| Frischer Wind in Darmstadts Kulturszene |
![]() |
"Vorhang auf"-Theater debütiert mit Turrinis "Die Wirtin" |
|
Frischer Wind in Darmstadts Kulturszene "Vorhang auf"-Theater debütiert mit Turrinis "Die Wirtin" Die Theaterszene in Darmstadt war in den letzten Jahren im Wesentlichen durch die Vorherrschaft des subventionierten Staatstheaters und durch das die Boulevard-Nische füllende TAP definiert. Die eine oder andere Freizeit-Bühne lieferte sporadische Beiträge, konnte jedoch kein Dauerprogramm auf die Beine Stelle. Das "Halb-Neun"-Theater trägt zwar im Namen den Schauspiel-Anspruch vor sich her, versteht sich jedoch im Grunde nur als Veranstaltungsort für vielerlei Kleinkunst und Kabarett aus deutschen Landen. Dieser Angebotsknappheit hat jetzt die Truppe um Sandra Russo mit
ihrem Theater "Vorhang auf" ein Ende bereitet. Die Schauspielerin, die selbst
jahrelang erfolgreich in Boulevard-Komödien aufgetreten ist und das Metier wie ihre
eigene Westentasche kennt - wenn sie denn eine Weste hätte - , hat sich zum Ziel
gesetzt, frisches, witziges Theater außerhalb der eingefahrenen Gleise anzubieten. Peter Turrini (Jahrgang 1944) hat in diesem Stück die italie- nische Commedia dell´arte wieder aufleben lassen.Zwar basiert die Komödie auf einem ähnlichen Stück Goldonis, aber die entscheidende Weiterentwicklung liegt in der Über- windung der hermetischen Fiktion. Im klassischen Theater wird die künstliche Welt konsequent gegen die Realität abgeschottet, ja, für die Dauer der Aufführung wird eine eigene Realität geschaffen, die nichts mit der äußeren Welt zu tun hat, auch wenn sie dieser stark ähneln mag oder sie satirisch abbildet. Ein Heraustreten gilt als ebenso "unmöglich", als wenn das Objekt eines Portraits plötzlich den Bilderrahmen verlassen würde. Das moderne Theater dagegen spielt mit der Fiktion, indem es sie immer wieder als solche entlarvt, jedoch augenzwinkernd in die Fiktion zurückkehrt. Wir kennen dies in abgemilderter Form, wenn im "Tatort" ein Zeuge zu den Kommissaren sagt, sie sähen ja aus wie die Kommissare in den Fernseh-Krimis. Im Fern- sehen wird diese Selbstreferenz jedoch nur sehr vorsichtig eingesetzt, weil sie das die Realität fliehenden Massen- publikums überfordern könnte. Im Theater dagegen darf und soll man es tun, und diese Grenzüberschreitung übt neben dem witzigen auch einen positiv verstörenden Einfluss aus. Die Handlung von Turrinis Geschichte erinnert in der Grundstrukur u.a. an Goldonis "Diener zweier Herren". Da sind die eitlen aber verarmten Adligen (Mario Krichbaum und Oscar Ehrlich), die die attraktive und lebenstüchtige Wirtin Mirandolina (Sandra Russo) umschwärmen. Einer will ihren Körper, der andere ihre Wirtschaft. Da ist der steife und völlig verklemmte Cavaliere (Heinz Harth), der dank einer rigiden Klostererziehung keine normale Bezie- hung zu Frauen aufbauen kann und sie daher als fremde Wesen fürchtet und hasst. Da sind die beiden armen Schauspielerinnen (Simone Denzel und Manuela Koschwitz), die plözlich - allerdings nur kurzfristig - die Chance für die Partie ihres Lebens sehen, und da ist schließlich die zentrale Person, der so agile wie ver- schmitzte und schlitzohrige Kellner Fabrizio (Camillo d´Ancona), der sich ebenfalls in das weiche Gastwirt- schaftsbett seiner Chefin legen möchte...Die Handlung entwickelt sich im bekannten Stil der commedia dell´arte, jedoch spricht man hier oft nicht nur zum sondern sogar mit dem Publikum, so wenn jeder seinen Monolog den Zuschauern nebenher als Teil des Theaterstücks ankündigt oder wenn Fabrizio/Camillo den Leuten erzählt, dass er in diesem Stück der Kellner sei. Immer wieder hangeln sich die Personen auf dem schma- len Grat zwischen Rolle und Darsteller lang, wobei sie natürlich nicht überziehen dürfen, um nicht die gewohnte Erwartungshaltung des Publikums zu sehr zu strapazie- ren. Und wenn es dann in die Niederungen der kömödian- tischen Handlung geht, wird es auch mal deftig und hand- fest lustig, ohne jedoch jemals ins Eindeutig- Peinliche abzugleiten. Selbst die anzügliche Beschreibung des M(ir)andolinen-Spiels - man bearbeitet das Instrument mit Fingern und Stäbchen bis zum Höhepunkt des Liedes - wirkt eher leicht und witzig-frivol. Sandra Russo hat sich für diese Produktion die Regie- Erfahrung von Anne Georgio gesichert, die für das notwen- dige Tempo und die Präzision gesorgt hat. Hier sitzt jede Bewegung, jedes "Rencontre" der Personen. Und wenn Heinz Harth alias Cavaliere im Sturm den Raum verlässt, so fällt er genau vor dem Ausgang so exakt und unvermu- tet wie geplant dem Kellner in die Arme, ohne dass er dessen Auftritt herbeirufen muss. Alles sitzt, die Rollen- wechsel und Auftritte klappen wie am Schnürchen, und das alles bei hohem Tempo. Da dieses Stück wahrlich keine tiefschürfenden philosophischen Erkenntnisse verbreiten will, ist Tempo und "Action" alles, der Witz und die Lacher kommen dann wie von selbst. Ein Garant dabei ist Camillo d´Ancona, der wirklich in bester Manier der commedia dell´arte den in jeder Hinsicht wendigen Kellner spielt. Da stimmen die Bewegungen, der abgespreizte Fuß, das gebückte, gespielt unterwürfige Wesen, der rasche Blick, um den möglichen Vorteil zu erhaschen, und die nur scheinbar gerissene Intrige, die sich jedoch stets gegen ihren Urheber richtet. Alle Darsteller sind mit viel Engagement und beachtli- chem schauspielerischem Können bei der Sache, und die Aufführung machte ihnen mindestens genauso viel Spaß wie den anwesenden Zuschauern. Sandra Russo hat mit diesem Team und Turrinis Stück eine gute Basis für den künftigen Erfolg gelegt, und man kann nur hoffen, dass die Darmstädter und ihre Nachbarn in der Umgebung dieses Angebot zu nutzen und zu schätzen lernen. |