| Perfektion und Distanz |
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7. Kammerkonzert mit Radu Lupu |
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Wenn sich der Saal des Großen Haus verdunkelt, betritt Radu Lupu unauffällig, ja fast schüchtern die Bühne im normalen Straßenanzug: dunkle Hose und graues Sakko. Klein und vollbärtig sieht er fast so aus wie eine modernere Variante von Johannes Brahms, den er an diesem Abend zu interpretieren gedenkt. Den Flügel umrundet er hinten, um sich dann auf einem Stuhl - kein Klavierhocker! - entspannt zurückzuleh- nen. In dieser Stellung beginnt er sein Spiel und gibt sie während des gesamten Vortrages so gut wie nicht auf. Er wirkt eher wie ein lockerer Barpianist im Kreise der Freunde und - Ironie - er präsentiert sich optisch fast genau so wie Johannes Brahms auf einem Bild im Programmheft. Ob das als ironische Verbeugung gemeint war?
Solist Radu Lupu.... Das Programm beginnt mit einem "schweren Brocken": Beethovens Sonate op.109 in E-Dur gehört zu den berühmten "späten" Sonaten, die sich kaum noch in das Muster der klassischen Klaviersonate pressen lassen. Zwar dreisätzig, beginnt sie mit einem Vivace und endet nach einem Zwischenspiel im Prestissimo(!) in einem Andante cantabile. Eine solche Abfolge kennt man sonst eigentlich nur von "unvollendeten" Werken. In den einzelnen Sätzen lösen sich die Motive zu kleinsten Klangfiguren auf, ja, lassen sich als solche eigentlich gar nicht mehr erkennen. Wo bei Mozart oder dem frühen Beethoven noch ein Thema explizit über acht bis sechzehn Take vorgestellt und ausge- formt, später variiert und zum Schluss wieder aufge- nommen wird, steht hier anfangs ein fast beiläufiges "Präludium" aus neun Takten, das dann abrupt in ein neues Thema übergeht, das seinerseits wieder in kleinste Elemente zerlegt wird. Für Beethoven wird hier der einzelne Akkord, die einzelne Notengruppe zum Mittelpunkt. Emotionen und Spannungen entstehen in Sekunden durch das Aufeinandertreffen weniger Töne und Harmonien, nur um sofort einer anderen Idee Platz zu machen, die sich kaum noch auf die voran gehende zurückführen lässt. Auch die Tempo-Angaben der einzelnen Sätze sind nur grobe Leitlinien, wechseln sie doch in jedem einzelnen Satz zwischen Extremen. Wie in einem fraktalen Gebilde wiederholt sich die übergrei- fende Tempoeinteilung der Sonate in den einzelnen Sätzen. Radu Lupu präsentierte dieses Werk mit geradezu intellektueller Distanz, die jedoch dem Werk keinen Abbruch tat. Unter Verzicht auf jegliche mimische oder gestische Untermalung konzentrierte er sich vollstän- dig auf die Musik und zwang dadurch auch das Publi- kum, sich auf den eigentlichen Vortrag zu konzentrie- ren. Mit bestechender Klarheit und perfekter Technik gewann er diesem fast sperrigen Stück feinste Nuan- cen ab und folgte den verzweigten thematischen Ent- würfen Beethovens bis in das letzte Detail. Dabei bestach er vor allem bei den leisen Tönen mit einem unglaublich sensiblen Anschlag und sah dabei aus, als würde er zum Feierabend klimpern... Wer sich über die Reihenfolge der Stücke gewundert hatte, wurde bei dem Vortrag von Debussys "Préludes 1-7" eines Besseren belehrt. Sie wirkten in der Inter- pretation von Radu Lupu wie eine Fortsetzung der Beethovenschen Sonate mit weiter entwickelten harmonischen und klanglichen Mitteln.
...und Johannes Brahms Man möchte meinen, dass Beethoven, hätte er denn länger gelebt, auch hier angekommen wäre. Gerade in diesen kleinen Stücken mit so unter- schiedlichen Themen streichelte der Solist förm- lich die Tasten und ließ die Titel der einzelnen Préludes lebendig werden, sei es der heulende Wind in "Le ventdans la plaine", die schwellenden Segel in "Voiles" oder die einzelnen Spuren in "Des pas sur le neige". Nach der Pause eröffnete Radu Lupu den zweiten Teil des Programms mit Brahms´ acht Klavier- stücken op. 76, die im Gegensatz zu Debussy wieder etwas thematischer und kraftvoller daher kommen. Vom französischen Impressionismus zurück zu einem eher norddeutschen Bild mit etwas kräftigeren Farben. Doch auch hier betonte Radu Lupu wiederum die lyrischen Passagen und entlockte den Brahms-Intermezzi und -Cappricios vor allem ihre sensibleren Seiten, ohne dabei jedoch ins Unverbindliche oder gar Sentimentale abzugleiten. Wiederum passend zu den Brahms-Stücken endete der zweite Teil in einer Art Umkehrung der Programmfolge des ersten Teils mit Beethoven. Und so, wie Brahms zeitlich Debussy voraneilt, stammt die zweite Beethoven-Sonate, "Les Adieux", aus einer früheren Zeit des Komponis- ten. Die Komposition mit der Opus-Bezeichnung 81a zeichnet sich gegenüber der E-Dur-Sonate durch wesentlich deutlicher konturierte Themen und durch eine traditionellere Aufteilung aus. Dem "Adagio-Allegro" des ersten Satzes ("Der Abschied") folgt das obligate "Andante", hier "espressivo", des zweiten ("Die Abwesenheit") und das freudige "Vivacissimamente" des letzten (Das Wiedersehen"). Die drei in den Titeln ange- deuteten Gefühlsebenen spiegeln sich in der Musik wieder und lassen sich deutlich verifizie- ren, ohne dass diese Sonate deshalb als Pro- gramm-Musik misszuverstehen ist. Radu Lupu lieferte mit dieser Sonate noch einmal ein Meisterstück seines pianistischen Könnens ab, wobei er auch hier wieder die künstlerische Interpretation über das technische Virtuosentum stellte. Er wird nie einen Klang für einen techni- schen Show-Effekt opfern. Eher verzichtet er auf Brillanz denn auf Tiefe. Bei dieser Sonate fand er genau die richtige Balance zwischen Beethovens Kraft und dem inneren Ausdruck der Musik, die sich oft in wenigen Tonfolgen oder in ungewohn- ten Harmonien niederschlägt. Doch da, wo es sein muss, zum Beispiel im dritten Satz, kann Radu Lupu dann auch alle Register ziehen und den Tonumfang und Klangkörper des Flügels voll nutzen. Das Publikum dankte dem Solisten mit stürmi- schem Beifall und forderte ihm noch zwei Zuga- ben ab, die er ebenso souverän und eindrucksvoll präsentierte.. |