Phantastische Klanggebilde mit Fülle

7. Sinfoniekonzert um Hector Berlioz
Zum 200. Geburtstag des französischen Komponisten Hector Berlioz (1803-1869) hatte das Staatstheater Darmstadt ein Programm um diesen ausgefallenen Musiker herum gestaltet, das neben ihm noch andere Vertreter der gleichen "Schule" präsentierte. Außerdem hatte man eben nicht die "Symphonie Fantastique" des Jubilars in den Mittelpunkt gestellt, sondern die etwas weniger bekannte Komposition "Harold in Italien", und folgerichtig befassten sich auch die anderen Stücke mit dem Thema "Italien".


Eine zeitgenössische Karikatur zu Berlioz´ expressiver Musik

Den Beginn machte Berlioz´ selten zu hörende Kom- position "Le Carnaval romain", in der bereits das Motto des Abends anklang: ausgefeilte und ausgefallene Bilder eines mit allen klanglichen Mitteln spielenden Orchesters. Ein sehr gesangliches Thema in bester italienischer Operntradition leitet dieses Stück ein, eine einzelne Oboe schwingt sich zu einer tragenden Rolle auf, und langsam entwickelt die anfangs liedhafte Musik Temperament und Farbe, wobei Becken und überhaupt das Schlagzeug ausgiebig zu Worte kommen. Bereits das stürmische Finale dieser ersten Komposition erntete spontanen Beifall des Publikums.

Im zweiten Stück vor der Pause präsentierten Dirigent Raoul Grüneis und das Orchester das äußerst farben- frohe und burleske "Rondò arlecchinesco" von Ferruccio Busoni (1866-1924). Deutlich gewagtere Harmonien als bei Berlioz charakterisieren diese Komposition, die das sprunghafte und schalkhafte Wesen eines Harlekins wiedergiebt. Schnelle Wechsel der Themen und Instrumente, Tempobrüche und immer wieder ausgefallene, ja geradezu freche Harmonien lassen keinen Augenblick Langeweile aufkommen. Gerade die exakte Darbietung der sprunghaften, bis- weilen hintergründigen, dann wieder in offenen Witz ausbrechenden Musik veranschaulicht deutlich das Psychogramm des Harlekins, der als scheinbarer Narr doch die Welt erkannt hat und über sie lacht. Aus dem "Off" der Bühne singt dazu Tenor Andreas Wagner Lautmalereien ("La, la,la..."), wie sie eben ein Harlekin von sich geben könnte. Das Stück verebbt mit akus- tisch simulierten Schritten, die sich langsam im Raum verlieren....


Der Dirigent Raoul Grüneis

Den Schluss des ersten Teils bildete Ottorino Respighis (1879-1936) "Pini di Roma" (Die Pinien von Rom). Diese Eloge auf die erst spät ins Herz geschlos- sene Hauptstadt des Stiefellandes gliedert sich in vier sehr unterschiedlich konturierte Sätze. Die "Pini di Villa Borghese" bestechen durch flirrende Streicher- klänge und tänzerisch-rhythmische Motive. Die unmit- telbar folgenden "Pini presso uns catacomba" bezie- hen sich auf die römischen Katakomben und bringen eine Hauch von Schwere und Wehmut mit sich. Ein düsterer Hall wie in unterirdischen Gewölben zieht sich wie ein Muster durch die Komposition, und Unterwelt- Atmosphäre breitet sich im Konzertsaal aus. Im Anschluss daran bringen die "Pini del Gianicolo" eine elegische Klangfarbe mit sich. Klarinette und Klavier - eine im Orchester seltene Kombination - treten in den Vordergrund, und zum Schluss ertönt ein Nachtigallen- gesang zum leiser werdenden Orchester. Der letzte Satz - "Pini della Via Appia" betitelt - bricht mit anfangs leisen, aber dennoch drohenden Marschrhyth- men in die Vogel-Idylle. Langsam aber stetig steigern sich diese Rhythmen, ähnlich Ravels "Bolero", um in immer martialischerer Weise vom Triumph römischer Feldherrn zu zeugen, die mit großem Heer und tausen- den von Gefangenen die Via Appia hinunterziehen. Der Satz endet in einem akustisch unbeschreiblichen Finale sozusagen auf dem Forum Romanum, wo die heimkehrenden Sieger und das Volk von Rom unter äußerster Geräuschentwicklung den Triumph feiern.

Respighi hat hier keinerlei Zugeständisse an die Gehörnerven des Publi- kums gemacht, so dass sich mancher Besucher zum Schluss die Ohren zuhielt.


Die Solistin Isabelle van Keulen

Nach der Pause trat als Solisten die Geigerin und Bratschistin Isabelle van Keulen mit Berlioz´ "Harold von Italien" auf, einer Komposition, die von Anfang bis Ende ähnliche Klangfarben wie in der "Symphony Fantastique" durchströmen. Der Unterschied zu dem berühmteren Werk besteht darin, dass sich die Solo-Bratsche immer wieder mit einem eigenen, eher lyrischen Thema gegen das Orchester mit seinen ausgefallenen und schnell wechselnden Bildern behaupten muss. Hier kämpft das romantische Subjekt gegen eine chaotische Außenwelt. Die Sätze vertonen im Einzelnen "... Melancholie,.. Glück und ...Freude" in den Bergen", einen "Pilergzug, das Abendgebet singend", die "Serenade eines Bergbewohners ... an seine Geliebte" und, zum Schluss, eine ausgelassene "Orgie der Brigan- ten", sprich: Räuber. Wie in der Romantik üblich, kann man die Stimmung der einzelnen Themen passgenau der Musik entnehmen. Die Bratsche hat es zum Schluss schwer, sich gegen das Orchester durchzusetzen, aber das liegt nicht am orchestralen Unvermögen, sondern war vom Komponisten so beabsichtigt. Der empfindsame Individualist des 19. Jahrhunderts kann sich schließlich nicht gegen die Kakophonie der Außenwelt durchsetzen, übernimmt - unfreiwillig in Bruchstücken - deren Themen und verlischt schließlich völlig. Das Orchester triumphiert in einem rauschenden Finale und deckt die Individualität zu.

Beeindruckend bei dieser Aufführung war die Dynamik des Vortrags auf der einen Seite und die äußerste Klarheit und Transparenz auf der anderen Seite. Isabelle van Keulen interpretierte ihren durch lange Pausen unterbrochenen Part mit viel Gespür für den romantischen Gestus und mit weichem, nie nur brillierendem Ton. Trotz höchster Lautstärke vor allem der Blechbläser wirkte die Musik nie breit oder gar schwülstig sondern bis zum Schluss diszipliniert und gesto- chen. Raoul Grüneis hielt das Orchester unter vollem körperlichen Einsatz zusammen, und bis- weilen sprang er schon mal hoch oder zur Seite, um den überfallartigen Einsatz einer Instrumen- tengruppe zu markieren. Entsprechend erschöpft nahm er denn auch den anschließenden, begeis- terten Beifall des Publikums entgegen, wobei er sich mit Solistin Isabelle van Keulen einen Wett- streit an Höflichkeit lieferte, wenn er beim Beifall des Publikums bescheiden im Hintergrund blei- ben wollte, sie ihn aber energisch an die Rampe zwang. Freundliches Lachen im Publikum zum lautstarken Beifall. Grüneis vergaß darüber jedoch nicht das Orchester, aus dem er immer wieder die herausragenden Intrumentalisten, dies- mal vorrangig die Bläser, aufstehen ließ, um ver- dienten Sonderbeifall entgegen zu nehmen.