| Zarte Stimme und mächtiges Orchester |
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2. Sinfoniekonzert mit Ravel, Glière, Rachmaninow und Skrjabin |
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Wenige Menschen beantworten die Frage nach dem ausdrucksstärksten Musikinstrument zutreffend. Es ist weder die Violine noch das Klavier sondern ganz ein- fach die menschliche Stimme. Ihrer Modulations- fähigkeit und Bandbreite des Ausdrucks kann keines der künstlichen Instrumente das Wasser reichen. Deshalb hat sich sowohl das Liedgut als auch vor allem die Oper über Jahrhunderte entwickelt und gegen die reine Instrumentalmusik behauptet - von den trivialen Schlagern ganz zu schweigen.....
Reinhold Glière Der gesungene Text leidet jedoch unter einem musikalischen Nachteil: er muss Worte nachbilden, die nicht unbedingt den Gesetzen des ästhetischen Wohlklangs gehorchen. Außerdem transportiert er seine Botschaft auf einem anderen als rein musika- lischen Weg, nämlich dem Wort. In Abwandlung eines berühmten Zitats könnte man sagen: "Am Anfang war der Ton - und nicht das Wort". Der Koloraturgesang nimmt die menschliche Stimme als Musikinstrument ernst, indem er ihm jede verbale Bedeutung nimmt. Die Stimme wird hier ausschließlich als Quelle musikalischer Ausdruckskraft eingesetzt, üblicherweise mit einer Lautbildung im Bereich des "a". Der oder die Solistin drückt musikalische Stimmungen lediglich durch die Modulation und Formgebung der Stimme aus, ohne ein einziges "Sinn gebendes" Wort. Im 2. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt brachte die junge Koloratur-Sopranistin Diana Damrau in zwei außergewöhnlichen Stücken diese Kunst- gattung überzeugend zur Geltung. Das Programm begann mit den "Konzert für Koloratursopran und Orchester" von Reinhold Glière, einem Russen deutscher Abstammung, der einen großen Teil seines Lebens in der Sowjetunion zubrachte und es dort zu hohen Ehren brachte. Das 1943 - mitten im Krieg - entstandene Konzert lässt so gar nichts von der Katasprophe des Krieges erkennen sondern schwelgt geradezu in leicht morbider Hochromantik. Die Empfindsamkeit dieser Musik ist aufs Höchste gesteigert, und der Sopran der Solistin fügt diesem akustischen Bild eine melancholische - ja elegische - Komponente bei. Man würde dieses Stück eher in den Beginn des letzten Jahrhunderts als in dessen eruptive Mitte datieren. Diana Damrau wirkte zu Beginn etwas leise, schwang sich dann jedoch zu klaren Konturen auf, die sie gegen das von Stefan Blunier mit viel Umsicht geleitete Orchester gut absetzen konnte. Besonders der erste Satz - Andante - zauberte eine ganz eigene, jenseitige Atmosphäre eines verspäteten "Fin de Siècle" in den Saal, und - oh Wunder - selbst die renitentesten Huster verstummten angesichts dieser dichten und betörenden Klänge.
Solistin Diana Damrau Der zweite Programmpunkt brachte mit Maurice Ravels "Daphnis et Chloé" reine Instrumentalmusik, die ursprünglich für das Ballett gleichen Namens komponiert wurde. Ravel hat die Musik jedoch später unter der Bezeichnung " Fragments symphoniques" als eigenständige Orchesterwerke herausgegeben. Berühmt und faszinierend ist hier vor allem das "Lever du jour" zu Beginn, in dem das Erwachen des Tages mit äußerst subtilen Klangbildungen nachempfunden wird. Da fließt und rieselt anfangs ein kleiner Bach vor sich hin, dann beginnen die ersten Vögel zaghaft zu zwitschern, und am Ende gießt die Sonne ihr kraft- volles Licht breit und verschwenderisch über die Natur. Der Hintergrund der ursprünglichen Handlung spielt hier keine Rolle mehr, die Musik wird zum autonomen Kunstwerk, in dem das versinkende Lebensgefühl einer ganzen Epoche mit letzter Kraft aufscheint. Ein Jahr nach der Uraufführung brach der Erste Weltkrieg aus, und es scheint, als habe Ravel dies geahnt, denn nach dem "Lever du jour" und der "Pantomime" endet das Stück in einem düsteren und apokalyptischen Schluss, der die Idylle des Beginns als trügerisch entlarvt und alle Elemente des Schreckens und der Gewalt beinhaltet: marschähnliche Rhythmen verweisen auf Militärmusik, die aufbrausenden Streicher fegen wie ein vernichtender Sturm durch den Raum, und das Schlagzeug intoniert im Hintergrund drohenden Kanonendonner. Ob Ravel die Entwicklung wirklich geahnt oder nur dem drängenden Wunsch nach gewaltsamer Veränderung der erstarrten Verhältnisse musika- lischen Ausdruck verliehen hat, sei dahin gestellt. Stefan Blunier brachte mit dem Orchester jedenfalls eine überwältigende und beinahe beängstigende Version zu Gehör, die zum Schluss in einem apotheotischen Crescendo so zu sagen die Welt ins Verderben riss. Den zweiten Teil des Abends eröffnete wieder Diana Damrau mit dem Lied "Vocalise" von Sergej Rachmaninow, das dieser im amerika- nischen Exil komponierte. Auch dieses Stück lebt von der melancholischen Intensität der Sopranstimme, die vom Orchester wiederum zurückhaltend und doch fließend und äußerst dicht umwoben wurde. Der abschließende Applaus für die junge Sängerin entwickelte eine derartige Intensität, dass sie als Zugabe noch ein Stück des vornehmlich als Dirigent bekannten André Previn vortrug, das sich in nahtlos in den Kreis der anderen beiden Koloratur-Partien einreihte und noch einmal begeisterten Beifall erntete.
Alexander Skrjabin Den Abschluss des Abends bildete Alexander Skrjabins ekstatisches und extrovertiertes "Le Poeme de l´Extase". Sieht man auf die Entstehungszeit - 1905-1908 - so kann man verstehen, dass seine musikalischen Freunde wie Rachmaninow entsetzt waren. So etwas hatte man in der Hochromantik noch nicht gehört und würde es erst zehn Jahre später mit Strawinskis "Sacre du Printemps" wieder erleben. Skrjabin wirft hier alle Traditionen und Strukturelemente der klassischen und romanti- schen Musik über Bord, verlässt die Tonalität, setzt extreme Harmonien, Tempi und Instrumen- tierungen gegeneinander. Der Begriff des "Wohlklangs", wie man ihn bis dahin gewohnt war, hat hier keinen Platz mehr. In äußerster Expressivität und radikaler Kompro- misslosigkeit nimmt der extrovertierte Außen- seiter Skrjabin hier Entwicklungen vorweg, die noch in den zwanziger Jahren das Publikum verstörten. Die Hörerfahrung des beginnenden 21. Jahrhunderts jedoch sieht hierin einen faszinie- renden Versuch, die Grenzen der musikalischen Gesetze und ihrer Werkzeuge - sprich Instru- mente - auszuloten. Das Orchester unter der Leitung von Stefan Blunier setzte diese Kompro- misslosigkeit ebenso konsequent im Konzertsaal um. Da gab es keine Zugeständnisse an die Erwartungshaltungen eines vielleicht konservati- ven Publikums, das Orchester explodierte förm- lich, fegte alle musikalische "Ausgewogenheit" von der Bühne und präsentierte "Skjabin pur". Wohl die einzige Art, wie man diesen ausge- fallenen Musiker interpretieren kann. Das Publikum jedenfalls fühlte sich durch die schroffen Klänge keinesfalls provoziert sondern applaudierte begeistert, was ein sichtlich erschöpfter Stefan Blunier dankbar für das gesamte Ensemble entgegen nahm, nicht ohne noch einmal die besonders geforderten Bläser und Schflagzeuger hervorzuheben. |