Apokalyptisches Panoptikum

Ödon von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" in Darmstadt

Nur naive oder der Literatur unkundige Theaterbesucher werden sich unter Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" einen lustigen Reigen Wiener "Gschichten" mit Wiener Walzer und Försterchristl vorgestellt haben. Die gesellschaftskritische und entlarvende Struktur der Horv
átschen Stücke dürfte den meisten Theaterfreunden bekannt sein. Doch eine Inszenierung wie die des tschechischen Trios Dusan David Parizek (Regie/Bühne), Jan Stepánek (Bühne/ Kostüme) und Roman Zach (Musik) haben die Besucher der Premiere in Darmstadt sicher nicht erwartet. So kompromisslos und konsequent, jeglichen Hoffnungsschimmer im Ansatz erstickend, das Publikum mit harten Bildern konfrontierend, ist in Darmstadt seit Jahren kein Schauspiel - von "Roberto Zucco" abgesehen - inszeniert worden. An dieser Inszenierung werden sich die Geister scheiden, und ein "Publikumsmagnet" wird es sicher nicht werden.

Susanne Burkhart als Marianne und Uwe Zerwer als Alfred
Susanne Burkhart als Marianne und Uwe Zerner als Alfred

Horváth hat mit diesem Stück die brutale und egoistische Kleinbürgermoral der Generation zwischen den beiden Weltkriegen aufgespießt und gnadenlos abgeurteilt. Dabei greift er nicht zum Stilmittel der Komödie oder Groteske, sondern bei ihm nimmt der Stoff aus dem Vorstadt-Milieu die Züge einer griechischen Tragödie an.

Marianne hat nichts anderes gelernt als ihren verwitweten Vater zu umsorgen und soll jetzt den tumben Metzger Oskar heiraten, den sie jedoch nicht liebt. Zur gleichen Zeit trennt sich die Trafikantin (Kiosk-Besitzerin) Valerie von dem windigen Alfred, der dauernd ihr Geld verspielt. Als Marianne Alfred trifft, ist es geschehen. Sie verfällt ihm, trennt sich bei der Verlobungsfeier von Oskar und zieht zu Alfred, worauf ihr Vater sie verstößt. Ein Jahr später wohnen die beiden abgebrannt mit Kind in einem winzigen Zimmer und Alfred ist bereits der Liaison überdrüssig. Um beweglicher zu sein, bringt er das Kind zu seiner Großmutter und schickt Marianne in ein Nachtlokal, um dort für Geld zu tanzen. Dann macht er sich von dannen. Das Drama eskaliert, als Mariannes Vater mit der ganzen Gesellschaft in eben dieses Nachtlokal geht und plötzlich mit seiner strippenden Tochter konfrontiert wird. Als die tatkräftige Valerie schließlich alle zu einer allgemeinen Versöhnung zusammenführt, stellt sich heraus, dass Alfreds Großmutter das Kind hat sterben lassen. Marianne ergibt sich eher apathisch Oskars Werbung, und Valerie nimmt den verlogen-reumütigen Alfred in Ermangelung einer besseren Alternative zurück. Alles andere als ein "Happy End".

Horváth hat in dieses Stück einige archetypische Figuren hineingeschrieben. Da ist zuerst einmal Mariannes Vater (Klaus Ziemann), "Zauberkönig" genannt. Der Vergangenheit verhaftet, sieht er nach dem Tod seiner Frau seine Tochter nur als billige Dienstkraft und trauert besseren weil früheren Zeiten nach. Der Rittmeister (Rolf Idler), dramaturgisch eigentlich nur ein Beobachter der Ereignisse, steht für das durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg frustrierte Offizierskorps, das von der großen Revanche träumt. Alfreds Großmutter (Janina Sachau) regiert mit ihrem Geld und harter Hand und lässt sich durch kein Unglück erweichen. Der junge Erich (Markus Frank) verkörpert mit seinem schneidigen Auftreten und nationalistischen Sprüchen den aufkommenden Nationalsozialismus. Valerie (Elisabeth Kreijcir) steht für die bodenständige, realistische Frau mit Überlebenswillen, die es in diesen schlechten Zeiten auch gibt, während Oskar (Achim Barrenstein) den einfältigen ewigen Verlierer darstellt. Alfred (Uwe Zerner) ist der verlogene, von Selbstmitleid erfüllte und immer unschuldige Hallodri.

Diese unterschiedlichen Charaktere hetzt Regisseur Parizek nun in einer stark gekürzten Version des Stückes auf einer kargen Bühne permanent gegeneinander. Um Tempo und Dichte zu erhöhen, lässt er die Szenen nahezu gleichzeitig auf der Bühne ablaufen, wobei er die jeweils agierenden Darsteller durch die Beleuchtung hervorhebt und die anderen Mitspieler als gestelltes Bild im Dunkeln erstarren lässt. Bisweilen werden die Szenen auch alternierend durchgespielt, so, wenn hinten die Großmutter in ihrem erhöhten "Adlernest" auf Alfred einredet und vorne Marianne mit dem Chef des Nachtklubs verhandelt. Wie im Film wandert der Szenenschwerpunkt zwischen den beiden Gruppen hin und her.

Diese szenische Anordnung hat natürlich nicht nur erhöhte Dichte zur Folge, sondern erfordert beim Zuschauer auch ein Höchstmaß an Konzentration, um die Abläufe noch nachvollziehen zu können. Dabei kristallisiert sich jedoch zunehmend heraus, dass es dem Regisseur hier weniger um die Darstellung einer in sich logischen Geschichte geht sondern vielmehr um zwischenmenschliche Szenen. Je zusammenhängender die Geschichte, desto eher ist der Besucher geneigt, bestimmte - meist unabwendbare - Gründe für das Unheil zu suchen. Die Auflösung in einzelne Szenen mit ihren menschlichen Gemeinheiten schärft deren Wirkung und konturiert die Schuld und die Feigheit der Beteiligten. Durch das Zerreißen des erzählerischen Zusammenhangs in einzelne Szenen vermeidet der Regisseur auch das Mitleid des Zuschauers, das ja - verständlicherweise - das Opfer in den Mittelpunkt rückt und meist vom Urheber des Unglücks ablenkt. Außerdem dokumentiert diese Art der Inszenierung die Zerrissenheit der Welt, in der die Protagonisten leben. Mitleid ist hier fehl am Platze, hier muss jeder sehen, wo er bleibt, und wenn darüber familiäre Bindungen in die Brüche gehen. Der schnelle Wechsel von einer szenischen Konstellation zur nächsten spiegelt das Unwirtliche und Apokalyptische dieser wenig menschlichen Gemeinschaft wider.

Uwe Zerwer (Alfred) und ELisabeth Krejcir (Valerie)
Uwe Zerner als Alfred und Elisabeth Krejcir als Valerie

Verstärkt wird die düstere, endzeitliche Atmosphäre durch die Musik Roman Zachs, die mehr aus drohenden, aufbrausenden Geräuschen denn aus musikalischen Motiven besteht. Zeitweise steigert sich die akustische Untermalung zum nahezu unerträglichen Crescendo.

Auch das Bühnenbild unterstreicht die bewusste Kälte der Inszenierung. Auf der rechten Seite erhebt sich eine große genietete Metallwand, gegen die einzelne Akteure in ihrer Verzweiflung immer wieder anrennen und mit den Fäusten hämmern, als wollten sie um Auslass aus diesem unerträglichen Gefängnis flehen. Im Hintergrund dieser Wand sitzt an erhöhter Position die Großmutter wie in einem Adlerhorst und regiert von dort die Welt.

Ein einzelner, kahler Baum erhebt sich in der Mitte der Bühne. Marianne ersteigt diesen Baum am Ende wie zu einem Fluchtversuch oder einem Selbstmord. Das verlöschende Licht lässt das Ende offen, das keines ist. Die Darsteller verharren in ihren letzten Positionen, kein Vorhang verhüllt gnädig das Unglück. Alle werden weiter machen wie bisher, eine Wendung der Gesellschaft zum Besseren wird es nicht geben.

Die Darsteller haben sich den Anforderungen dieser Inszenierung in bewundernswerter Weise gestellt. Die Anordnung der Szenen mit den Überlappungen und Brüchen stellte hohe Anforderungen an die Konzentration und die Ausdrucksvielfalt, waren den Darstellern doch kaum Pausen vergönnt.

Die größte Last lag dabei auf Susanne Burkhard, und sie meisterte die Rolle der Marianne hervorragend. Das zerbrechliche Wesen dieser jungen Frau kam genau so zum Ausdruck wie das Unverständnis dieser Welt und der verzweifelte Wille, ihrem kleinen Leben etwas Glück zu entringen. Sie erhielt zum Schluss auch zu Recht den meisten Beifall. Elisabeth Kreijcir spielte den Part der lebenstüchtigen Valerie nicht minder professionell. Der sarkastische Panzer, den sie sich gegen die Gemeinheiten der Welt und speziell Alfreds zugelegt hat, wird bei ihr nur durch Mariannes Unglück durchbrochen, jedoch ohne dass sie in Jammern verfällt. Nüchtern und tatkräftig geht sie daran, die allgemeine Versöhnung zu organisieren. Elisabeth Krejcir spürte allen Facetten dieser Frau mit viel Gespür für Details nach. Warum die Großmutter ausgerechnet von einer jungen Frau wie Janina Sachau gespielt wurde, ist nicht nachzuvollziehen, es muss jedoch eine Absicht dahinter stecken.

Bei den männlichen Rollen hatte vor allem Uwe Zerner die Möglichkeiten, den windigen Charakter des Spielers Alfred wiederzugeben, und er tat dies überzeugend. Bei ihm kamen das hinter der vordergründigen Schlitzohrigkeit lauernde Selbstmitleid und die totale Verantwortungslosigkeit deutlich zum Ausdruck. Die anderen Darsteller einschließlich Hubert Schlemmer als Havlitschek füllten ihre Rollen überzeugend aus.

Zum Schluss dankte lang anhaltender Beifall den Darstellern und der Regie für diesen Kraftakt. Einige Bravos, ein einzelnes, aber kräftiges Buh.

Frank Raudszus