| Leichtfüßiger Saisonbeginn |
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1. Sinfoniekonzert mit Haydn, Pfitzner und Beethoven |
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Für das erste Sinfoniekonzert der neuen Saison hatte GMD Stefan Blunier ein reizvolles Programm zusam- mengestellt. Zwei typische Vertreter des üblichen Repertoires - Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven - rahmten den eigenwilligen und introventierten Spät- romantiker Hans Pfitzner (1869-1949) ein und bildeten damit einen spannungsvollen Kontrast.
Joseph Haydn (1791) Joseph Haydns Sinfonie Nr. 30 mit dem Beinamen "Alleluja" erscheint als eine der letzten im dreisätzigen Kleide. Die Besetzung gleicht eher einem angereicher- ten Kammerorchester als einem Sinfonieorchester heutiger Prägung. Der erste Satz lebt von einem ein- fachen Motiv, das einem gregorianischen Choral ent- lehnt ist. Die Variation dieses schlichten Motivs wirkt jedoch nie langweilig sondern gewinnt durch die orche- strale Einbettung und die Abwandlung durch verschie- dene Instrumentengruppen an Leben. Stefan Blunier achtete auf eine leichtfüßige Interpretation, verzichtete auf jegliche Klassik-"Allüren" wie vermeintliche Tiefe und Ernst und folgte konsequent der Erkenntnis, dass diese Musik einst zur Unterhaltung der Hofgesellschaft gedacht war. Gleichzeitig machte er durch die konzen- trierte und nie verspielte Widergabe deutlich, dass Haydn als einer der ersten vom Zuhörer Achtung vor der Musik forderte und dies durch eine vorsichtige Lösung vom rein gefälligen Unterhaltungsstil unterstrich. Besonders im dritten Satz wird dies deutlich, der mit humoristischem Hintersinn akzentuierte Passagen mit unerwartet expressiven Einsätzen präsentiert. Man hört förmlich die Aufforderung des Komponisten: "Bitte Ruhe und herhören. Hier wird richtige Musik geboten!". Stefan Blunier und das Orchester haben diese ersten Ansätze von Emanzipation des Orchesters vom Diktat der speisenden Hofgesellschaft mit viel Gespür für die Ironie und den sanften Protest gegen falsche Rezeption umgesetzt. Der zweite Programmpunkt brachte einen Zeitsprung um über eineinhalb Jahrhunderte, nämlich ins Jahr 1924. Dabei ist schon der Vergleich der Orchester- aufstellung bezeichnend für die gesellschaftliche Entwicklung in dieser Zeit. Spiegelt das Haydnsche Ensemble noch die begrenzten finanziellen Möglich- keiten eines "Duodez-Fürsten" wider, so zeigt sich beim Orchester des frühen 20. Jahrhundert der An- spruch und die Selbstauffassung der imperialen Mächte, denen nichts groß genug sein konnte. Und so zeigt auch die Musik dieser Zeit Zeichen der nicht mehr zu steigernden Sättigung, einer Überfülle des Ausdrucks, die nach einer Auflösung schrie. So gesehen war die Musik des "fin de siècle" Zeichen einer Zeit, die in der bombastischen Selbstüberschät- zung erstarrte und die eigenen Fesseln tragischer- weise nur noch im Großen Krieg lösen konnte. Hans Pfitzner verstand sich als letzten standhaften Vertreter der romantischen Musik und vertrat auch im 20. Jahrhundert noch die tonale Tradition seiner jungen Jahre. Auch wenn er motivisch und harmonisch oft neue Pfade beschritt, blieb er dennoch dem Erbe der Hochromantik treu, und der Schönbergschen Zwölfton- Musik konnte er nichts abgewinnen. Sein Violinkonzert stellt eine ungewöhnliche Kombination aus satten, ja schwelgenden Passagen und in kleinste Details auf- gelösten Motiven dar. Manches im orchestralen Hinter- grund klingt in den lang gezogenen Bögen wie Mahlersche oder gar Wagnersche Schwermut, andere Passagen, besonders im ersten Satz, wirken oft wie die "minimal music" eines Philipp Glass: winzige Motiv-Fetzen, in endlosen Ketten aneinander gereiht und nur minimal variiert.
Solist Thomas Christian Der Solo-Part fordert vom Anfang bis zum Ende hohe Virtuosität, und der Solist Thomas Christian wurde diesem Anspruch in vollem Umfang recht. Am Ende des ersten Satzes verklingt die Violine zu einer kaum noch hörbaren Feinheit, ehe der Ton ganz entschwindet. An dieser Stelle ver- stummte selbst der bei dieser Aufführung beson- ders störende Husten mancher Konzertbesucher. Kurioserweise bleibt die Violine ausgerechnet im langsamsten Satz, der eigentlichen "Domäne" dieses Instruments, ohne Einsatz. Dafür konnte das Orchester zeigen, welcher Intensität im Hingehauchten es fähig ist. Auch hier verspürt man viele Ähnlichkeiten zum Zeitgenossen Mahler, ohne jedoch Pfitzner als Epigonen bezeichnen zu wollen. Im letzten Satz hatte Thomas Christian noch einmal Gelegenheit, sein ganzes Können auszuspielen, ging es doch nun noch einmal um Virtuosität, wenn auch das Grundtempo sich gegenüber dem zweiten Satz kaum erhöhte. Vor diesem "getragenen, gemächlichen" Hintergrund schwang sich die Solo-Violine noch einmal zu rasanten Läufen auf, bevor sie mit einem geradezu jagenden Schluss- wirbel verstummte. Vom lang anhaltenden, verdienten Beifall des Publikums motiviert, präsentierte Thomas Christian noch eine Etüde von Richard Strauss als Zugabe Nach der Pause gönnte Blunier dem Abonne- mentspublikum mit Beethovens 1. Sinfonie noch einen "Aha"-Effekt. Dieses Werk ist noch nicht von den Gegensätzen der "Eroica", der "Fünften" oder gar der "Siebenten" geprägt, es scheint noch ganz in der Tradition der frühen Wiener Klassik von Haydn und Mozart zu stehen. Und doch zeigt dieses Werk eine seltsame Distanz, die typische Selbstreferenz Beethovenscher Musik, die keiner ihr externer Emotionen oder Analogien zur Erklä- rung bedarf. Diese Musik ist sich selbst genug und spricht aus sich heraus. In diesem Sinne ist sie das Produkt der französischen Revolution und verweigert sich der konsumptiven Vereinnahmung durch die höfische Gesellschaft. Blunier hatte das Orchester ähnlich wie bei der Haydn-Sinfonie auf eine leichte, federnde Interpretation einge- schworen. Auch hier keine "Beethovensche Schwere", sondern fast französische Klarheit, die dem Werk außerordentlich gut bekam. Der Anfang des ersten Satzes dehnte sich zu unge- wohnter Spannung und entlud sich erst spät im Aufschwung des Themas, das Andante war eher konzentriert denn lyrisch, das Menuetto kam kompromisslos daher, und der von einem Adagio eingeleitete Finalsatz verzichtete auf jegliche falsche Dramatik, ohne deshalb an Dynamik zu verlieren. Alles in Allem eine überzeugende und in sich geschlossene Interpretation dieses sinfoni- schen Frühwerks von Beethoven. Das Publikum bedankte sich bei Dirigent und Orchester mit lang anhaltendem Beifall. |