Der Sieg des Sinnlichen

Benjamin Brittens "Sommernachtstraum" in Darmstadt
William Shakespeares "Sommernachtstraum" gehört nicht nur zum Standard-Repertoire eines jeden Stadt- und Staatstheaters, es hat auch schon verschiedene Komponisten zu einer Vertonung herausgefordert. Bei Mendelssohn reichte es schließlich nur zu einer Bühnenmusik, nicht aber zu einer im Musikbetrieb anerkannten Oper. Seine Musik jedoch hat einen festen Platz im Konzert- Repertoire errungen.


Oberon (Matthias Rexroth) und Helena (Mary Anne Kruger)

Der englische Komponist Benjamin Britten (1913- 1976) hat sich anlässlich eines Festivals im Jahre 1960 dieses Stoffes angenommen und ihn in der relativ kurzen Zeit von einem knappen halben Jahr zu einer Oper geformt. Dabei musste er den Inhalt des Schauspiels stark kürzen, um einerseits in der den Zuschauern zumutbaren Zeit zu bleiben - schließlich ist es kein "Ring" - und andererseits die Spannung aufrecht zu erhalten. Das Staatstheater Darmstadt hat unter der Leitung von Friedrich Meyer-Oertel diese Komposition im Dezember auf die Bühne gebracht.

Auf der offenen Bühne präsentiert sich den Zu- schauern eine puristische, weiße Palastfassade - stilisierte Antike, denn das Geschehen ist im alten Athen angesiedelt. Statt einer Ouvertüre des Orchesters vernimmt man herrische Worte im Hin- tergrund, dann stürzt eine junge Frau im modernen Kostüm heraus und vergießt herzzerreißende Tränen. Offensichtlich Liebeskummer. Auf diese Weise schlägt Britten die Brücke zur Handlung - das familiäre Problem wird nur kurz angedeutet, um sich erst später aus der Handlung teilweise zu erschließen: Hermia und Lysander lieben sich, Hermia soll jedoch Demetrius heiraten. Hermias Freundin Helena wiederum liebt Demetrius verzeh- rend, dieser jedoch weist sie harsch ab. In ihrer Not fliehen Hermia und Lysander in den Wald - Meta- pher für Geborgenheit und Hort der Gefühle. Demetrius folgt ihnen und ihm wiederum Helena.

Zur gleichen Zeit zieht eine Handwerkertruppe in den Wald, um dort in aller Ruhe das Schau- spiel "Pyramus und Thisbe" einzustudieren, das sie zur Hochzeit am Fürstenhof aufführen wollen. Die einfältigen Laienspieler gehen dabei mit viel Naivität und Dilettantismus zu Werk, und vor allem der Weber Zettel möchte am liebsten alle Rollen spielen, um sich in den Vordergrund zu spielen.

Diese Konstellation aus der realen Welt wird spiegelbildlich ergänzt durch das Reich der Elfen, dem König Oberon und Königin Titania vorstehen. Eigentlich wollen Oberon und sein Gefolge das Haus der künftigen Eheleute segnen, die fehlende Liebe zwischen Helena und Demetrius stört dabei jedoch. Gegen den Willen der weltlichen Machthaber beschließt Oberon, die seiner Meinung nach (und der des Autors) zusammengehörigen Paare zu verei- nen, und befiehlt seinem dienstbaren Geist Puck, Demetrius im Schlaf den Zaubertrank einzuflößen, der ihn in Liebe zur ersten Frau verfallen lässt, die er nach dem Aufwachen sieht. Nebenbei träufelt er dieses Zeug auch Titania ein, mit der er sich gerade verzankt hatte. Puck jedoch verwechselt Lysander mit Demetrius, worauf sich Lysander in Helena verliebt und Hermia sitzen lässt. Um Pucks Fehler wieder gut zu machen, verzaubert Oberon nun Demetrius, so dass sich anschlie- ßend die beiden Männer um Helena schlagen und Hermia unglücklich im Abseits sitzt. Natürlich wäre dies kein Märchen, wenn Oberon nicht rechtzeitig verfügen würde, dass alle noch einmal - und dies Mal richtig - ver- zaubert werden, um sich dann in die jeweils richtigen Arme zu stürzen.

Bevor es soweit ist, müssen jedoch auch Zettel und Titania noch Einiges erleiden. Nach der Theaterprobe im Wald entführt Puck im Übermut den schwadronierenden Zettel und verwandelt ihn in einen Esel, worauf seine Kollegen schreiend davonlaufen. Titania erblickt nach dem Aufwachen den eseligen Zettel, verliebt sich programmgemäß in den langohrigen Zentauren und verbringt eine Liebesnacht im Himmelbett, ehe Oberon die Verwandlung aufhebt und Zettel davonjagt.

Zum Schluss zelebrieren die Handwerker doch noch recht und schlecht ihr tragisches Schau- spiel um das ungückliche Liebespaar, und alles endet in allgemeinem Glück.

Benjamin Britten hat nicht die Verwirrung der Ver- liebten in den Mittelpunkt gestellt, sondern das Reich der Elfen. Die menschlichen Verhältnisse reimt sich der Zuschauer im Laufe der Zeit zusam- men, ausreichend, um die Handlung zu verstehen. Britten jedoch ging es um die musikalische Dar- stellung des Elfenreiches, das man auch als das verlorene Paradies betrachten kann, das die Menschen nur noch im Traum erleben. Der Wald ist hier das Symbol für den Ort der Gefühle und des Kreativen. Liebende und Künstler ziehen sich hierher zurück, um ihre Bestimmung ausleben zu können. Eine freundliche Natur, dargestellt durch die gutmütige Elfenwelt, hilft den Menschen, wo sie kann, spielt ihnen jedoch im Übermut auch so manchen Streich.


Hermia (Susanne Burkhard) und Lysander (Andreas Wagner)

Britton hat das Orchester sehr sparsam besetzt und illustriert die jeweilige Welt mit den entspre- chenden Instrumenten. Die Elfenwelt wird durch zartgliedrige Klangkombinationen beschworen, die Handwerkertruppe findet sich in derben und schein- bar unbeholfenen Klängen der tieferen Tonlagen wieder. Dramatische Entwicklungen werden eben- falls vom Orchester aufgenommen und passgenau in entsprechende Harmonien und Motive gefasst. Dabei ist anzumerken, dass sich Britten in einer für seine Zeit erstaunlichen Tonalität bewegt, die leicht aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammen könnte. Dies macht die Oper recht eingängig, und die Tatsache, dass die harmonische Landschaft bisweilen doch typische Merkmale des 20. Jahr- hunderts aufweist, fällt in dem fast romantisch zu nennenden Tongebilde kaum auf. Der generelle Duktus wirkt auf den Zuhörer bei weitem nicht so modern - sprich "fremd" -, wie mancher befürchtet haben mag. Die genaue Wiedergabe der jeweiligen Bühnensituation durch die entsprechenden Instru- mentengruppen lässt die Musik nahezu "süffig" wirken, ohne dass sie deswegen in seichte Senti- mentalität verfallen würde.

Friedrich Meyer-Oertel ist diesem Ansatz in seiner Inszenierung weitestgehend entgegengekommen. Die Elfenwelt nimmt bei ihm den größten Teil ein, die Menschen sind eher Beiwerk. Auf einem einer Baustelle ähnlichen Gerüst turnen und schwirren die verschiedenen Gruppen der Elfengesellschaft umher. Oberon (Matthias Rexroth) kommt mit blon- der, strohiger Löwenmähne, nacktem Oberkörper und strammen Glitzerhosen daher, Titania (Helge Gustava Tjønn) dagegen im weißen Feenkleid und eher astral. Puck (Jan-Aiko zur Eck) wirbelt wie ein hyperaktiver Jüngling im hautengen Glitzeranzug, anzüglichen Gesten und frechen Sprüchen über die Bühne, kann sich keinen Augenblick gemäßigt bewegen. Er hat die Elfen voll im Griff und diese lieben ihn, trotz ihrer jenseitigen Elfen-Natur offen- sichtlich ordentlich erotisch....

Die Elfen, Studentinnen der hiesigen Musik- akademie, tragen Fantasie-Kostüme, mal clownsartige, mal verspielte, mal bodenstän- dige. Und dazu klappern sie mit kleinen Flü- geln auf dem Rücken, die ihnen das Ausse- hen von großen Faltern verleihen. Und aufge- regte Nachtfalter sind sie auch, neugierig und immer zum Licht hin strebend, unaufhörlich in Bewegung, jeden umschwirrend und ununter- brochen ihre Aufgaben und ihre Umwelt besin- gend. Zusammen mit Brittens Musik entwik- keln sie einen geradezu magischen Zauber auf der Bühne, der durch die eher forschen Auf- tritte von Oberon oder Puck mehr wohlwollend sekundiert als gestört wird.

Gegen diesen zauberhaften Märchenwald wird die enge Welt der Handwerker etwas derb und unsinnlich dargestellt. Shakespeare hat mit dieser Gruppe die offensichtlich recht dilettan- tischen Wandertheater seiner Zeit aufs Korn genommen, geht er doch vor allem mit den Mimen recht derb um. Der kleine, verhuschte Flaut (Dan Karlström) muss wegen seiner hohen Stimme und schmalen Statur zu sei- nem Unglück die Thisbe spielen, tut sich mit Text und Darstellung schwer und erntet mit der immer wieder dankbaren Frauenrolle Lacher beim Publikum auf und vor der Bühne. Der schwerfällige Schnock (Horst Schäfer) soll den Löwen spielen und stellt sich dabei ziemlich dumm an, der agile "Regisseur" Squenz (Helmut Porcher) versucht verzweifelt, die einfältigen Gesellen zu einem Ensemble zu formen, und Zettel schließlich (Hans Christoph Begemann) schwadroniert sich wo er geht und steht als bester Schauspieler aller Zeiten in den Vordergrund.

Herrlich auch die Szene nach Zettels Ver- wandlung. Man hatte Begemann für diese Rolle eigens einen lebensechten und -großen Eselskopf verpasst, hinter dem es ihm schön warm geworden sein muss. Der besondere Trick bestand darin, dass sich der Mund synchron zum Gesang bewegte - so schien es jedenfalls. Das machte diesen Esel sehr menschlich, und die Bettszene mit Titania im raumhoch schwebenden Himmelbett, von Elfen umschwirrt, gehörte zu einer der besten Szenen dieses Abends.

Gegen diesen Wirbel aus Magie und abstru- sen Träumen kann natürlich die Welt des Realen mit ihren Verwirrungen nur abfallen. So wirken auch die erotischen Verirrungen der Menschen vor diesem Hintergrund seltsam lächerlich. Nicht umsonst schweben die Geis- ter der Elfenwelt für die Verliebten unsichtbar um diese herum, eher belustigt durch die erotischen Händel, von denen sie in ihrem ewigen Leben offensichtlich bereits zu viele gesehen haben, um sich noch darüber aufzu- regen. Ihr Eingreifen entspringt eher einem Gefühl der Ordnung als tiefer Betroffenheit. Nur Puck macht sich einen Spaß daraus, sich mitten zwischen die Streitenden zu setzen, als wolle er mitmachen bei der Rauferei. Der Zuschauer amüsiert sich mit den ach so lebendigen Geisterwesen über die Liebes- händel der Menschen.

Nach der Pause dominiert dann die Menschenwelt wieder, beginnend mit der Dreifach-Hochzeit, nach- dem die "richtigen" Liebespaare zueinander gefun- den haben, und endend mit der urkomischen Aufführung von "Pyramus und Thisbe", bei der die Darsteller noch einmal alle Register der Komik ziehen dürfen: beim "Spiel im Spiel" als dilettie- rende Handwerker unfreiwillig, im ersten Level des Spiels dagegen zum Gaudi der Darsteller selbst. Am Schluss muss selbst die griesgrämige Amazonin Hippolyta (Janet Collins), frisch ange- traute Gattin des Herzogs Theseus (Thomas Fleischmann), gute Miene zum Spiel machen und begnügt sich mit einigen angedeuteten Handgreif- lichkeiten gegenüber ihrem nagelneuen Ehemann. Der Zuschauer ahnt, was diesem Manne in der Ehe blüht....

Die Leistungen der Darsteller standen deutlich im Zeichen hoher Motivation und Spielfreude. Man möchte kaum einen herausheben, so gut haben alle gesungen und gespielt. Besonderen Applaus jedoch fingen sich vor allem Jan-Aiko zur Ack für seinen quirligen Puck und Hans Christoph Begemann für seine Interpretation des eseligen Zettel ein. Doch auch die anderen Protagonisten - Mary Anne Kruger mit ihrer so ausdrucksstarken, warmen Stimme, Andreas Wagner mit einem standfesten Tenor, Susanne Burkhard als lange unglückliche Hermia und Werner Volker Meyer als jähzorniger Demetrius hatten sich den Beifall redlich verdient. Auch Titania bestach besonders am Anfang in ihren Soloszenen.

Besonders ist jedoch Matthias Rexroth hervor- zuheben, der als Counter-Tenor auftrat, das heißt die seltene Kunst der hohen Stimme beherrscht. Diese Gesangsrichtung gilt als eine der schwierigsten und körperlich anstren- gendste. Was früher Kastraten wie natürlich sangen, müssen heute ausgewachsene Männer kunstfertig nachbilden. Und in dieser Kunst zeigte sich Matthias Rexroth bei der Premiere als Meister.

Auch das Orchester unter Franz Brockhagen erntete langen und verdienten Beifall, brachte es doch die relativ moderne Musik Benjamin Brittens in eine Form, die den Zuschauern diese Art der Musik mehr als schmackhaft machte. Selbst hartgesottene Klassikfans, sonst dem 20.Jahrhundert abhold, dürften sich an dieser Musik erfreut haben.

Und auch die Regie erfuhr beim Schlussapp- laus diesmal einhelliges Lob. Kein einziges "Buh" trübte den Eindruck, dagegen belebten viele "Bravos" den lang anhaltenden Beifall des ausverkauften Hauses. Man darf sicher sein, dass dieses Stück auch im Abonnment prächtig laufen wird.