Ironische Selbstreferenz auf der Bühne

Albert Lortzings Oper "Zar und Zimmermann" in Darmstadt
Albert Lortzing sah sich selbst als durchschnittlich begabten Musiker und verstand sich als Verfasser unterhaltsamer Opern, die dem Publikum gefallen sollten. Tragische Konflikte menschlicher oder gesellschaftlicher Natur sind seinen Werken fremd. Daher stellt die Inszenierung seiner komischen Oper "Zar und Zimmermann" eine Herausforderung für jeden Regisseur dar, so er nicht einfach die Handlung im herkömmlichen Duktus herunter spielen und von einem Orchester begleiten lassen will. Beim "Zar und Zimmermann" kommen er- schwerend solche "Ohrwürmer" wie der Holzschuh- Tanz oder die Bürgermeister-Arie mit ihrem hohen "Aha"-Effekt hinzu, die vor allem beim Abonne- ment-Publikum eine entsprechende Erwartungs- haltung wecken.


Aart Veder (Zuschauer Zeisig) und der Chor

Henry Arnold, verantwortlich für die neue Darm- städter Inszenierung, räumt daher von Anfang an mit herkömmlichen Vorstellungen auf. Bereits während des Vorspiels lässt er zwei Harlekinen ähnliche Tänzer wie "geklonte" Pucks vor dem Vorhang auftreten. Sie begrüßen einen Herrn im heutigen Dress (Aart Veder), der sich selbstgefällig auf eine Art Loge am Bühnenrand begibt und von dort das Schauspiel beobachtet und lautstark kommentiert. Er erfüllt eine doppelte Rolle: zum Einen als etwas geschwätziger und aufdringlicher Zuschauer, zum Anderen, was sich aus einigen Bemerkungen ergibt, als behördlicher Zensor, der über eventuelle staatsschädigende Tendenzen zu wachen hat. Damit fängt er parodierend die Erwar- tungshaltung des typischen Opernpublikums auf - immer wieder fragt er den Kapellmeister drängend nach dem Holzschuhtanz - und zitiert nebenbei die Obrigkeitskarikatur der Lortzingschen Oper am Beispiel des Bürgermeisters.

Durch die Figur des Zuschauers Zeisig gewinnt die Inszenierung eine ironische Distanz von der Hand- lung auf der Bühne, betrachtet sie nicht als Abbild der Realität sondern als das, was sie ist: Fiktion. Und so mischt sich Zeisig auch unter die Figuren auf der Bühne, spricht sie an, berührt sie oder tanzt sogar mit den beiden lustigen Gesellen. Die Perso- nen der Handlung registrieren diesen seltsamen Bühnenbesucher und akzeptieren ihn als Teil der Aufführung. Durch diese bewusste Anerkennung des Zuschauers in seiner eigentlichen Rolle ironisie- ren sie die eigene Rolle, geben sich als Schauspie- ler in einem Stück zu erkennen und erheben nicht den Anspruch auf Authentizität der Bühnenhand- lung.

Durch diese dramaturgischen Tricks umgeht Arnold die Gefahr einer naiven Widergabe einer eher schlichten Handlung: Zar Peter der Große reist inkognito durch Europa und hat sich zwecks Erlernens des Schiffbaus als Zimmermann auf einer Werft verdingt. Dort lernt er seinen Landsmann Peter Iwanow ken- nen, der aus der russischen Armee desertiert ist und hier mit Marie, der Nichte des Bürger- meisters, so gut wie verlobt ist. Der vor dümm- licher EItelkeit geradezu strotzende Bürger- meister erhält nun Hinweise auf einen dubio- sen Russen mit Namen Peter, der angeblich auf der Werft arbeitet. Während Zar Peter von seinem Gesandten Lefort erfährt,dass die Moskauer Zustände seine sofortige Rückkehr verlangen, hält der Bürgermeister den gesuch- ten Peter für einen Verbrecher und verzweifelt an den beiden gleichnamigen Russen. Als der englische Gesandte den Bürgermeister über die wahre Identität des gesuchten Peter aufklärt, verweist dieser auf Peter Iwanow. Gleichzeitig hat jedoch der französische Gesandte den richtigen Zaren erkannt und schmiedet mit ihm ein Bündnis. Marie glaubt nicht mehr, dass Peter sie als Zar noch heira- ten wird, und nur Peter Iwanow selbst weiß nicht, um was es eigentlich geht. Zum Schluss kann der Zar mit dem vom englischen Gesandten für den falschen Peter beschafften Pass das Land verlassen, und der andere Peter kann doch noch seine Marie heiraten.

Man sieht, hier geht es nur um vordergründige Verwechslungen, und eventuelle gesellschaft- liche Probleme sind ins ferne Russland ver- bannt worden. Die einzige Kritik gilt dem so dummen wie eitlen Bürgermeister, der sich schon früh mit seiner Arie "Ja, ich bin klug und weise..." outet. Dafür ist diese Kritik an einer untergeordneten, lokalen Obrigkeit umso erheiternder und hat Generationen von Opern- besuchern viel Schadenfreude bereitet.

Henry Arnold ergänzt wo es geht die Handlung durch ironische Elemente. So konterkarieren die beiden Harlekine des Bürgermeisters Selbstlob mit diensteifrig herbei geschleppten Roben aller Art und unterstreichen dadurch dessen Lächerlichkeit. Überall, wo sich ein falscher Ernst einzuschleichen droht, sind sie zur Stelle, vor allem, wenn Zuschauer Zeisig über seine Seereisen mit Admiral Krusenstern zu schwadronieren beginnt. Da verweisen sie ihn schon einmal mit deutlichen Gesten in seine Loge.


Hans-Joachim Porcher als Bürgermeister, Jürgen Orelly als englischer Gesandter und Fred Hoffmann als Peter Iwanow.

Der Höhepunkt ist jedoch der schon lange von Zeisig bei "Kapellmeister" Brochhagen einge- forderte Holzschuhtanz. Er wird hier nicht von einer Holländerinnen-Truppe mit Häubchen und Holzschuhen getanzt, sondern von den beiden Harlekinen akrobatisch zelebriert, wobei sie auch noch den unglücklichen Zeisig in ihre Mitte ziehen.

Auch das Bühnenbild enttäuscht die etwaige Erwar- tungshaltung des Publikums. Statt einer naturalis- tischen Schiffswerft des 17. Jahrhunderts sieht man ein technologisches Monstrum, das einerseits wie der Rumpf eines U-Bootes, andererseits wie eine alte Kamera mit faltbarer Objektiv-Mechanik anmutet. Um dieses als Techniksymbol deutlich zu identifizierende Gerüst tummelt sich der Chor in der Verkleidung von Werftarbeitern, Schutzmasken tragend und schwere Werkzeuge der frühen Indust- rialisierungsphase schwingend. In der Folge wird diese Requisite gedreht und dient mal als Schiff, mal als Käselager. Auch dieses holländische Klischée wird kräftig gerupft, wenn überall große Käsescheiben als Sitzgelegenheiten dienen. Im Hintergrund präsentiert sich auf einer raumfüllenden Leinwand eine Wolkenlandschaft, die einer flämi- schen Malschule entstiegen sein könnte.

Die Kostüme bewegen sich durchaus im Rahmen des Lokalkolorits. Weite, bunte Röcke zitieren das Holländerinnen-Klischée, die Gesandten tragen "typisch" englische, französische oder russische Kleidung des 19.Jahrhunderts, der Bürgermeister einen Respekt heischenden Rock. Auch die Masken folgen dieser Typisierung und spitzen damit die Ironie der Inszenierung zu.

Bei allem Bemühen, durch ironische Distanz dem Stück ein Leben jenseits von Holzschuhtanz und "Ich bin klug und weise..." einzuhauchen, ist doch festzustellen, dass die Oper von der Handlung dafür nicht genug hergibt. Vielleicht wäre eine rigorosere Verkürzung der Inszenierung gut bekommen. So ergeben sich zwangsläufig Längen, die durch die teilweise leisen Stimmen noch verstärkt werden. Da es neben den erwähnten Stellen wenig zu lachen gibt und ansonsten keine schweren Konflikte den Zuschauer in Bann schlagen, hält sich die Span- nung in Grenzen. Auch die Ausführungen Zeisig des Zuschauers sind oft zu lang und lassen den sowieso etwas dünnen Handlungsfaden abreißen. Auf die philosophischen Zitate Zeisigs, so gut sie im Sinne des Stücks gemeint sind, hätte man durchaus verzichten können.

Die gesanglichen Leistungen leiden bei dieser Inszenierungen unter unzureichender Präsenz, sprich Lautstärke. Das liegt nicht an einem etwa dominierenden Orchester und auch nicht immer an zu leisen Stimmen, sondern oft auch an der dramaturgischen Konstellation, wenn die Sänger im Rückraum oder gar in dem Bühnenbild agieren. Wenn die Sänger einmal "richtig stehen", dann kommen auch die Stimmen deutlich zur Geltung.

Hans-Joachim Porcher hat in der dankbaren Rolle des Bürgermeisters viel Gelegenheit, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch zu glänzen, und er nutzt diese Chance weid- lich. Werner Volker Meyer präsentiert sich als Zar Peter stimmlich überzeugend, hat jedoch schauspielerisch wenig Gelegenheiten zum Brillieren. Lauren Francis bringt als Marie viel Leben und eine herzerfrischende Stimme auf die Bühne, und Fred Hoffmann liefert einen soliden Part als Peter Iwanow. Alle anderen füllten ihre Rolle sicher und glaubhaft aus, so Andreas Wagner als schnöseliger, aalglatter Franzose mit geschniegeltem Haar und Bärt- chen oder Jürgen Orelly als Monstrum von Tweed-Engländer. Horst Schäfer lässt bei seinem russischen Gesandten Assoziationen an Nosferatu aufkommen...

Der Chor unter der Leitung von André Weiß lieferte erneut eine überzeugende Leistung ab und integrierte sich sehr gut und agil in die Handlung. Der Darmstädter Chor ist spätes- tens seit "Moses und Aaron" bekannt für seine szenischen Fähigkeiten.

Das Orchester unter der Leitung von Franz Brochhagen hatte mit der nicht allzuschwie- rigen Partitur keinerlei Probleme und verzich- tete weitgehend auf vordergründige Effekte. Die Sänger erhielten durch die eher zurück- haltende Stabführung genügend Raum für ihre Stimmen, den sie angesichts der erwähnten akustischen Probleme auch benötigten.

Insgesamt eine leichte und lockere Inszenie- rung mit dem deutlichen Bemühen, in diesen Repertoire-"Renner" neue Elemente einzufüh- ren und alte Klischees auszumerzen, aber vielleicht eine halbe Stunde zu lang und in der Rolle des Zuschauers mit einem problemati- schen Zusatz versehen. Dennoch spendete das Premierenpublikum freundlichen Beifall, in den sogar einige Bravo-Rufe (und wenige "Buuhs") einflossen.