| Jenseits gewohnter Dimensionen |
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4. Sinfoniekonzert mit Scelsi und Bruckner |
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Durch die Jahrhunderte hat es immer wieder Kompo- nisten gegeben, die den Rahmen ihrer Zeit und deren gewohnte musikalische Dimensionen sprengten. Meist ernteten sie Befremden oder sogar bewusste Ableh- nung, ehe sich ihre Bedeutung - oft erst der Nachwelt - in vollem Umfang eröffnete.
Anton Bruckner Im 4.Sinfoniekonzert hatte das Staatstheater Darm- stadt zwei solche Außenseiter zusammengespannt, von denen einer, Giacinto Scelsi, immer noch in einer Nische des Unverständnisses sein Dasein fristet, während der andere, Anton Bruckner, mittlerweile weitest gehend als einer der führenden Musiker des 19. Jahrhunderts anerkannt wird. Scelsi (1905-1988) ist ein Mann "unseres" Jahrhun- derts, sprich des gerade vergangenen, und doch scheint er musikalisch in einer anderen Welt zu leben. Seine Komposition "Ohoi" für 16 Solostreicher verlässt den Bereich der gewohnten Hörerfahrung und reduziert die Musik auf ein fast homophones, motivisch bewusst zurückgenommenes Klangbild. Begriffe wie Struktur und Themenabfolge erweisen sich hier als nutzlos, weil er sich radikal von der abendländischen Musikauf- fassung abwendet, nicht zuletzt dank seiner intensiven Beschäftigung mit fernöstlichen Meditationsriten. Lang gezogene, einförmige und dennoch intensive Klang- gebilde der Streicher dominieren den Raum, die Varia- tion liegt weit gehend in der Gestaltung des Tons denn in melodischen oder harmonischen Motiven. Die ersten Violinen setzen sogar erst zur Mitte des etwa 15 Minu- ten währenden Stücks, um sich dann jedoch in das vorgegebene Klangmuster einzubetten. Wenn die Komposition zum Schluss in einem äußerst zarten "F" verklingt, steigt aus diesem Ton mit einem samtsatten Bläserklang Anton Bruckners Achte Sinfo- nie auf, die ebenfalls mit dem "F" beginnt. Die Idee, diese beiden so unterschiedlichen Kompositionen über einen einzigen Ton zeitlich zu koppeln, ommtam einem kleinen Geniestreich gleich, hält sie doch die Span- nung von Scelsis "Ohoi" aufrecht und führt den Zuhörer nahtlos in eine ebenso fremdartige, ja verstörende musikalische Landschaft. Verständlich, dass dieses Werk die musikalische Welt zumindest zum Zeitpunkt der Entstehung in zwei Lager spaltete. Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die romantik-satten und fast schwermütigen, dennoch nach bekannten Strukturen aufgebauten Sinfonien von Johannes Brahms oder Peter Tschaikowski das Maß aller Dinge, von den Klassikern einmal abgesehen. Wagner kannte man nur als Opern-Komponisten und Mahler war gerade Anfang zwanzig. Sinfonische Musik setzte sich für diese Zeit aus klar gegliederten Sätzen mit wiederkehrenden und variierten Motiven zusam- men. Jede Sinfonie hatte ihr eigenes Motiv-Korsett, das ihr die Form und den Zusammenhalt verlieh.
Bruckners Ankunft im Himmel (Nach Zoomen: Wer ist wer?) Nicht so Bruckners Achte. Das beginnt schon mit den vorgegebenen Zeitmaßen. Lautet der erste Satz "Allegro moderato", so durchläuft er doch alle Tempi einer Sinfonie, ja, innerhalb dieses Satzes findet man abgeschlossene "Teilsätze" mit eigenen Tempi und "lokaler" Ausdruckskraft. Deutliche Pausen, die fast an einen Satzwechsel erinnern, trennen diese Unterstrukturen voneinander. Durchgehende, wiederkehrende und abgewandelte Motive findet man selten, wenn nicht nie. Jedes Motiv scheint einmal auf, wird durch wenige Orchesterpartien gereicht und verschwindet wieder. Das statua- rische, langsam schreitende Maß verbreitet eine fast jenseitig-mächtige Atmosphäre, die mancher der frühen (und heutigen) Kritiker als Bombastik denunziert hat. Aber es ist durchaus keine falsche Majestätsmusik, die irgendeinem hohen Ideal huldigt. Gerade die scheinbar mit breiter Pracht daherkommenden Motive bergen eine tiefe Melancholie und Sehnsucht nach dem Absolu- ten. Immer wieder werden sie unterbrochen durch feinste lyrische Passagen, nur, um dann wieder der schmerzhaften Schwermut Platz zu machen. De folgenden Sätze ähneln dem ersten, auch wenn die Tempo-Angaben von "Scherzo" über "Adagio" bis zum "Finale" variieren. Das Scherzo enthält ebenso langsame und eindringlich lyri- sche Elemente wie das Adagio, das äußerst zart einsetzt, seine expressiven Szenen hat. Die ganze Komposition sprengt die Grenzen der bis dato bekannten Sinfonie, gönnt dem Zuhörer keinen Wiedererkennungseffekt, sondern fordert durch den permanenten Wechsel von Tempo, Motiv, Intonation und Ausdruck seine vollständige und ungeminderte Aufmerksamkeit. Die teilweise archaischen und geradezu hypnotischen Klang- bilder und Figuren fangen den Zuhörer buchstäb- lich ein und führen ihn in ein musikalisches Reich ohne feste Grenzen und Bezungspunkte. Die Wirkung dieser Musik ist elementar und greift ans Mark. Um diesen Effekt zu erzielen, muss das Ensemble allerdings Höchstleistungen bringen. Diese Musik kann man nicht halbherzig spielen, dann wirkt sie nur wie Brei. Ständig muss der Spannungsbogen aufrecht erhalten und aus sich heraus neu gestaltet werden. Dies forderte Musi- ker und Dirigenten in einem ungewohnt hohen Maße, denn die Sinfonie selbst dauert nahezu neunzig Minuten. Die verschiedenen Bläser- gruppen müssen nicht nur exakt einsetzen sondern auch die Intonation genau treffen; Ähnliches gilt für die Schlagzeuger, die dieses Mal ebenfalls Schwerarbeit zu leisten hatten. Alle wurden diesen Ansprüchen in höchstem Maße gerecht und hielten bis zu Schluss ein erstaun- liches Maß an Konzentration, wozu Dirigent Stefan Blunier nicht unerheblich beitrug. Der Schlussbeifall war denn auch begeistert bis jubelnd. Selten hatte man so viele Bravos für eine Orchesteraufführung ohne Solisten gehört, und Stefan Blunier ließ es sich nicht nehmen, das halbe Orchester einzeln aufstehen zu lassen und die jeweiligen Solisten für ihre hervorragenden Leistungen zu würdigen. |