| Romantik und Klassik im Zwiegespräch |
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3. Sinfoniekonzert mit Tschaikowsky und Mozart |
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Die großen Namen der Musikgeschichte stellen im Konzertsaal immer ein gewisses Risiko dar. Zu oft sind sie gespielt worden, zu sehr haben sich die Vorstellun- gen und Erwartungshaltungen des Publikums verfestigt und provozieren pharisäische Vergleiche der Art "das habe ich von Horowitz vor zwanzig Jahren viel besser gehört".
Die Jauch-Frage: "Wer ist wer?" Dazu kommt, dass sich auch über bestimmte Kompo- nisten feste Meinungen gebildet haben. So wie Franz Schubert fast hundert Jahre als Salonmusiker abgetan wurde, gilt auch Tschaikowsky noch heute vielen selbst ernannten wie leider auch echen Experten als seichter Vertreter eines entweder bombastischen oder "nicht authentisch russischen" Stils; und das nur, weil Werke wie das 1. Klavierkonzert oder die Nuss- knackersuite zu Rennern geworden sind. Was viele mögen, kann nicht gut sein....... Im 3. Sinfoniekonzert, dem letzten des Jahres 2002, hatte das Staatstheater bewusst die Eckpositionen des Programms Tschaikowsky vorbehalten. Gast- dirigent Ruyusuke Numajiri aus Japan umrahmte mit der "Mozartiana" und der 4. Sinfonie des russischen Komponisten Mozarts Klavierkonzert in C-Dur, KV 467. Die Mozartiana, entstanden im Jahre 1887, kann man als Reverenz an Mozart betrachten, und Tschaikowsky hat damit seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass man eine authentisch nationale Musik nicht ohne den Hintergrund der abendländischen Musiktradition entwickeln konnte. Tschaikowsky hat in dieser Kompo- sition Mozartsche Klavierstücke für Orchester bearbei- tet und dabei deutlich romantische Elemente einfließen lassen. Nach der eher distanzierten einleitenden Gigue steht das berühmte Menuett in D-Dur KV 355 im Mittelpunkt. Dieses sehr innige Stück eignet sich vorzüglich für eine romantisch eingefärbte orchestrale Vertonung. Tschaikowsky kostet die lyrischen Motive voll aus, und Ruyusuke betonte sie noch durch ein eher verhaltenes Tempo. Nach der ebenfalls mit sehr viel Ausdruck und Gespür dargebotenen "Preghiera" folgten zum Schluss die Variationen zu "Unser dummer Pöbel meint", in dem nacheinander die Klarinette, die Flöte, die Bässe, die Oboe und ein fulminantes Violinsolo der ersten Geigerin das Thema variierten. Ein veritabler Walzer und - nach einem zweiten Klarinettensolo - ein "Tutti-Finale" schlossen die ungewöhnlich lange Programm-Introduktion ab.
Gastdirigent Ruyusuke Numajiri Anschließend präsentierte der Pianist Matthias Kirschnereit Mozarts Klavierkonzert KV 467. Dieses Stück leidet darunter, das der in ein sehr inniges Andante gekleidete zweite Satz mittlerweile als Telefonmusik nach "James-Last-Muster" verhunzt worden ist. Viele Firmen haben das Motiv in ihre Telefonanlagen eingespielt und quälen ihre Kunden mit dieser zum barbarischen Ohrwurm degenerierten Variante. Kenner dieser "Wartemusik" müssen sich die falschen Assoziationen gewaltsam aus dem Kopf schlagen, wenn sie das Original hören.... Kirschnereit besticht nicht nur durch perfekte Technik mit perlenden und dabei exakt und transparent gespiel- ten Läufen, er verleiht dem Werk auch mehr Spannung als man es üblicherweise gewohnt ist. So retadiert er das Tempo öfter als in konventionellen Interpretationen, lässt das Orchester kurz warten, um dann die Span- nung fast überfallartig aufzulösen. Bei den motivischen Dialogen mit dem Orchester fordert er die Antwort geradezu provokativ heraus, so dass man die enge Interaktion zwischen Solist und Orchester nahezu körperlich spürt. Dadurch gewinnt das Konzert an Profil und verliert die professionelle Glätte, die den ach so viel gespielten Mozart-Konzerten leider so oft anhaftet. Und immer wieder arbeitet er mit Pausen, die von Dirigent und Orchester die höchste Aufmerksamkeit erfordern, um auf die Zehntelsekunde genau gemein- sam wieder einzusetzen. Dieses Zusammenspiel klappte ausgezeichnet, was bei einem Gastdirigent mit der situations- bedingt kurzen Einspielzeit besonders beach- tenswert ist. Nach dem temperamentvollen und expressiv vorgetragenen Finalsatz applaudierte das Publikum derart begeistert und anhaltend, dass Kirschnereit noch zwei Rachmaninow- Stücke als Zugabe spielen musste, die wiederum stark beklatscht wurden.
Solist Matthias Kirschenreit Den Abschluss des Konzertprogramms bildete Tschaikowskys 4. Sinfonie in f-moll, die zehn Jahre vor der "Mozartiana" entstand. In ihr setzt der Komponist eine Reihe widersprüchlicher Empfindungen in Klangbilder um. Unglücklicher- weise hat er seiner damaligen Gönnerin auf deren Bitte eine Erklärung der einzelnen Sätze gege- ben, die ihn bei den Kritikern von Stund an als Programm-Musiker abstempelten, obwohl seine Beschreibung nie so gemeint war. Der erste Satz ist ein Spiegelbild der zwischen schicksalhafter Realität und sanften Träumen zerrissenen Seele mit scharfkantigen Akkorden und langen, lied- haften Melodiebögen. Der zweite trägt eher sta- tisch schreitende Charakterzüge und drückt eine gewisse Schwermut aus. Der dritte wiederum fällt durch lang anhaltende Pizzicato-Sequenzen aus dem Rahmen, die, hoch konzentriert vorgetragen, eine untergründige, geheimnisvolle Atmosphäre verbreiten. Im vierten schließlich wird ein russi- sches Volkslied-Motiv variiert, das durch alle Instrumentengruppen geht, wobei besonders die Klarinette, die Flöte und die Hörner brillierten. Besonders hervorzuheben ist die äußerst genaue und feine Abstimmung der Einsätze und Über- gänge zwischen den einzelnen Instrumenten, so wenn die Hörner weich und doch deutlich das Thema übernehmen und dennoch der Flöte aus- reichend Raum gewähren. Der Schluss dieses vierten Satzes steigerte sich zu einem fulminanten Wirbel, der alle Konzent- ration - und auch physischen Kräfte - von Orchester und Dirigent erforderten. Die letzten Akkorde wurden von den ersten Violinen gerade- zu weggeworfen, von dem machtvollen Einsatz von Schlagzeug und Blechbläsern ganz zu schweigen Das Publikum war zu Recht begeistert von die- sem Konzertabend und spendete lang anhalten- den Beifall, der zum Schluss in "standing ovations" überging. Lange nicht mehr - genau genommen seit Albrechts "Walküre" - hat man das Darmstädter Publikum einhellig stehend Beifall spenden gesehen, und die Gespräche beim Ausgang sprühten geradezu vor Begeiste- rung über das Erlebte. |