Kammermusik von höchstem Niveau

5. Kammerkonzert mit Schubert, Nono und Beethoven
Für das 5. Kammerkonzert der Saison hatte das Staatstheater Darmstadt das Artemis-Quartett einge- laden und dabei das Risiko eines höchst anspruchs- vollen und teilweise gewagten Programms bewusst in Kauf genommen. Und gemäß dem alten Spruch "Wer nichts wagt, der nichts gewinnt" zahlte sich dieser Mut voll aus. Man könnte einen Begriff aus dem mittleren Stück, von Luigi Nono, als Motto über den gesamten Abend stellen: "Fragmente" enthält oder präsentiert in gewisser Weise jedes dieser Werke:


Luigi Nono (1984)

Schubert hat das Streichquartett c-moll D 703 nie voll- endet. Nach einem durchkomponierten ersten Satz endet das Andante des zweiten nach etwa 40 Takte mitten in einer Figur der ersten Violine. Schubert suchte mit dieser Komposition neue Wege, scheiterte jedoch am zweiten Satz und beendete die Arbeit daran. Vielleicht hätte ein länger lebender Schubert die Arbeit an diesem Stück wieder aufgenommen.

Luigo Nonos "Fragmente - Stille, an Diotima" besteht nur aus klanglichen Fragmenten, die wie Inseln unter- schiedlicher Topologie durch große stille Flächen voneinander getrennt sind. Die Sequenzen sind oft nur wenige Sekunen lang und bestehen mal aus kurzen, scharf angerissen Klängen, dann wieder aus lang gezogenen Bögen, wobei die Instrumente die gesamte Palette möglicher Klangbildungen durchlaufen: am Steg gespielt, gezupft, geschlagen, und dabei die feinsten, fast jenseitigen Klänge produzierend. Die Pausen zwischen diesen kurzen Eruptionen sind wohl kalkuliert und setzen die Stille selbst als Klangelement ein. Erst durch diese Pausen füllt sich der Raum mit dem Nach- klang der jeweils vorangegangenen Passagen und verleiht diesen dadurch eine tief gehende und nach- haltige Wirkung. Motive oder gar Themen lassen sich dieser Komposition nicht entnehmen, schon gar nicht deren Durchführung oder Variation. Jede Klanginsel steht für sich und verbindet sich den anderen nur durch die intermittierende Stille. Die Titelangabe "an Diotima" bezieht sich auf Hölderlin-Texte, die jedoch keinesfalls als programmatische Vorgabe gedacht waren und nur als Hintergrund dienen sollten. Die über 35 Minuten andauernde Aufführung stellte an das Publikum äußerste Anforderungen hinsichtlich Aufmerksamkeit und Verständnis. Doch das Publikum wurde diesem Anspruch weit gehend gerecht, reduzierten sich doch die Huster auf wenige, scheinbar unvermeidliche. Und der Pausenkommentar eines Paares, dies sei ja zum Einschlafen langweilig und immer das Selbe gewesen, stellte wohl eine Ausnahme dar.

Beethovens Streichquartett op. 132, eines der berühm- ten "späten", zeichnet sich ebenfalls durch gewisse fragmentarische Charakteristiken aus, jedoch weniger was die kompositorische Struktur als was die Aussage betrifft. Hier endet nämlich die Analogie zu allen menschlichen Emotionen wie Freude, Trauer oder Schmerz. Die Musik ist sich selbst genug, gewinnt ihre Bedeutung allein aus ihren inneren Strukturen. Die lineare, strenge Stimmführung mit sparsamer Motiv- verwendung verweist diese oft "absolut" genannte Musik" ins Jenseitige, Transzendentale. Gerade diese Entrücktheit verleiht dem Werk den fragmentarischen Charakter.


Das Artemis-Quartett mit (v.l.) Eckart Runge, Volker Jacobson, Natalia Prischipenko und Heime Müller

Das Artemis-Quartett mit Natalia Prischipenko (Vio- line), Heime Müller (Violine), Volker Jacobson (Viola) und Eckart Runge (Violoncello) hatte das Programm nicht nur inhaltlich unter dem Aspekt des Fragmenta- rischen zusammengestellt sondern schuf auch in der Interpretation bemerkens- werte Bezüge. Die Tatsache, dass Luigi Nono seinem Stück mit der Interpretations- anweisung "mit innigster Empfindung" das gleiche Motto wie Beethoven seinem dritten Satz (Canzona die ringraziamento), fand auch in der Wiedergabe ihren Niederschlag.

Schuberts Streichquartett litt offensichtlich etwas darunter, dass die Musiker in Gedanken bereits bei der großen Herausforderung der beiden folgenden Stücke waren. Im Tempo einen Tick zu forciert, wirkte der erste Satz etwas hektisch. Obendrein hielt sich Natalia Prischipemko mit der 1. Violine deutlich zurück, so dass der Ton des führenden Instuments etas zu verhalten wirkte. Auch wenn das Quartett eine demokratische Gesinnung zur Grundlage seiner Tätigkeit macht, den anderen Instrumenten mehr Raum gewährt und sogar die beiden Violinen turnusmäßig wechseln lässt, wünschte man sich doch ein etwas akzentuierteres Spiel der ersten Stimme. Über den zweiten Satz lässt sich nicht viel sagen, da er nicht durchkomponiert wurde und mittendrin abbricht. Allerdings ist die Konsequenz aner- kennenswert, auch einmal diesen sonst fast nie gespielten Satz bis zu der verklingenden Violinen- sequenz zu Gehör zu bringen.

Luigi Nonos Komposition stellte Eckart Runge - ein Novum in der Konzerttradition - eine längere Einleitung voran, in der er den Hintergrund des Werkes und seine Eigenarten erklärte. Damit minderte er das Risiko einer durch Unverständnis verursachten ablehnenden Rezeption und berei- tete die Zuhörer auf nahezu 40 Minuten höchst ungewohnter musikalischer Darbietungen vor. Die Interpretation selbst zeichnete sich durch eine außerordentlich hohe Konzentration sowohl der Musiker als auch des - nun vorbereiteten - Publi- kums aus. Allein schon die exakte Einhaltung der durch kein Metronom gesteuerten Pausen war eine Leistung für sich, musste doch die musika- lische Spannung über diese Pausen gehalten werden. Zu kurze Pausen nehmen ihnen ihren Sinn, zu lange mindern die Spannung. Darüber hinaus waren auch die Klangsequenzen durch keinen externen Takt strukturiert, sondern mussten gemeinsam aus dem musikalischen Empfinden geschaffen werden. Dabei eröffnete sich dem Publikum eine weite Palette an Klang- gebilden und -färbungen, vom feinsten, lang gezogenen, kaum noch hörbaren Ton auf einer einzelnen Violinsaite bis zum schroffen Ausbruch einer Akkordgruppe. Das Wechselspiel von Klang und Pause schuf einen solch zwingenden Spannungsraum, dass den Zuhörern die Auffüh- rungsdauer von über einer halben Stunde nicht lang wurde. Als der letzte Ton auf dem Cello nach langsamem Abklingen schließlich kaum hörbar verschwunden war, verharrte Eckart Runge - und mit ihm das ganze Quartett - für mindestens zehn Sekunden wie ein lebendes Bild, um den Ein- druck einsinken zu lassen. Erst dann erlaubte man dem Publikum den erst zögernd, dann begeistert einsetzenden Pausenapplaus.

Beethovens Streichquartett gingen die vier Musi- ker nach der Pause mit geradezu feierlicher Ruhe an. Mit hoher Klarheit und klar konturierten Stimmen präsentierten sie dieses so fremdartig anmutende Werk, dass kaum einen einprägsa- mes Motiv mit Wiedererkennungscharakter anbietet. In Tempo und Intonation wurden die Interpreten Beethovens Musik in vollem Umfang gerecht und entführten das Publikum von Satz zu Satz weiter in das Innere des musikalischen Wesens. Im dritten, langsamen Satz entboten die Musiker dann Luigi Nono einen fernen Gruß, klangen doch die lang gezogenen Striche zeit- weise wie manche seiner Sequenzen. Hier trafen sich eine ihrer Zeit weit vorauseilende Musik des 19. Jahrhunderts und ihr Pendant aus dem späten zwanzigsten. Als das Werk schließlich mit dem Allegro appassionato des fünften Satz endete, ging ein selten anspruchsvoller und gelungener Kammermusikabend zu Ende. Die Zugabe eines französischen Komponisten aus dem zwanzig- sten Jahrhundert rundete diesen Abend stil- gerecht ab, fügte sich diese kleine Komposition doch genau zwischen Beethoven und Nono ein.

Das Publikum würdigte die Leistung des Quar- tetts mit langanhaltendem Beifall und Bravo- Rufen.