsichtigen Mitmenschen zu retten, nur um schließlich an beidem zu scheitern. Pierre versäumt bei dem Versuch, seine Freunde zu retten, die letzte Frist, um den Bund mit Eve auf Erden zu besiegeln, und so treffen sich beide in der Gesellschaft der von der Miliz wie geplant liquidierten Revolutionäre in der Unterwelt wieder.

Dann jedoch erscheint ein junges, zu früh ver- storbenes Pärchen, das sich bei den beiden Unglücklichen nach den Voraussetzungen für einen zweiten Versuch erkundigt.......

Regisseur Michael Gruner hat diese im Grunde tief pessimistische Allegorie über die Unmöglichkeit einer zweiten Chance im Leben eher als Tragik- Komödie angelegt, deren so unvermeidbar dem Untergang entgegen eilende Handlung durch viele französische Songs von Harriet Kracht über Leben und Liebe aufgelockert wird. Sie stellt in gewisser Sicht die Person einer externen Berichterstatterin dar, die das menschliche Leben und Streben aus der bitteren Erfahrung eines ewigen Lebens kom- mentiert. Dabei übermannt sie immer wieder das Mitleid mit der stets vergeblich strebenden Kreatur.

Gesellschaftliche Prozesse werden hier verwoben mit der Suche nach privatem Glück, und Sartres Botschaft lautet auch hier, dass dieses private Glück in einer falschen Gesellschaftsordnung grundsätzlich nicht möglich ist, ja, dass gerade der Versuch der Änderung gesellschaftlicher Verhält- nisse mit dem Verlust persönlichen Glücks bezahlt werden muss. Daneben formuliert er auch eine pessimistische Sicht auf die Erfolgsaussichten politischer Umsturzversuche.

Sicher spielt hier auch die Enttäuschung über den wahren Charakter der sowjetischen Ver- hältnisse eine Rolle, und die internen Macht- kämpfe innerhalb der Revolutionäre sind hierfür eine Metapher. Auch im Privaten wird das Glück vereitelt, als Liebe schwach kaschierte Macht- und Geldgier wird nicht erkannt oder bewusst verdrängt, Rettungsversuche nahe stehender Menschen um des eigenen Vorteils willen bewusst denunziert.

Michael Gruners Inszenierung versucht dieser so schwarzen Geschichte einen Hauch von bitterem Humor zu verleihen, der zwischen mitleidendem Sarkasmus und schwacher Hoffnung changiert. Sowohl die Chansonette Barbezat als auch der untote Greis aus dem 18. Jahrhundert "leben" und fiebern mit den Wünschen und Sehnsüchten der jungen Leute, wünschen ihnen Erfolg und wissen doch von Beginn an, dass der Versuch schei- tern muss.

Die Inszenierung hält diese Balance zwischen Bitterkeit und hoffnungsvollem Mitleiden in erstaunlichem Maße aufrecht. Nie denunziert die eine Haltung die andere, beide ergänzen und beleben sich gegenseitig. Dazu tragen natürlich die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten maßgeblich bei. Hervorzu- heben sind hier vor allem die alle Register ziehende Harriert Kracht in ihrer schillernden Rolle zwischen Diesseits und Jenseits sowie Nicole Averkamp als konsequent liebende Eve und Axel Holst als zutiefst ehrlicher und engagierter Revolutionär Pierre. Doch auch die anderen Rollen sind sorgfältig ausgeformt und von den Darstellern überzeugend auf die Bretter gebracht. In dieser Form kann Sartre auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch Maßstäbe setzen.